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Conrad Ferdinand Meyer

ENGELBERG

Eine Dichtung


Ein firnbeglänztes Alpental,
Durchstreift in meiner Jugendzeit,
Stieg vor mir auf mit einemmal
In seiner herben Lieblichkeit,
Mit seinem Himmel tief und rein,
Um düster schroffes Felsgestein,
Mit seinem Himmel tief und rein,
Mit seinen hellen Wasserstürzen -
Ich atmete die Kräuterwürzen!
Was ohne Kunst ich dir erzähle,
Hab ich, o Leser, nicht ersonnen,
Es ist des Alpentales Seele,
Die hier von selbst Gestalt gewonnen.

Frühjahr 1872

I

Einsam und dunkelzackig stand
Des Engelberges schroffe Wand,
Ein wild zerrissen Felsgestein,
Am Morgenhimmel blaß und rein.
Steil senkre manche Schlucht und Rinne
Sich von des Gipfels öder Zinne
Und stieg in breiten, schattgen Falten
Hinunter in der Nebel Walten.

Genüber thronte silbergleich
Der Titlis in der Lüfte Reich.
Leis schwebt ihn an ein Rosenglimmer,
Ihn überfliegt ein Freudeschimmer,
Des Königs blasses Haupt erwacht,
Zu Lebensröten angefacht,
Auf seine Stirne tritt das Blut,
Und immer wärmer strömt die Glut,
Den Purpurmantel nimmt der Greis,
Dann weckt er seiner Diener Kreis,
Und um den hohen frühen Alten
Beleben sich die Berggestalten.
Die dunkel nun zu glühn beginnen,
Das sind des Engelberges Zinnen.

Jetzt aus der Nebel duftgem Wallen
Steigt feierliches Glockenhallen,
Und in des heilgen Tones Kreis
Zerteilen sich die Schleier leis.
Das Kloster in des Tales Grund
Tut seines Abtes Hingang kund.
Es ist das alte Gotteshaus,
Zu dem die Pilgerwege führen,
Seit hier gesiegt im Todesgraus
Der Märtrer Kurd von Seldenbüren,
Und über ihm die Engel sangen
Und immergrüne Palmen schwangen.
Es ruft der Glocken ehrner Mund
Bis morgenhell der Wiesengrund,
Wo stattlich sich die Klöster sonnen,
Eins heilger Mönche, eins der Nonnen.

Aus Bergestannenschatten tritt
Ein Mann mit rüstgem Wanderschritt,
Das schwarze Mönchsgewand geschürzt,
Der querfeldein die Wege kürzt.
Ein fest entschlummert Mägdlein liegt
Blond seiner Schulter angeschmiegt,
Er hält die zarte Last geborgen
Im Priesterkleid mit frommen Sorgen.
Rasch schreitet durch die feuchten Aun
Er hin zum Klostertor der Fraun,
Und vor dem heilgen Zufluchtsorte
Pocht kräftig jetzt er an die Pforte.

Da wird vom kleinen Gitter oben
Gemach das Lädlein weggeschoben,
Und es bescheint das Tageslicht
Ein runzelvolles Angesicht.

Er grüßt: "Gelobt sei Jesus Christ!"
- "In Ewigkeit!" spricht Schwester Marthe,
"Hilar, Ihr kommt zu guter Frist,
Schon seit der ersten Frühe harrte
Ich sehnlich, daß mir Nachricht werde,
Wie unser Gnädger ließ die Erde.
Wohl, dacht ich, wird sich heut erwahren,
Daß singend Engel niederfahren,
Wie's frommen Äbten oft geschehn
Vorzeiten beim Vonhinnengehn.
So gab ich auf das Wunder acht
Und lauschte still die ganze Nacht.
Da hört ich um die Morgenhelle
In meinem eifrigen Gebet
Musik der himmlischen Kapelle,
Vom Engelberge hergeweht."
Jetzt wiegt gedankenvoll Hilar
Das Haupt und spricht: "Du redest wahr!
Was hier dein gläubig Ohr entzückt,
Am Berg ward ichs zu schaun beglückt."
- "Um Gott, Ihr saht den Engelreigen?"
- "Demut gebietet mir zu schweigen."
- "Zu solchem wart Ihr auserwählt?
Gesegneter des Herrn, erzählt!"
- "So höre, kann es dich erbaun,
Was ich gewürdigt ward zu schaun;
Doch kümmerlich nur kann erreichen
Mein armes Wort, was ohnegleichen.
Kurz ehe Tag und Nacht sich scheiden,
Stieg auf ich zu des Rotstocks Weiden,
Allsommerlich muß dort nach alten
Gebräuchen ich die Messe halten,
Und eben klettert ich entlang
Des Engelberges steilen Hang.

Ein Wölklein schwebt' am Firmament,
Als hätt es, eine weiße Locke,
Vom Titlishaupt sich losgetrennt,
Doch immer schneller wuchs die Flocke,
Sie flog im Morgenwind heran
Und dehnte sich zum Wolkenkahn.
Beweglich schienen seine hellen
Durchsichtgen Segel sich zu schwellen,
Es ließen ihn die dienstbereiten
Frühwinde rasch talüber gleiten,
Und wenn ihm eine von den scharfen
Berglüften nah vorüberstrich,
Erschauert' es wie Geisterharfen,
Wie süße Saiten regt' es sich.

Es war die Barke oder Wolke
Gefüllt mit festlich frohem Volke.
Inmitten stand in wehndem Schleier
Die hehre Königin der Feier,
Cäcilia mit sel'gem Schall,
Des Paradieses Nachtigall,
Umringt von edler Knaben Schar;
Und aus dem Nachen hier und dort
Sahn blonde Kinder morgenklar
Mit frohen Augen über Bord.

Jetzt hat der Nachen angelegt,
Wo hoch der Berg die Zinne trägt.
Den Felsengipfel wild gezackt
Betritt die Meisterin im Takt,
Und mit den Flöten, mit den Geigen
Umlagert sie der helle Reigen,
Bereit den Abbas zu begrüßen;
Die Kleinsten saßen ihr zu Füßen,
In ihres Mantels Schutz gehalten,
Und spielten mit den Purpurfalten.

Ich schlich mich klimmend in die Nähe,
Ob ich vernehme, was geschähe.
Andächtig an verborgn m Orte
Hört ich der Heil'gen süße Worte.
Sie sprach:,Sein Stündlein ist gekommen
Dem greisen Engelberger Abt,
Herr Heinrich war vor allen Frommen
Mit Liebe zur Musik begabt,
Der Violine süße Geister
Gehorchten ihm als ihrem Meister.
Sankt Jürg, der flugs vom Leder zieht,
Ist tapfern Rittern ein Behüter,
Ich hege, das ist mein Gebiet,
Melodisch friedliche Gemüter.
Herr Heinrich hat mir frommgemut
Kapell und Altar aufgebaut,

Da steht mein Bild in Rosenglut
Und lächelt hold wie eine Braut.
Sein Klostervolk erzog er sich
Mit Hunger nicht und Geißelstreich,
Er schufs mit sanftem Bogenstrich
Zum heiligsten im deutschen Reich.
Doch nun ist ihm das Blut versiegt,
Ich sehe, daß er sterbend liegt.
Noch möcht er nach dem Bogen greifen,
Doch ist er seiner Hand zu schwer,
Und mit der abgezehrten, steifen
Pflückt auf der Decke Blumen er.
Stimmt an! Daß ihm der Tod nicht bang,
Tun wir ihm Beistand mit Gesang!"
Sie winkt! Ein heller Chor erscholl,
Ein Kinderjubel himmlisch klar,
Der Heil'gen mächtge Stimme quoll
Aus Herzenstiefen wunderbar.
Und, sieh, da kam der Abt gezogen,
Das Antlitz licht und das Gewand,
Und Geige gaben gleich und Bogen
Sie dem Verklärten in die Hand.
Herr Heinrich musizierte leis,
Umgaukelt von dem hellen Kreis.
Wie sich ein Kranz in Eile flicht,
Wie Blume sich an Blume reiht,
Schwebt' Angesicht an Angesicht
In unschuldsvoller Fröhlichkeit;
Und mit verstärkter Macht erscholl
Der Jubelsturm, der Freudechor,
Der Zug bewegt' sich wonnevoll,
Und wiegte sich und schwand empor.

Wie noch ich in Verzückung stand,
Quoll Glockenton aus Talesgründen,
Den Klosterleuten rings im Land
Des frommen Herren Tod zu künden."

Jetzt faltet Marthe froh die Hände
Und spricht: "Fürwahr, ein herrlich Ende!"
Fortfährt Hilar nach kurzem Sinnen:
"Hei, dacht ich, das ging rasch von hinnen!
Wenn sie so keck gen Himmel fahren,
Mich sollt es wundern, ob nicht eines
Zurück blieb aus den hellen Scharen,
Ob nicht verlorenging ein Kleines?
Wo Englein rings an Englein lacht,
Wie hätte man auf jedes acht?
So denkend, schon gewandt zum Gehn,
Fiel ein mir, rückwärts noch zu sehn.
O Wunder! An des Berges Zinnen
Sah wehen ich ein blankes Linnen!
Ich trat heran. Da saß ein Kind,
Mit seinen Locken spielt' der Wind,

Zum Hemdlein war die lichte Schwinge
Gewandelt! Das sind hohe Dinge!
Ein Magdlein schiens. Wie ging das her?
Es ist dem Menschengeist zu schwer!
Die Heil'ge war nicht zu errufen,
So hob ichs in die Arme sacht
Und stieg hinab des Berges Stufen.
Hier ists! Ich hab es dir gebracht."

II

Die Pförtnerin des Klosters stand,
Ein blondes Mägdlein an der Hand,
Vor der Äbtissin Angesicht,
Drin Strenge dämpft der Schönheit Licht.
Demütig klingt das Wort der Alten:
"Wohl kann ich noch der Pforte walten,
Doch, wenns die strenge Regel litte,
Hätt ich, Frau Mutter, eine Bitte.
Mein Ohr wird taub, mein Tritt wird schwer,
Mein Blick hat keine Schärfe mehr.
Dies Waislein, das heut hergekommen
Und das so fremd und schüchtern blickt,
Zu Hilfe mir und ihm zu Frommen
Hats uns der liebe Gott geschickt.
Mir wärs zu manchem Dienste schicklich,
Wenn erst ichs unterwiesen habe,
Und jetzt schon ist es mir erquicklich
Als Alterstrost und Augenlabe.
Erhöre, Herrin, mein Gesuch,
Mit deiner Herde laß es weiden!
Gewähr ein Restchen Klostertuch,
Das nackte Würmchen zu bekleiden!"
Dann raunt' zum Kinde sie gewandt:
"Arm Engelchen, küß ihr die Hand!"
Und nieder auf die fremde Kleine
Blickt flüchtgen Augs die stolze Reine
Und winkte gnädig Jächelnd: Ja.

So blieb im Kloster Angela.
Im Gotteshaus. Doch fern den Zellen
Und unbekannt den Himmelsbräuten,
Reicht sie mit Marthen vor den Schwellen
Die Zehrung armen Pilgersleuten.
Hilarius riet der gläubgen Alten,
Das Wunder still für sich zu halten.
Sie schwieg, doch ihre Lust ist groß,
Daß sie zu pflegen ward erlesen
Ein Kind, das in Cäciliens Schoß
Ein singend Englein schon gewesen.
Die fromme Neugier, ungestillt,
Ward täglich schwerer ihr zu tragen,
Bis einst der Mund ihr überquillt,
Verblümt den Engel auszufragen:
"Siehst du die Herde, Kind, im Blau?
Die Schäfchen auf der Himmels-Au?
Sie ziehn zum Engelberge dort -
Besinne dich! Du kennst den Ort!
Du warst ja bei den Reinen droben,
Die Gott mit feinen Harfen loben!
Du schwebtest durch den Himmelsglanz
Auf Flüglein schon im Ringeltanz!

Du schweigst? Heut bist du nicht gelaunt?
Flögst wieder lieber mir von hinnen?"
Das Kindlein sieht sie an erstaunt
Und sinnt; es kann sich nicht besinnen.
Sein Blondkopf sinkt vom Denken schwer,
Bis es entschlummert in den Decken.
Frühmorgens ist sein Lager leer
Und Marthe außer sich vor Schrecken!

Im Hemdlein wandert durch das Tal
Ein Kind im Morgensonnenstrahl
Und sieht die Schäfchen hocherfreut
Lichtweiß am Engelberg zerstreut,
Vergnügt will nach den Silberstreifen
Es wie nach hellem Spielzeug greifen.
Dann setzt es, klüger schon bedacht,
Ein Füßchen vor das andre sacht

Und wandert nach des Berges Neige,
Daß ungesäumt es ihn ersteige.
Es schreitet durch der Matten Grün,
Blaufalter flattern, Blumen blühn,
Und allwärts winken und verlocken
Im Wiesengrunde Stern' und Glocken.
Die Kühe liegen wiederkauend,
Aus braunen großen Augen schauend,
Und eine hebt sich, schön gefleckt,
Die feuchten Nüstern vorgestreckt,
Es sagt ihr Blick mit Neubegier:
Wer ist das feine Mägdlein hier?
Ihr lacht das Kind ins Angesicht:
Was du mich fragst, das weiß ich nicht!
Jetzt klimmt es schon an steilerm Hang
Und kriecht ein rauh Gestein entlang,
Doch hüten sich die scharfen Spitzen,
Die zarten Sohlen ihm zu ritzen.
Nun aber steht es still und lauscht:
Was kommt so eifrig hergerauscht!
Ein Gießbach, der sich silbern schwingt
Und über träge Felsen springt.
Es spricht: "Ich sehe, du hast Eile,
Drum laß ich dich vorübergehn!"
Und es ergötzt sich eine Weile,
Den krausen Wellen nachzusehn.
Jetzt, meint es, hüpft ins Tal er nieder,
Da kommt er von der Höhe wieder.
Müd setzt es sich auf einen Stein
Und harrt und harrt und schlummert ein.

Am Felsen klirrt ein sichrer Tritt,
Es rieseln Sand und Kiesel mit,
Und einer Sense schneidend Licht
Blitzt über dunkelm Angesicht.
Ein Heuer trägt die duftge Last
Von Gras in grobes Tuch gefaßt;
Und wie das Mägdlein goldgehaart
Am Bache sitzen er gewahrt,
So ruft er:,Wen erblick ich da?
Die kleine Kloster-Angela!

Was willst du an der Felsenwand?"
- "Heim zu den Himmelsschwesterlein!"
Hell lacht er: "Kleiner Unverstand!
Da mußt du erst gestorben sein.
Das hat noch Weile. Komme jetzt!"
Auf einen braunen Arm gesetzt,
Kehrt Engel heim von seiner Flucht
Zu Marthen, die verzweifelnd sucht.

Seit solches Unheil ihm entsprossen,
Blieb Marthens kluger Mund geschlossen.
Nie läßt das Kind sie außer acht,
Mit Fleiß es hütend Tag und Nacht;
Man fand es sicherlich um Marthen,
Im Pförtnerstübchen und im Garten,
Und mit der Alten durch die Luken
Sah man ein lustig Englein gucken.
Gern folgte durch die Turmesengen
Der Glöcknerin sie zu den Strängen,
Und in der Glocken schütternd Hallen
Ließ sie das kleinste Glöcklein schallen.
Auch lernte sie die Spindel drehn
An sonnenlosen Wintertagen
Und durfre bunte Bilder sehn
Und hörte schöne Heil'gensagen.
So lernte sie die Märtrer kennen
An Rad und Rost, an Schwert und Pfeil
Und auf den ersten Blick benennen
Nach eines jeden Todesteil.

Im Chore war sie nicht zu finden,
Wann dort die Schwestern Mette sangen,
Doch durfte sie die Sträuße binden,
Die rechts und links am Altar prangen.
Im Garten suchte sie das Beste
Zum Farbenschmuck der Kirchenfeste,
Mit vollen duftgen Blumenketten
Bekränzte sie die heil'gen Stätten
Und flocht aus weichem Moos und Eppich
Dem Fuß des Priesters einen Teppich.

Und wann die Kirche sie betrat,
Ob morgens früh, ob abends spat,
Vor Gottes Mutter fromm das Knie
Zu beugen, sie versäumt' es nie,
Sie grüßte treugesinnt die Milde,
Die auf gen Himmel fährt im Bilde.
An ihrem Wolkenschemel hangen
Die Engelknaben ohne Bangen.
Und einer lacht sie schelmisch an:
Da bist du wieder, Herzgespan!
Und einer neigt sich aus dem Chor
Und streckt die Hand: Fahr mit empor!

III

Zwölfmal des Eises Decke schmolz,
Zwölfmal ergrünte frisch das Holz;
Doch Engel kümmert' nicht die Flucht
Der Zeit, der eilgen Stunden Jagd,
Sie wuchs in Fleiß und strenger Zucht
Empor zur schlanken, hohen Magd.
Ihr Antlitz schimmert blaß und fein,
Märzglocken gleich am feuchten Rain,
Die halb noch blühn im Winterschatten,
Bevor die Sonne wärmt die Matten;
Doch ihrer weißen Stirn entsproß
Von blonden Haaren eine Macht,
Die sich verschwenderisch ergoß
In schwerer Ringe goldner Pracht,
Und unter diesen stolzen Wogen
Ging sie, den Nacken still gebogen.

Vor wenig Tagen wars geschehn,
Daß Schwester Marthe, wohl versehn
Mit Trost, in friedlichem Erblassen
Die Zeit gesegnet und verlassen.
Im leeren Pförtnerkämmerlein
Haust Engel nun am Tor allein.
Sturm brauste, Mitternacht war nah,
Als an das Tor ein Schlag geschah,
Und durch das Fensterlein, das enge,
Schaut Engel in ein Roßgedränge.
An Lanzen, Helm und Harnisch bricht
Sich unstet flackernd Fackellicht.
Die Renner stampfen mit den Hufen,
Von wilden Stimmen wird gerufen,
Und wieder kracht aufs Tor ein Streich:

"Wir sind erwartet! Öffne gleich!"
Da eilt sie durch des Hofes Schweigen
Die Klostertreppen zu ersteigen,
Es fallen auf die dunklen Steine
Der Bogenfensrer helle Scheine,
Noch brennt die Ampel im Gemach,
Noch ist die Abbatissin wach.
Auf des gewölbten Ganges Wegen
Tritt ihr die Herrin schon entgegen
Und tut ihr mit gestrengem Mund
Des Klosters späte Gäste kund:
"Mein Bruder ist, der Kyburg, da.
Schließ auf die Pforten, Angela!"
Rasch öffnet sie des Tores Flügel,
Und Herr und Dame ritten ein,
Die Fremde gleitet aus dem Bügel,
Eh man zu Dienst ihr konnte sein,
Und als an der Äbtissin Hand
Sie auf der Klosterschwelle stand,
Wie war sie still, wie war sie bleich,
Als trete sie ins Totenreich!
Und die das weiße Bild gebracht,
Verschwanden wieder in die Nacht.

Sobald der Wintermorgen wach,
Ward in der Herrin Vorgemach,
Das stets mit Demut sie gemieden,
Die blonde Angela beschieden.
Am Fenster saß die fremde Maid,
Die Stirn gefurcht und schwer von Leid,

Versunken in die Flocken starrend,
Auch sie der Abbatissin harrend.
Aufschreckt die Träumende das Wort
Der Mutter: "Friede sei mit dir!
Dich, Engel", fuhr die Herrin fort,
"Geb ich dem edeln Fräulein hier
Zu Dienst und Pflicht in meinem Haus.
Was sie dich heißt, das richte aus.
Sei willig ihr zu allem Guten,
Was ihr beliebt, dir zuzumuten.
Zeigst du dich treu, wo du berufen,
Heb ich dich wohl zu höhern Stufen,
Denn, ob du auch von den Geringen,
Zur Laienschwester kannst du's bringen.
Sei, Nichte, hier in deiner Stille
Dir tröstlich Engels guter Wille!"

Und Engel zeigte sich getreu
Und ließ sich dienstbar gern erfinden,
Doch blieb ihr eine bange Scheu
Vor ihrer Herrin zu verwinden,
Und oft mit leiser Furcht betrachtet
Sie dieses Antlitz schwer umnachtet.
Die Brauen schließen sich, die feinen,
Auf friedeloser Stirn zusammen,
Und unter seidnen Wimpern scheinen
Bald trüb die Blicke, bald wie Flammen.
Oft saß sie da in trägem Staunen,
Oft schritt sie schnell und ohne Rast,
Heut ist sie herrisch, herb von Launen,
Und morgen weich und kindlich fast.
Unnahbar jetzt in sich verschlossen,
Mit heißen Tränen dann begossen.
Oft sucht sie eifrig in der Schrift
Nach einem Spruch, der sie betrifft,
Dann läßt sie wieder, leer an Glauben,
Die heil'gen Rollen sich bestauben;
Und nimmt die Laute sie zur Hand,
Läßt mitten in den süßen Tönen
Sie wie an einer Felsenwand
Ihr Lied zerschmettern und verstöhnen.
So hausten in derselben Zelle
Das dunkle Wesen und das helle.

IV

Noch lag der blanke Schnee im Tal,
Doch schien der Märzensonne Strahl.
Zur Mittagsstunde rauschte schon
Des Schmelzens frischer Rieselton;
Doch unterm Himmel licht und warm
Lag kalt die Erde noch und arm
Am Gitterfenster heischten Speise
Der Sperling und die Spiegelmeise;
Und Engel, saß die Herrin stumm,
Vom Gram verdunkelt um und um,
Begann die Vögel zu erfreuen,
Brotkrumen auf den Sims zu streuen,
Und durch die Gitterstäbe schritten
Sperling und Fink mit freien Sitten,
Das fromme Kloster, wußten sie,
Ermangelt reichen Vorrats nie.

Als einst sie durch das Gitter schlüpften
Und lustig auf dem Simse hüpften,
Fuhr auf im engen Zellenraum
Schön Jutta wie aus bösem Traum,
So daß erschreckt von ihrem Feste
Entflohen die gestörten Gäste.
Sie trat ans Fenster, seufzte tief,
Sie griff durchs Gitter, und sie rief:
"Husch! Dürft auch ich die Flügel regen!
Fortbrausen mit dem wilden Bach!
Schon vor der Sonne auf den Wegen
Und noch mit Mond und Sternen wach,
Mein Brot erbettelnd ohne Scham,
Statt zu verschmachten hier im Gram!"

Da sah sie Engel an entsetzt,
Sprach: "Rauh ist noch der Winter jetzt,
Und rauh ist auch der Menschen Art,

Der Erdenweg bedornt und hart.
Sind nicht wir in des Klosters Hut
Bewahrt vor Fehl und Fährde gut?"

Drauf Jutta:,Wie du kindisch bist!
Du weißt nicht, was das Leben ist!
Was wärs, was dich von dannen triebe,
Kennst doch du weder Haß noch Liebe!
Doch wer den stolzen Flug versucht,
Der auf des Glückes Gipfel führt,
Doch wer die süße Lebensfrucht
Mit durstgen Lippen schon berührt,
Der lernt die Höhn und Tiefen kennen,
Der weiß, wie Haß und Liebe brennen,
Und ob er auch zerschmettert wäre,
Ihn schaudert vor der Klosterleere.

Hör an! Du wirst mich nicht verraten!
Ich seufze hier im Kerker, Kind!
Gewalt an meiner Freiheit taten,
Die mir zum Schirm verpflichtet sind.
Ich bin verwaist seit jungen Tagen,
Man hat mich von der Eltern Gruft
In meines Oheims Burg getragen,
Kyburg, umweht von Waldesluft.
Mit mütterlicher Treue minnte
Die Muhme mich, die mildgesinnte.
Vom Ohm war wenig nur die Rede,
Er lag am Hof und zog in Fehde.
Zu Haus erspeichert der Verhaßte
Durch schnöden Druck das dort Verpraßte.
Ihm lebt ein Sohn - er gleicht ihm nicht!
Wir spielten an der Muhme Knie,
Vom Morgenschein zum Abendlicht
Verließ er die Gespielin nie.
Er machte sich mit mir zu schaffen,
Daß ich die Armbrust führen lerne.
Im Winter saßen wir beim Pfaffen
Vor einem Buch und lernten gerne;
Und als wir wuchsen, ward der Jagd
Von uns gepflegt im grünen Tann,
Den Junker und die Edelmagd,
Die kannt und grüßte jedermann.
Wetteifernd blieben wir Genossen
Mit gleichen Waffen, gleichen Rossen.
Mich machte keine Kluft erbleichen,
Denn nicht an Mut wollt ich ihm weichen.

Und einig erst in Kindesmut,
Bald wurden wirs in Liebesglut.
Und tat es nicht der Muhme Mund,
Ihr Auge segnet' unsern Bund.
Sie starb und ließ mich Herrin fast,
Mir huldigte Gesind und Gast.
Doch eines Tags, weh unserm Glück!
Kehrt unversehns der Ohm zurück.
Er grüßt mich kaum, so rief er schon
An seine Seite sich den Sohn.
Erst leert' er jach den vollen Becher,
Dann sprach zurückgelehnt der Zecher:
,Hug, eine Herrin muß aufs Schloß!
Ich kürte dir ein Ehgenoß,
Das Fräulein ists von Rapperswyl.
Der Handel eilt, wir reiten morgen,
Denn drüben gibts ein Ritterspiel;
Das Weitre magst du selbst besorgen.
Das Goldkind ist uns zugesagt,
Wir reiten morgen, eh es tagt.'

Ich stand dabei mit dumpfer Stirn,
Er sah mich an: ,Du, bleiche Dirn,
Du mußt, ich kann dirs nicht ersparen,
Nach Engelberg ins Kloster fahren.
Schon sandt ich dessen Kunde gestern,
Dort waltet eine meiner Schwestern.
Du bist von altem, edlem Blut,
Doch freit dich keiner ohne Gut.
So magst in Kirchendienst du treten,
Für unsrer Seelen Heil zu beten.'

Hug konnte keine Frist erbitten,
Und als sie früh vor Tag verritten,
Stand ich am Tor im Morgentaue,
Von Harm das Auge schwer befeuchtet,
Er schwieg, doch hat ein: Harre, traue!
In seinem Blicke hell geleuchtet.

Ich hab ihn nimmermehr gesehn!
Nach dreien Tagen ists geschehn,
Da stieß der Türmer grell ins Horn,
Eintritt der Graf in wildem Zorn
Und herrscht' mich an: ,Mach dich bereit!
Nach Engelberg! 's ist hohe Zeit!'
Jetzt kennst du meines Unheils Lauf,
Tatst du ja selbst das Grab mir auf!"

Stumm lauschte Engel der Geschichte
Der Herrin stumm und atemlos,
Dann rollten ihr vom Angesichte
Die hellen Zähren in den Schoß.
"Wir wollen zu den Heilgen flehn",
Sagt sie, "so wird es besser gehn,
Und eines sicher dir beschieden,
Ob Erdeglück, ob Himmelfrieden.
Komm, knien wir vor den Helfern!" - "Nie",
Schreit Jutta wild, "ich hasse sie!
Lang lag ich auf den Knien betört,
Es hat mich keiner je gehört!
Nein, laß uns raten, laß uns sinnen!
Doch, ach, ich kann ja nichts beginnen!
Wüßt ich, wo der Geliebte weilt,
Ich wäre längst zu ihm geeilt,
Die Riegel hätt ich längst zerbrochen,
Gelaufen wär ich Tag und Nacht
Und hätte mich mit Herzenspochen
Im Jubel ihm zurückgebracht!
Doch er, er kennt ja meine Ketten!
Er muß mich suchen, muß mich retten!
Wär er durchströmt von meinem Blut,
Er steckt' in Flammen dies Gemäuer,
Er trüg in Liebesfrevelmut
Mich hoch im Arme durch das Feuer!
Und kommen wird er - Engel, glaub
Es mir - und holen seinen Raub!
Ich bin umstellt, ich bin bewacht,
Auf dich, o Kind, hat keiner acht.
Du kennst den Turm, du weißt die Pforten,
Laß Blicke schweifen allerorten!
Steig auf die Höhe, nimm den Lauf
Bis an des Klostertales Grenzen,
Sieh, ob von Grafenort herauf
Nicht Speere durch die Tannen glänzen!
Geh täglich, stündlich! Hab Erbarmen,
Bring Lust und Leben einer Armen!"

Und Engel ging. Und klang ein Huf,
Blitzt' ein Geschirr, erscholl ein Ruf,
So pocht' ihr freudig selbst das Herz,
Sie fühlte selbst Enttäuschungsschmerz,
Wenns friedlich nur ein Säumer war
Mit schwerbeladner Mäuler Schar,
Die langsam, eines nach dem andern,
Auf rauh besteinten Pfaden wandern.

So zwischen Hoffen und Verzagen
Spann eine Reihe sich von Tagen.

Jetzt drang der Lenz ins Tal mit Macht,
Warm ward der Tag und lau die Nacht.
Die Bäche rauschten frischen Klang,
Das Grün aus Baum und Wiese sprang
Da sprach einmal die gnädge Frau:
"Such, Engel, Blumen auf der Au!
Du mußt uns heut die Kirche schmücken,
Wie deiner Hand wills keiner glücken."
Und Engel tat, wie ihr befohlen,
Sie ging und kehrt' mit flüchtgen Sohlen,
Von ihrer Lieblingsarbeit helle,
Kam sie zurück in Juttas Zelle.
Die sitzt versteint, ihr Auge brennt,
Sie starrt auf einen goldnen Reif,
Daneben liegt von Pergament
Ein schmaler, frisch beschriebner Streif.

Und Engels klares Auge trifft
Den Spruch, der Juttas Blicke bannt:
Weh! Jutta vale! sagt die Schrift.
Und Engel forscht: Von wessen Hand?
-,Von ihm. Der Ring ist wieder mein,
Und morgen kleiden sie mich ein."

Des Tages lange Helle wich,
Das Dunkel kam und senkte sich,
Und Engel lauschte bang im Düstern
Und hörte nur ein stetes Flüstern,
Das lauter wurde manche Male,
Dann tönt' es: Vale, Jutta, vale!
Und drauf ein Schrei! Dann gleicherweise
Beginnt das Flüstern wieder leise.

Als Engel auf den Laden schloß,
Und Morgenglut durchs Fenster floß,
Erhebt sich Jutta rasch und preßt
Das Antlitz an das Gitter fest.
Der Garten sendet auf zu ihr
Der morgenfrischen Erde Düfte,
Sie schlürft den Balsam mit Begier,
Sie trinkt und trinkt die würzgen Lüfte.
"Ich wittre Freiheit!" ruft sie jetzt
Und zittert leis im Morgenschauer.
"Sieh, Engel, schimmern taubenetzt
Das Röslein an der Klostermauer...!
Wie ist es frisch, wie ist es rot,
Das erste, das der Frühling bot!
Bringst du mirs nicht...?" und Engel blickt
Und eilt der Herrin gleich zuliebe,
Unmöglich daß, von ihr geschickt,
Im kleinsten Dienst sie lässig bliebe.
Schon fliegt sie durch die grünen Gänge,
Schon späht sie durch das Blattgedränge,
Sie hat den Zweig herabgezogen,
Sie hat die Rose schon gepflückt,
Dann winkt sie nach dem Fensterbogen
Und zeigt das junge Rot beglückt,
Und wieder eilt sie, wie auf Schwingen,
Der Herrin Lenzesgruß zu bringen.

Nun steht sie in der Tür und graut
Vor dem Verderben, das sie schaut.

Schön Jutta liegt langhin gestreckt,
Die Stirn zerschmettert, blutbedeckt.
Berieselt ist mit dunkelm Blut
Die Mauer, hell von Morgenglut,
Und alles still. Ein Vöglein nickt
Am Fenster nur, das Krumen pickt.

Und Engel wirft in tiefstem Jammer
Sich nieder in der Unglückskammer,
Der Herrin Haupt, noch ist es warm,
Sie hebts und faßts in ihren Arm.
Aus Juttas Auge bricht ein Strahl,
Flammt ein Triumph: Nun bin ich frei!
Dann flackerts auf zum letztenmal,
Erlischt und starrt. Es ist vorbei.
Streng wird der Toten Angesicht
Und furchtbar... Engel kennt es nicht.
Noch hält sie's stets im Arm entsetzt -
Horch!, ferne Tritte hallen jetzt,
Sie kommen näher, und die Magd
Springt auf, von jähem Schreck gejagt,
Sie gleitet über Gänge, Stufen,
Sie flieht und hört sich noch gerufen,
Angstvoll, mit furchtbetörten Sinnen
Stürzt aus dem Kloster sie von hinnen.

V

Talauf, durch taubeträufte Matten!
Sie achtet nicht auf Pfad und Gruß.
In dämmerfeuchte Tannenschatten
Trägt sie der angstbeschwingte Fuß,
Jetzt über eines Stammes Brücke,
Darunter Wellen wirbelnd jagen,

Jetzt durch die Schlucht, wo Felsenstücke
Als ungestalte Pforte ragen,
Jetzt über wirre Wurzelschlangen,
Davon die Erde weggewaschen,
Zuletzt, wo jäh die Wände hangen,
Hemmt ratlos sie den irren, raschen.
Noch drang der Morgensonne Licht
In diese tiefe Wildnis nicht.

Sie lehnt sich an die Felsenwand,
Von der ein Bach herniederschmetrert,
Das Antlitz birgt sie mit der Hand,
Die andre hält noch unentblättert
Die Todesrose. Durch das Moos
Rinnt Wasser, sie ist tränenlos.

Die Tannenschlucht ist wohlbekannt
Im ganzen Engelbergerland.
In des Gebirges Wall gerissen,
Ist sie von Felsen rings umstellt,
Und da jedweden Weg wir missen,
Heißt hier das Ende es der Welt.

Die Rose fällt aus Engels Hand.
Die Maid erwacht aus ihrem Sinnen
Und schaudert - blutig ihr Gewand!
Da sieht sie helle Wasser rinnen,
Und klettert rasch von Stein zu Stein
Zur Welle, wie Kristall so rein.
Sie kniet und hält das Kleid entgegen
Dem frischen Guß, dem Silberregen;
Und wie sie's taucht und wie sie's reibt
Und tief am Bache knien bleibt,
So hat sie nicht ihn kommen sehn,
Sieht nicht ihn gegenüberstehn,
Der keck von Fels zu Fels sich schwang,
Wo dort die Kluft im Berge nachtet,
Dann raschen Fußes niedersprang
Und nun sie lange schon betrachtet.
Der Köcher mit der Pfeile Bund,
Die Armbrust tut den Jäger kund.
Er trägt sich nicht nach Talessitte,
Sein Antlitz ernst, von fremdem Schnitte,
In dem sich Kraft mit Huld versöhnt,
Ist Sonn und Winde wohl gewöhnt.
Des sichern Auges scharfe Helle
Ruht auf dem Mägdlein an der Welle.

"Was schaffst du?" fragt er jetzt. Sie blickt
Von ihrem Tun empor, erschrickt
Und schweigt. "Geschah dir Leid? Sag an!
Hast selber Leides du getan?
Steh Rede." - "Groß", versetzt die Maid,
"Ist meine Schuld und groß mein Leid."
Und ihre Wimpern sich beschweren
Sieht er mit jammervollen Zähren.

Da springt er auf den andern Rand
Des Bachs und nimmt sie bei der Hand:
"Wie helf ich dir? Gib mir Bericht!
An gutem Willen fehlt es nicht."
Nun wagt sie's, offen anzuschaun
Den Fremdling, und sie faßt Vertraun;
Es ahnt ihr unverfälscht Gemüte
In seinem graden Wort die Güte.

Da liegt ein moosgefleckter Stein,
Der ladet sie zum Sitzen ein,
Und Engel sagt, wie alles kam,
Erzählt von Juttas dunkelm Leid,
Von ihrem wilden Liebesgram,
Von dem gehaßten Nonnenkleid,
Wie Jutta stand in schwacher Hut,
Wie Jutta liegt in ihrem Blut.

Sie endet, und ein Weilchen sinnt
Der Mann und schweigt, eh er beginnt:
"Maid, was geschehn ist, ist geschehn,
Die Welle kann nicht rückwärts gehn.
Mit Jutta wollen wir nicht rechten,
Die übergab sich fremden Mächten.

Dein Fehl dagegen dünkt mich klein."
Doch Engel schreit in Ängsten: "Nein!
Sie zu verlassen unbedacht,
Hieß öffnen ihr des Grabes Pforte!"
- "In Irrung hat sie dich gebracht
Durch ihre trügerischen Worte.
Am besten drum zu deinem Glück
Kehrst du ins Kloster still zurück,
Und wenn die Frauen hart dich schelten,
So lässest du es ruhig gelten."
Eh sein gelassen Wort verklingt,
Die Magd empor vom Sitze springt,
Die Hände streckt sie wie zur Wehr
Und ruft erschaudernd: "Nimmermehr!
Was Jutta in den Tod getrieben,
Das kann ich fürder nicht mehr lieben!"

Des goldnen Haars empörte Flut,
Der jungen Wange schnelle Glut,
Der hellen Augen Zornesfeuer,
Er schauts mit Lust. Sie wird ihm teuer.

"O Maid, ich riet es dir zum Heil
Und wußte dir kein besser Teil.
Wenn selbst ich Hof und Heimat hätte,
Böt ich dir wohl die Zufluchksstätte;
Doch mich erwartet kein Gesind,
Mich herzt kein Weib, mich kost kein Kind;
Ich hause hoch am Engstlensee,
Mein Nachbar ist der Titlisschnee,
Und mir gehorchen wohlgezogen
Als meine Diener Pfeil und Bogen."

"Herr", sprach die blonde Maid in Harm,
"Auch ich bin heimatlos und arm!
Zur Hilfe bist du mir erschienen,
O laß mich mit dir gehn und dienen!
Nie hab ich hartes Werk gescheut,
Wenn mich ein gutes Wort erfreut:
Ich habe zu dir mehr Vertrauen
Als zu den bleichen Klosterfrauen."

Ein Lächeln in des Mundes Ecken
Kann kaum der krause Bart verstecken.
Er blickt sie an, als wollt er wägen
Ihr Herzensgold streng und genau,
Doch wie ein arglos Kind entgegen
Kommt ihm das Auge treu und blau.
Tief schaut er in den vollen Quell,
Er ist von lautrer Unschuld hell.
Jetzt sinnt er ernst, den Blick gesenkt,
Die Arme auf der Brust verschränkt,
Und langsam spricht er: "Eins von beiden:
Du wirst mein Weib, sonst laß uns scheiden!
Doch eh zur Heimkehr dir die Stege
Verschwinden, hör mich und erwäge!

Die Hand, die ich dir hingestreckt,
O Maid, sie ist mit Mord befleckt.
Vernimm!" Er deutet nach dem Lauf
Der unverwölkten Sonnenflamme,
Die durch die Tannen steigt herauf:
"Dort liegt das Land, aus dem ich stamme.
Wo wild der Rhein die Schlucht durchbraust,
Hat lange mein Geschlecht gehaust.
Ein Staufen hat es hingesetzt,
Sich einen Alpenweg zu wahren,
Daß er nach Welschland unverletzt
Zur Kaiserkrone möge fahren.
Dort leuchtet saftiggrüne Weide
Wie ein smaragdenes Geschmeide;
Der Pfeil entschwingt sich dort den Klüften
Und stürzt das Grattier aus den Lüften;
Beinah wie hier! Nur stehen grüner
Die Wiesen und die Berge kühner.
Mein Ahne war es, dem ein Zwist
Mit seinem Nachbarn worden ist,
Es war um eines Weibes willen,
Um eines Weibs verbotner Glut,

Und nimmer war fortan zu stillen
Die ruhelose Rachewut,
Drin erst das Schwert als Waffe galt,
Dann Pfeil und Dolch und Hinterhalt.
Bald griffen zu des Stammes Ehre
Wir alle, jung und alt, zur Wehre.
Manch stattlich Haus hat da gelodert,
Drin fürder Nesseln nur gedeihn,
Und mancher junge Leib vermodert
Vorzeitig unterm Leichenstein.
Der Bruder ward mir graus erschlagen -
Von mir gerächt in wenig Tagen.

So hat der Haß die Glut getrieben,
Bis unser zwei nur überblieben,
Verrauchten Blutes warme Reste,
Erstorbner Stämme grün Geäste,
Von frischem Wuchs und jung wir beide.
Erst taten wir uns nichts zuleide,
Dann fing das Herz uns an zu grollen,
Noch war der alte Fluch im Rollen.
Schon traten wir auf Landeswegen
Mit Mörderblicken uns entgegen;
Da wies der Rätier einig Wort
Ihn südlich und mich nördlich fort.
Und wie den Grat ich überschritten
Und mildre Tale sah und Sitten,
Wie ich Alt-Rätien geräumt,
War mir, als hätt ich schwer geträumt.
Ich staunte vor den blutgen Taten,
In die ich blindlings war geraten.
Noch muß ich zählen in der Nacht,
Wie manchen dort wir umgebracht,
Die vielen, die man dort begraben,
Durchflattern meinen Traum wie Raben;
Doch wagen die Gespenster nicht
Sich an das süße Sonnenlicht,
Sie unter und ich auf der Erde,
So bringen wir uns nicht Beschwerde!
Gehn fern der Heimat meine Schritte,
Fest tret ich in des Lebens Mitte;
Und muß ich meiden auch die Lande.
Alt-Rätiens, frei bin ich von Schande.

Jetzt sprich! Gewährst du deine Huld?"

Sie sagt: "O Herr, ich bin dein eigen,
Und deine Schuld ist meine Schuld!"
- "So laß uns jetzt zu Berge steigen."

VI

Das Tal erfüllen mit Geläute
Die Klöster; Sonntag ist es heute.
Fest Hand in Hand gelegt, durchschreiten
Die beiden jetzt des Tales Breiten.
Sie kümmert nicht, daß Älpler ihnen
Begegnen mit erstaunten Mienen;
Sie achtens nicht, ob ihnen Blicke
Manch buntgeschmücktes Mägdlein schicke,
Das, schimmernd in der Landestracht,
Den Pfeil im Haar, verstohlen lacht.
Er spricht: "Du trägst kein festlich Kleid,
Wir kaufens heute nicht in Eil,
Doch geb ich dir als Brautgeschmeid
Aus meinem Köcher einen Pfeil!
Sieh, noch ist seine Spitze blank,
Die nie das Blut der Gemse trank;
Kein Geier Fiel ihm noch zum Raube -
Ich schenk ihn meiner weißen Taube!"
Und lächelnd nimmt sie mit der Rechten
Das bittre Eisen, das er bot,
Und sticht durch ihre vollen Flechten
Beherzt sich den beschwingten Tod.
Behenden Fußes aufwärts steigen
Sie durch das harzesduftgewürzte,
Der Tannen morgenkühles Schweigen,
Und zwischen hohen ruhn gestürzte

Bergriesen, die der Blitz getroffen,
Und eine, schwarz, zerschmettert, offen,
Liegt überm Weg und ist zu schaun
Wie totes, hoffnungsloses Graun.
Als über sie mit festem Fuß
Zusammen schreiten die Genossen,
Sehn eines grünen Reises Gruß
Aus dunkelm Moder sie entsprossen.

Nun wandern sie auf falben Moosen,
Und, horch, da hebt sich mächtig Tosen,
Die Wogen sprudeln weiß bewegt,
Darüber ist ein Stamm gelegt,
Der, stets von nassem Staub umwittert,
Auf seinen Felsenstützen zittert.

Der Mann geht freien Tritts voran,
Und mitten auf der schwanken Bahn
Sieht er sich fragend um und spricht:
,Traust du dich nach?" Sie zaudert nicht.
Die Augen fröhlich aufgeschlagen,
Auf ihn geheftet unverwandt,
Folgt seinen Tritten sonder Zagen
Sie schnell stegüber und ans Land.
Er sieht sie ob der Tiefe schweben,
Im Winde flattern ihre Locken,
Da hebt das Herz ihm an zu beben,
Und ihm beginnt das Blut zu stocken.
Die Arme breitet er mit Bangen,
Die Wonnigliche zu empfangen,
Und hält sie, an die Brust gepreßt,
Als eine Siegerbeute fest;
Und wie des Wogensturzes Kraft
Den Felsen, daß er zittert, schlägt,
Erschüttert ihn die Leidenschaft
Zu ihr, die er im Arme trägt.
Er stürmt mit ihr den Berg hinauf
Durch Schneegefild und Felsenstrecke,
Er trägt in unerschöpftem Lauf
Sie fort auf knirschender Eisesdecke,
Bis er des Berges Joch erreicht,
Wo scharf der Wind vom Gletscher streicht.

Da tritt er an den Felsenrand
Und schwingt im Arm sie hoch empor,
Als wollt er zeigen sie dem Land,
Das diese Zierde heut verlor,
Als hielt er sie der Welt zur Schau
Hinaus ins tiefe Himmelblau.
Hell jauchzt er, daß die Öde schallt,
Sein Jubel dröhnend widerhallt,
Und Antwort kommt von allen Enden
Aus beider Tale Felsenwänden.

Er läßt sie aus den Armen gleiten,
Und von der lichten Höhe schreiten
Sie auf dem Pfad, der abwärts drängt
Und zwischen Fels und See sich engt.
Da öffnet sich mit einemmal
In Lieblichkeit das Alpental,
Wo hell ein Kirchlein ist zu schaun
Und Hütten steinbeschwert und braun.
Er spricht: "Auf meinem Boden Gruß
Und Segen dir von Haupt zu Fuß!"
Da ruft sie: "O du schöne Welt!
Doch, sieh, der See ist eisgefangen,
Noch hat er sich nicht aufgehellt,
Mit Lenzeslust mich zu empfangen.
Ich wollt, auf meinen neuen Wegen
Grüßt' lächelnd blau er mir entgegen!"
Sie sprichts, und sie verläßt den Pfad
Und wirft sich nieder am Gestad,
Als klagte sie den Tod der Welle.
Und Primel glänzt und Soldanelle,
Es prunkt das Blau der Gentianen,
Der blühnden Halme leichte Fahnen,
Sie neigen sich im Wind und grüßen
An ihren Knien, zu ihren Füßen.

Indes hat Blumen er gepflückt,
Die schönsten, die er rings gefunden,
Und sanft ihr auf die Stirn gedrückt

Den Kranz, den rüstig er gewunden.
Wie er sie krönt mit blauen Glocken,
Entsinkt der Pfeil den blonden Locken,
Ihr Haar, das stürzend sich entrollt,
Umflutet sie wie flüssig Gold.

Er birgt den Pfeil im Köcher nicht,
Er birgt im Busen ihn und spricht:
"Verrichtet hat sein Amt er brav,
Da er im Flug zwei Herzen traf."

Und höher steigt der Sonnenball
Und sendet flammend Blitz auf Blitze,
Es rauscht und rieselt überall
Am See und aus der Felsenritze.
Scharf trifft das feurige Geschoß
Der ungeduldgen Fluten Kerker,
Und, die der Winter fest verschloß,
Sie sehnen sich nach Freiheit stärker;
Sie feilen, rütteln, und sie lecken
An ihren längst verhaßten Decken.
Da schießt zu der Gefangnen Heil
Senkrecht die Sonne einen Pfeil -
Das Eis zerreißt mit dumpfem Knall,
Und weiter rings fährt Riß und Schall.
Gemach versinkt die Kerkerwand,
Eistafeln ziehn mit grünem Rand,
Und Engel lachenden Auges schaut,
Wie's quillt, wie's flutet und wie's blaut.
Jetzt tut sie einen Freudeschrei,
Als würde sie von Fesseln frei.

Er hat indes sie leis umfangen,
Da sie zur Tiefe schaut entzückt,
Und ihr mir glühendem Verlangen
Den Brautkuß auf den Mund gedrückt.
Rings schwebt die stille Mitragshitze,
Durch frischen Bergeshauch gekühlt,
Sie kosen auf dem Felsensitze,
Von neugeborner Flut umspült.
Ein lichter Falter kommt geflogen,
Vom Duft des Kranzes angezogen,
Und auf den jungen Nacken setzt
Er sich mit bebenden Schwingen jetzt.

"Herr, laßt das züchtig unterwegen!
Dazu bedarfs der Kirche Segen!"
So plötzlich hinter ihnen spricht
Es barsch, und einer Hand Gewicht
Sinkt auf des Rätiers Schulter schwer;
Das Haupt gelassen wendet er:
"Willkomm, Hilar, zur guten Stunde!
Kein andrer Priester in der Runde
Als du, mein Vater, soll mich trauen
Mit dieser süßesten der Frauen.
Schau meine Braut! Dann zur Kapelle!
Du segnest uns an heil'ger Stelle."

"'s ist Engel!" ruft erstaunt der Pater.
"Potz Kreuz! Wie habt ihr euch gesellt?"
Sie spricht errötend: "Frommer Vater,
Wir fanden uns am End der Welt."
"Am End der Welt?" erseufzt Hilar.
"Mich dünkt, daß es ihr Anfang war."

VII

Wie rasch ein Jahr den Lauf vollbringt,
Sind seine Tage glückbeschwingt!
Von Treue warm, von Liebe hell,
Wie reihen sich die Jahre schnell!
Noch schreitet Engel jugendleicht,
Die frischen Wangen ungebleicht;
Schlank geht einher sie, von drei jungen
Wildfängen sonnenbraun umsprungen.
Dazu ein zartes Blondchen trägt
Sie noch im Mutterarm gehegt,
Sein Lockengold dem ihren gleich!
Wie glücklich ist sie und wie reich!
Des fremden Gatten Landesacht

Vergütet sie mit Liebesmacht,
Des Schicksals mächtger Widerpart
Ist ihre helle Gegenwart!
Und will es schwarze Schatten werfen,
So weicht sie nicht, bis er gesundet,
Wie um zerrißne Felsenschärfen
Fließt blauer Himmel unverwundet.

Doch schwamm ein Tropfen Bitterkeit
Im Tranke dieser Liebeszeit.

Dem Mann, wie sie's dem Jüngling war,
Blieb mächtge Lockung die Gefahr.
Er ist der Gemsenjagd ergeben,
Vermessen spielt er um das Leben,
Und treibt sie Lieb, ihm zu versagen
Den Urlaub, Liebe darfs nicht wagen.

Wenn spät am Berg das Rot verblaßt
Und rastlos er die Armbrust faßt,
Daß früh vor Tag den Fuß er setze
Auf seines Wildes Weideplätze,
Umschlingt sie ihn mit Lust und Qual,
Als küßten sie zum letzten Mal.
Zum Schlummer ihrer Kinder tritt
Sie dann mit leisem Sorgeschritt,
Um bang und schlummerlos zu lauschen
Der Alpenwasser dunkelm Rauschen.
Doch sieht sie kehren ihn mit Beute,
So ist verziehen alles Bangen,
Entgegen eilt ihm die Erfreute,
Den Neugeschenkten zu empfangen,
Auf scharfem Stein mit zarten Füßen
Bergan, ihn früher zu begrüßen.

Einst sah sie trüb zur Morgenstunde
Den Mann und spricht mit frischem Munde:
"Du träumtest schwer? Erzähl geschwind,
Was deine Stirne Nächt'ges sinnt!"
"Daheim in Rätien war ich", spricht
Er, "wo die Pfade südwärts gehn.
Du kennst den Berg des Unglücks nicht,
Ich sah ihn einst von ferne stehn,
Als ich in meinen jungen Jahren
Bin nach Italia gefahren.
Viel Silberhörner ragen dort,
Er schweigt, gemieden von den andern,
Tief im Gebirg am düstern Ort,
Nur wen'ge schauen ihn, die wandern;
Doch wen der Fuß vorüberträgt,
Dem bleibt sein Bildnis eingeprägt.
Ihn sah ich wieder heut im Traum.
Ich drang in eines Tales Raum,
Das dicht gefüllt bis an den Rand
Von blühnden Alpenrosen stand.
Das ganze Tal war rot wie Blut -
Ich dachte dein in Liebesglut,
Doch, länger schauend in das Rot,
Gedacht ich an den jähen Tod.
Da hob den Blick ich, und ich sah
Den Berg des Unglücks groß und nah.
Wie hing er über mir so schaurig!
Wie blickt' ins rote Tal er traurig!"

Und Engel schaudert und erbleicht.
"Vergangne Zeiten!" sagt er leicht.
"Du hast mich von dem Bann befreit
Des fernen Lands, der fernen Zeit."

Als mit den Knaben waldwärts ging
Er Holz zu fällen eines Tages,
Erhob sich aus des Tales Ring
Das Brausen eines Flügelschlages.
Hoch schwang sich über seinem Haupt
Ein Geier, der ein Lamm geraubt.
Er wies auf ihn mit blankem Beil:
"Hätt Bogen ich bei Hand und Pfeil,
Der freche Räuber müßt es büßen,
Er läge stracks zu meinen Füßen!

Sieh, Kurd, er fliegt dem Horste zu
Dort an der Wand der Gadmenfluh!
Zu seinem Neste steig ich morgen!
Ihr möget für die Herde sorgen.
Die Alten wohl erleg ich beide
Und schaffe Sicherheit der Weide;
Ein Junges bring ich euch zum Zähmen,
Wir wollen ihm die Flügel lähmen."

In erster Frühe brach er auf,
Der Morgen war kristallen klar;
Die Sonne fördert' ihren Lauf,
Und als sie hoch am Himmel war
Und immer er nicht wiederkehrt,
Wird Engels Herz von Angst beschwert.
Den Jüngsten auf den Armen, eilt
Sie fort zu sehen, wo er weilt.

Sie kennt die Wand, drin eingezwängt
Der Geierhorst am Felsen hängt.
Sie eilt den See entlang zur Schlucht -
Er ist gefunden, den sie sucht!
Er liegt, den Geier fest umschlungen,
Mit dem er stürzt' im Kampfgedränge,
Als miteinander sie gerungen
Den Streit des Messers und der Fänge.
Die Geirin mit der toten Brut
Liegt pfeildurchbohrt in ihrem Blut.

Engel setzt ab im Felsenschatten
Das blonde Kind und eilt zum Gatten;
Sie löst des Geiers scharfe Klaun,
In seine Schultern eingehaun.
Noch atmet er - sie kniet sich nieder
Und bettet ihn in ihren Schoß,
Gebrochen sind die starken Glieder,
Die Arme hangen regungslos.
Ihr Auge läßt das seine nicht,
Das unter ihrem Blicke bricht.
Sie küßt den Mund, der ist so bleich!
Er stirbt. Ihr Leben stirbt zugleich.
Der Himmel blaut, der Titlis leuchtet,
Die schroffe Todeswand befeuchtet
Ein Silberfaden. Leise klopfen
Auf hartem Grunde seine Tropfen
Wie Blut aus Wunden. Weiter rinnt
Im Moos er seine schmale Bahn.
Den Toten blickt das stille Kind
Mit unverwandten Augen an.

VIII

Die Rosen blühn im Nonnengarten,
Doch andre sinds, die ihrer warten,
Und andre gehn mit sachten Schritten,
Wo Juttas trotzig Herz gelitten.
Im Kreuzgang, in der Grüfte Reihn
Beschrieb sich mancher Leichenstein.
Mit scharfen Rändern eingehaun
Ist auch der Äbtin Schild zu schaun,
Sie selber liegt, in Stein gestaltet,
Die Hände zum Gebet gefaltet,
In eines mächtgen Kreuzes Hut.
Wer aber weiß, wo Jutta ruht?
Wohl ward der frevlen Gottesmagd
Geweihte Stätte hier versagt.
Wo bergen die begrünten Schollen
Den Schlaf der einst so Lebensvollen?
Wo ward das Lager ihr gemacht?
Und Engels auch wird nie gedacht,
Seit aus dem Kloster sie entwichen,
Auch sie ist aus dem Buch gestrichen.
Des flüchtgen Mägdleins Name scholl
In Liebe niemals, noch in Groll.

Im Dorfe ward um jene Zeit
Zuweilen eine Frau gesehn
- Die trug um ihren Gatten Leid -
Mit Kindern ernst vorübergehn.
Es war die Würde der Gestalt,
Der seltne Klang der kargen Worte,

Der Augen schmerzliche Gewalt,
Ein fremdes Bild den Gottesleuten,
Die vormals bei der Klosterpforte
An Engels Antlitz sich erfreuten.
Sie sei des Rätiers Witib, hieß
Es, der am Berg sein Leben ließ
Und der ein Meister war der Pfeile,
Die stetig nun im Tale weile,
Wo sie ein Häuschen sich erstand
Als Ruhesitz am Waldesrand,
In treuer Brust den Toten minnend,
Die Wolle ihrer Schafe spinnend
Und sorglich webend zu Gewanden,
Wie man sie trägt in diesen Landen.

Wenn abends schwimmt das Tal in Glut
Und Licht im Kirchenfenster blitzt
Und Engel von der Arbeit ruht
Und träumend vor der Hütte sitzt,
Zum schroffen Engelberge sendet
Den sonnenmüden Blick sie sacht,
Vom roten Titlis abgewendet
Und seiner mörderischen Pracht;
Und wenn versinkt der Sonne Brand
Und kalt ein Windstoß fährt durchs Land,
So fühlt sie's hauchen durch die Tannen,
Wie eine Seele fährt von dannen.

Einst schritt den Wiesenpfad Hilar
Entlang, der Engels Beichtger war,
Obwohl ergraut, mit rüstgem Fuß
Und bietet Engel seinen Gruß:
"Wo bist du? Statt dich stets zu kränken,
Mußt du an deine Kinder denken!
Wie streng die Buben wachsen, schau!
Was soll aus ihnen werden, Frau?
Ich sah sie spielen, Spiel enthüllt,
Was eines Kindes Herz erfüllt.
Komm, laß uns sehn - ich darf nicht bleiben -,
Was drüben sie so ernstlich treiben!"
Sie gehn und an des Gärtchens Mauer
Stehn beide jetzt sie auf der Lauer.

Und sieh, da hebt auf grünem Plan
Sich eben erst die Handlung an.
Mit Händen emsig und geschickt
Hat Engels zweiter, Benedikt,
Sich nette Säcklein zugerichtet,
Mit Sand gefüllt und aufgeschichtet,
Er schreit: "Ihr Käufer nah und fern,
Mein Mehl und Salz kommt von Luzern!"
Und Engels dritt und vierter naht,
Mit dicken Wangen der Beat,
An seiner Hand das Brüderlein,
Der blonde Werner zart und fein,
Und pünktlich zahlen jetzt die Kleinen
Ihr Mehl mit blanken Kieselsteinen.

"Beim heil'gen Markus!" raunt Hilar,
"Der wird ein Krämer offenbar."

In einen Beutel hat die Last
Der Kiesel Benedikt gefaßt
Und ruft dem ältsten Bruder zu,
Der vornehm auf der Seite sitzt
Und sich ein langes Schwert in Ruh
Aus einem Arvenaste schnitzt:
"Was kauft der Junker Habenichts?"
Und Kurd entflammten Angesichts
Bedroht ihn mit dem Schwert, und her
Gibt wehrlos seinen Beutel er.

An Engels Ohre lacht Hilar:
"Nun ist der zweite offenbar!
Er hat uns sein Gemüt verraten:
Der Kurd gedeiht dir zum Soldaten.
Was andre speichern und erraffen,
Gewinnt er durch das Recht der Waffen."

Doch sieh, da tritt hervor Beat
Und schreitet würdig im Ornat.

Er hat sich statt der Stola Prangen
Ein Halstuch Engels umgehangen,
Ein Kreuzlein trägt er in den Händen
Und spricht: "Gott mög euch Segen spenden!
Gib mir den Beutel, arger Kurd,
Der dir auf schlimmem Wege wurd!
Um das Gewissen dir zu heilen,
Mußt deine Beute du verteilen.
Die Hälfte soll der Kirche sein,
So darf sie dich von Schuld befrein.
Ein Viertel dann - das bringt dir Glück -
Stellst du dem Benedikt zurück.
Was jetzt noch bleibt, magst du behalten
Für Zeitverlust und Mühewalten."
Und wunderlich! Wie er entschieden,
So waren alle sie's zufrieden.

Da winkt Hilar mit Siegsgebärden:
"Beatchen, Frau, muß geisrlich werden!
Er kennt die menschlichen Gewerbe,
Und jedem gönnt er gern sein Teil,
Bemüht mit Eifer ohne Herbe
Um aller Stände Seelenheil."

Zur Hausbank schleichen sie zurück,
Ergötzt beginnt der Mönch zu plaudern:
"Zu Pfaff und Krämer wünsch ich Glück,
Die werden nicht am Wege zaudern!
Der eine wird dich leiblich kleiden,
Der andre wird dich geistlich weiden."

Sie seufzt: "Des würd ich nimmer froh,
Müßt ich um meinen Kurd mich kränken!"
"Ei", mahnt Hilarius, "sprich nicht so!
Der Bube macht mir kein Bedenken.
Nicht wird es ihn zur Hölle bringen,
Braucht er Gewalt in rechten Dingen.
Zum Guten beugen weislich wir
Die angeborne Beutegier,
Daß deines Vaters strafend Ende
Der Herr in Gnaden von ihm wende."

- "Mein Vater?" fährt sie auf erblaßt.

- "Nichts sagt ich!" wehrt der Mönch in Hast.

- "O redet, beim Erlöser Christ,
Wenn Ihr von meinen Eltern wißt!
Ihr sollt, Ihr dürft mirs nicht verhehlen!
Ihr müßt das Schlimmste mir erzählen!"

- "Das kommt vom Schwatzen!" grollt Hilar
Und greift sich unmutsvoll ins Haar,
"Du Graukopf, das war ungeschickt!
Lieb Engel, laß es mich bewahren!"

Und Engels pochend Herz erschrickt,
Doch spricht sie fest: "Ich wills erfahren."

- "Nicht öffn' ich gern das düstre Buch,
Ein schwaches Herz würd es beladen!
Doch sei's! Ist Segen ja aus Fluch
Gewachsen stets auf deinen Pfaden.
Vernimm! Dich hat ein lustverloren,
Ein frevelrnütig Weib geboren,
Das prächtig auf der Burg gelebt,
Die überm Schächtental geschwebt.
Zu eigen war ihr dieses Tal
Kraft ihres angestammten Rechtes,
Ermordet hat sie den Gemahl
Und ward die Buhlin ihres Knechtes.
Ihm gab sie sich und alles Gut
Und ihre feste Burg in Hut.
Der Kastellan war allerende
Verklagt um seine blutgen Hände,
Des Landes Geißel und Entsetzen
Und sie sein sündiges Ergetzen.
Da hat das Volk die Burg gebrochen.
Und den verhaßten Vogt erstochen.
Sie aber floh mit nächtgem Schritt
Und trug dich unterm Herzen mit.
Nachdem den Berg sie überklommen,
Betrat sie unser Klosterreich
Und fand bei Hirten Unterkommen,

Doch sterbemüd und todesbleich.
Sie legte sich und ließ das Leben,
Nachdem sie, Engel, dirs gegeben.
Ich wurde noch zu ihr beschieden,
Daß nicht sie stürbe sonder Frieden.
Der Reuigen mußt ich geloben,
Dich ferne von der Welt Gefahren,
In Chor und Zelle aufgehoben,
Vor jeder Lockung zu bewahren,
Daß deine klösterliche Reine
Sie sühnend noch im Grab bescheine.

Die Hirten haben dich bewahrt
Bis zu Herrn Heinrichs Himmelfahrt.
Um Dunkles heiter einzukleiden
Und jeglich Ärgernis zu meiden,
Gab selben Tags der Geist mir ein
Die Märe von dem Engelein;
Als solches trug ich in der Frühe
Zu Marthen dich mit leichter Mühe.
So ward in heil'ger Morgenstille
Vollzogen deiner Mutter Wille!

Als Juttas Tod dich trieb zur Flucht,
Hab ich in Sorge dich gesucht
Und fand den Engel liebewarm
In eines schuldgen Mannes Arm,
Der anders als dein Vater zwar,
Doch auch ein Blutbefleckter war.
In heil'gem Zorn sprach ich Wohlan!
Hat mir der Teufel das getan,
Bewehr ich mit der Kirche Segen
Mich stracks, das Handwerk ihm zu legen.
Verschmäht sie leichte Klostermuße,
Hier schickt der Himmel schwere Buße,
Und will sie nicht zur Zelle kehren,
Wird schlimmre Not sie beten lehren!'"

Und Engel senkt in Scham und Schmerz
Die nassen Augen niederwärts.
Sie drückt der Menschheit dunkles Erbe,
Der Lose lastende Verkettung,
Und eine Träne, eine herbe,
Weint sie dem Siechtum ohne Rettung.

Da wird sie wieder hell. Es liegt
Ein Blondkopf an ihr Knie geschmiegt,
Klein Werner, der der Mutter Gram
Gesehn und ihr zu schmeicheln kam.
Derweil sie seine Locken kost,
Reicht er sein Spielzeug ihr zum Trost,
Ein Viehlein, das aus Lehm er schuf,
Bevor er folgt' des Bruders Ruf.
Und wie der Mönch das Rindlein schaut,
Entfährt ihm hell ein Freudelaut:
"Die liebe, leibliche Natur!
Wie bracht er das zusrande nur!
Es wittert einen frischen Rasen!
Es senkt und streckt das Haupt zum Grasen!
Bei Sankt Hilar, das ist Genie!
Und auch die Schelle fehlt nicht, sieh!
Wie ich von seinen Brüdern sprach,
Sann auch ich diesem Kleinen nach
Und war um sein Geschick verlegen
Auf unsern rauhen Erdewegen,
Weil ihm, als einem Schmerzenskind,
Die Glieder dünn und schmächtig sind;
Hast du ihm doch die Brust geboten,
In deinem Herzen einen Toten.

Jetzt weiß ich es, wozu er tauge:
Gott segnete ihm Hand und Auge.

Ich werde deinen Knaben bringen
Zu Bruder Lukas, der gewitzt
Nicht eben ist in andern Dingen,
Doch wunderfeine Stühle schnitzt,
Der zeigt dem Knaben dann mit Fleiß
Die Griff' und Künste, die er weiß,
Und wie, gelöst durch zarten Schnitt,
Aus Holz ein lebend Wesen tritt.

Mit Ochs und Eslein fängt er an,
Dann kommt der heilge Joseph dran,
Zum Muster will ich mich bequemen,
Er mag mir Haupt und Bart entnehmen.
Die Jungfrau sieht er mannigfalt
In deiner züchtigen Gestalt;

Nach unsres Klosters würdgen Köpfen
Kann er die Schar der Zwölfe schnitzen -
Eins muß er aus der Seele schöpfen:
Das Haupt, gekrönt mit Dornenspitzen.

Der Knabe ist von eigner Art
Und für das Weltgedräng zu zart.
Da setzt es grobe Sröße traun
In jedem Amt, in jeder Gilde,
Er mag sich an der Kunst erbaun
Und sich des Lebens freun im Bilde,
In Stille tätig, unbeneidet!"

Hilar ergreift den Stab und scheidet.

Und wie's zu schaun ihm war gegeben,
So fiel der Knaben Los im Leben.

IX

Die Sonne leuchtet heiß und schön,
Im Tale schmettert Horngetön.
Der Graf von Habsburg, hoch zu Roß,
Zieht ein mit kriegerischem Troß,
Im Beichtstuhl jeden Sündenschaden
Zu heilen, daß er, frei von Fehle
Und aller alten Schuld entladen,
Dem Schutz der Heil'gen sich empfehle.
Denn heiße Fehde steht bevor.
Er ist der Held, den sich erkor
Die edle Zürich, deren Mauern.
Die Herrn von Regensburg bedauern,
Aus Übermut und Beutegier
Bedrohend ihres Kränzleins Zier.
Derweil den Gast das Kloster hegt
Und eifrig er der Andacht pflegt,
Zecht draußen in der Mauer Schatten
Hellauf sein reisiges Gesind,
Ringsum erfüllt die Klostermatten
Der Älpler Schar mit Weib und Kind,
Rudolf von Angesicht zu schauen,
Der als der Hort des Landes gilt,
Auf dessen Schirm und Schwert sie trauen
In Zeiten kaiserlos und wild.

Die Söhne Benedikti spenden
Heut Speis und Trank mit offnen Händen.
Da wird gezecht, da wird gelacht,
Dem Herrn manch Lebehoch gebracht.
Die Waffenknechte rühmen ihn,
Den Feuerwein von Valtellin,
Und wacker wird ihm zugesprochen;
Die Augen glühn, die Pulse pochen.
Jetzt kommen auch des Dorfes Fiedeln,
Sich auf der Mauer anzusiedeln.
Es wird ein Tanz, erst halb verzagt,
Und dann ein wilderer gewagt.

Wohl keiner aus der Älplerschaft
Springt höher, jauchzt und jubelt toller,
Als dort in voller Jugendkraft
Der schlanke Bursch im Lederkoller!
Sein kurzes Messer fliegt am Gurt,
Es ist der Gemsenjäger Kurd,
Und die er wirbelt durch die Reihn,
Das ist des Dorfwirts Töchterlein.
Sie wiegt sich schmeidig in den Hüften,
Er wirft sie auf, sie schwebt in Lüften,
Die schwarzen Haare flattern ihr,
Sie läßt die dunkeln Blicke schweifen
Und eitel durch die Menge streifen,
Sie weiß: Sie ist die Schönste hier!

Und wie vom heißen Reigen nun
Aufatmen sie und schreitend ruhn,

Tritt zornrot ein Gesell heran,
Schier wie ein Ritter angetan,
Und höhnt mit frechem Angesicht:
"Dir, Kurd, gebührt die Dirne nicht!
Auf meinem Boden treibst du Jagd,
Sie hat den Tanz an mich versagt.
Gib Raum, sonst wird es dich verdrießen,
Ich bin der Herr zu Wolfenschießen!"
Kurd lacht. Die Beute fester faßt
Er nur und ruft: "Genug der Rast!
Komm! Wessen Lieb du bist, zu zeigen
Dem Junker, schwing mit mir den Reigen!"
Jäh reißt der andre aus der Scheide
Das Schwert, und schon bedrohn sich beide.
Die Bahn des Tanzes ist verengt,
Die Fiedel schweigt, die Menge drängt.

Mit bangen Augen hat gesehn
Ein Kind den schlimmen Streit entstehn,
Und da gefährlich wird der Strauß,
Bricht es in helle Tränen aus.
Es läuft davon, auf schnellen Sohlen
Will Engel es zu Hilfe holen,
Die ferne dem verwirrten Kreise
Bescheiden stand nach ihrer Weise.

Kurd hat den Gegner angerannt
Und dreht das Schwert ihm aus der Hand,
Er stößt es in den Boden fest,
Brichts mit dem Fuß, den Schwertesrest
Wirft hoch er über das Gedränge,
Und seinen Sieg bejauchzt die Menge.
Umsonst beschwichtigend umgeben
Von Habsburgs Waffenleuten, schreit
Der Wolfenschieß: "Dir gehts ans Leben!"
Und zückt den Dolch zu neuem Streit.
Kurd stürzt sich gegen ihn und hält
Ihn festgepreßt, die Waffe fällt.
Der Junker knirscht, und sie umschlingen
Sich eisern, Leib an Leib zu ringen,
Sie keuchen voller Grimm und Wut,
Sie fühlen ihres Atems Glut.
Kurd wirft den bösen Gegner nieder
Und kommt auf seine Brust zu knien.
Der sucht die Waffe tastend wieder
Und zückt sie meuchlings gegen ihn.
Kurd zieht das Messer gleicherweise,
Die Klingen drehen sich im Kreise -
Da langt hinein mit einem Mal
Ein weißer Arm nach seinem Stahl.
Er sieht den weißen Arm entsetzt
Von einem Tropfen Blut genetzt,
Gelöscht sind seines Zornes Gluten,
Denn seine Mutter sieht er bluten!

Und Engels lichtes Auge ruht
Auf ihm mit Ernst und treuer Hut.
Sie sind allein und ohne Worte -
Denn alles stürzt sich nach der Pforte,
- "Hoch Habsburg!" brausts im Sturmeschor.
Mit hellem Antlitz tritt hervor,
Den Abt und Mönche fromm geleiten,
Der Graf, und grüßt nach allen Seiten.
Ob auch aus adligem Geblüte,
Leutselig ist er von Gemüte.
Er ruft: "Gesanelt! Aufgesessen!"
Und wendet sich zum Abt: "Vergessen
Will nicht ich, mein Gelübd zu lösen,
Bleib ich bewahrt vor allem Bösen!"

Schon hat er fast das Roß erreicht,
Als Engel, bittend und erbleicht,
Herführend an der blutgen Hand
Den trotzgen Jüngling, vor ihm stand.

Der Graf erstaunt: "Bei Gottes Leib!
Was ist das für ein schönes Weib!"
Sie aber beugt sich tief und sagt:
"Graf Habsburg, höre deine Magd!
Du ziehst in Fehde morgen schon,
Des Rechts Panier hast du erhoben.

Wohlan, ich schenk dir meinen Sohn!
Als Tapfern wirst du ihn erproben.
Bevor in frevelhaftem Spiele
Der Jugend Feuer ihm verraucht,
Herr, gib ihm Arbeit, gib ihm Ziele,
Danach er ring in Schweiß getaucht!
Den Knaben mache du zum Mann,
Der seine Brust bezähmen kann!"

Schnell mißt der Graf mit scharfen Augen
Des Jünglings tannenschlanken Bau,
Dann spricht er froh: "Er kann mir taugen.
Ich tu es dir zu Ehren, Frau!
In Kriegszucht will ich den Gesellen
Und unter edles Banner stellen,
Ich stell ihn zu des Reiches Aar,
Den nehm er stolzen Auges wahr!
Ein Roß für ihn! Herr Abt, Valet!"
Und rückwärts winkt er nach dem Tor,
Wo blank die Mauer war zuvor
Und jetzt ein Bild gezeichnet steht.
Ein blondes Kind beschäftigt sich
Daran mit fleißgem Kohlenstrich,
Klein Werner, der daheim entwichen
Und still der Mutter nachgeschlichen.

"Potz Velten!" ruft der Graf und lacht,
"Hast du dies Konterfei gemacht?
Sprich Semmelköpfchen, wem gehört
Die Nas und Krone ungeheuer?"
Drauf meint das Knäblein ungestört
Und ernst am Werk: "Die Nas ist Euer.
Die Kron ist Kaiser Karles Krone,
Wie er im Buch sitzt auf dem Throne,
Ich habe sie für Euch gekürt,
Weil Eurer Nase sie gebührt."
"Mir scheint, du hast mich nicht verschönt",
Spricht Habsburg, "doch ich wills vergessen,
Nur daß du, Kleiner, mich gekrönt,
Den schlichten Mann, das ist vermessen!"
Der Abbas schmunzelt: "Kindermund,
Herr Graf, tat oft die Wahrheit kund!
Euch liebt das Land. Ich sag es frei:
Es liebt Euch auch die Klerisei,
Dem Reich, so lang des Schirms beraubt,
Ihr wäret ihm ein christlich Haupt!"
Der fromme Graf versetzt bescheiden:
"Solch Trachten wird mich übel kleiden!
Kein Kurfürst wird ja mein gedenken,
Gott müßt es durch ein Wunder lenken."

Er sprichts und grüßt und steigt zu Roß,
Von dannen sprengen Herr und Troß,
Und in des Habsburgs Heergeleite
Braust Engels Sohn in alle Weite.

X

Ein reicher Händler von Luzern
Verkehrte mit den Klosterherrn,
Eintauschend ihre kräftgen Käse
Für welschen Weines Edellese.
Zu zählen galt es mit Verstand,
Dazu war Benedikt bei Hand.
Von raschen Sinnen, klug und ehrlich,
Ward er dem Kaufherrn unentbehrlich,
Der führt' ihn unversehns davon
Und hielt ihn wie den eignen Sohn.

Schon sieben Jahre war er fern,
Da kam ein Schriftstück von Luzern,
Das Engel, die allein nicht klug
Draus wurde, zu Hilarius trug.
"Der Herr hat mir Gedeihn geschickt",
Schreibt seiner Mutter Benedikt,
"So darf ich, ohne mich zu schämen,
Ein städtisch feines Weib mir nehmen,
Des Wechslers Thomas Töchterlein.
Ich lad Euch nicht zur Hochzeit ein,

Lieb Mutter; in des Schwiegers Haus
Geht stolzer Adel ein und aus,
Da würdet leichtlich Ihr verlegen
Der fürnehm edeln Gäste wegen.
Doch daß Ihr möget mein gedenken,
Send ich ein Saumtier mit Geschenken
Von weichem Stoff und schweren Spangen.
Berichtet, daß Ihr es empfangen!"

In tiefer Klosterweisheit rat
Indessen manchen Schritt Beat.
In schwierigen Gewissensfragen
War er bewandert und beschlagen.
Mit Eifer probt' er früh und spät
Der Kirche starkes Kriegsgerät.
Erbost entwich vor seinem Spruch
Der böse Geist mit Mißgeruch.
Frühzeitig nahm er alle Weihn,
Schloß dreifach ins Gelübd sich ein,
Und fürder leuchtete sein Licht
Nur selten außerhalb der Pforte.
Der Sohn der Kirche hane nicht
Mehr Sinn für Engels schlichte Worte.
Sie sahn sich kaum. Doch eines bot
Der Mutter er, das heilge Brot,
Das sie, beseligt und gering,
Demütig auf den Knien empfing.

Ein Fremdling wandelt' dazumal
In welscher Tracht im Alpental.
Ob auch kein Freund von Ruh und Rast,
War er des Abts geehrter Gast,
Der aus dem Süden ihn gebracht,
Als eine Romfahrt er gemacht.
Auf eine prächtge Kirche dachte
Der Abbas, wenn er schlief und wachte.
Mit schwerem Gold und vieler Bitte
Verlockt' er in die Alpenmitte
Aus Welschlands blühendem Gefild
Die Meisterhand im Steingebild.
Doch als sie machten ihren Plan,
Da hub der beiden Unlust an.
Der Abbas hatte sich gedacht
Ein Werk von feierlicher Pracht;
Der welsche Meister widerspricht:
"Ich baue Eure Kirche schlicht!
Ein Turmgewimmel würde klein,
Gezierte Spitzen abgeschmackt,
Wo schwebt zerrissen Felsgestein
In freier Wildheit aufgezackt;
Die Kuppel gar, der Ebne Preis,
Von weiten Himmeln warm umblaut,
Verzwergt, wo ein Gewölb aus Eis
Mit breiten Schultern niederschaut.
Das Schneegebirg, Herr Abt, mit Gunst,
Ist keine Stätte für die Kunst!"

Als prüfend einst von einem Ende
Der Kirche sie zum andern schritten,
Gewahrt der Gast in einer Blende
Ein Josephhaupt aus Holz.geschnitten:
Der Schädel breit, die Runzeln hart,
Struppig die Brauen und der Bart,
Ein Haupt in jedem Zuge wahr,
Kurz, der leibhaftige Hilar.
Er hemmt den raschen Schritt und lacht,
Dann fragt er kurz: "Wer hats gemacht?"

"Ein Kind des Tales. Herr, verzeiht,
Daß wirs den Heilgen eingereiht,
Die hier auf goldnem Grunde prangen,
Von edeln Stiftern aufgehangen!"
- "Herr Abt, erlaubt mir, das ist Plunder!
Der alte Joseph ist ein Wunder!
Gebt mir den Kopf zum Gastgeschenk,
Und Euer bleib ich eingedenk.
Erst aber sagt mir, wo er sitzt,
Der dieses derbe Haupt geschnitzt."
- "Im Dorf. Doch sei Euch nicht verhehlt:
Des Jünglings Tage sind gezählt.

Er schwindet. Was der Knabe schafft,
Er tuts mit seiner letzten Kraft.
Wenn Ihr es wünscht, laß ich ihn holen."
- "Nein", meint der Gast mit Grußgebärde,
"Ich mache selbst mich auf die Sohlen,
Ich wandle gern auf dieser Erde!"

Vor Engels Hüne sitzt der Knabe
Und lenkt das Messer liebevoll,
Das heut ein Werk vollenden soll,
Das letzte noch vor seinem Grabe.
Ein Bild, das er als Kind gesehn,
Er läßt es wiederum entstehn:
Den Toten in der Mutter Arm,
Die ganz versunken ist in Harm.
Im Schoße hält die Schmerzensreiche
Das wunde Haupt der teuren Leiche.

Da schallt ein Gruß und streckt ihm dar
Die Hand ein krausgelockter Mann
Mit einem mächtgen Augenpaar,
Aus dem er Feuer blicken kann.
"Von deinem Tun hab ich gesehn",
So spricht er, "bei den Mönchen dort!
Ich wollte nicht von hinnen gehn,
Eh wir gewechselt Gruß und Wort,
Und kannst du dich zur Fahrt bequemen,
Beglückt es mich, dich mitzunehmen.
Vollkommnes schaun, wetteifernd ringen,
Das trägt ans Ziel auf Feuerschwingen!

Mein Sohn, du bist zur Kunst geboren,
Doch geht im kalten Bergesschatten
Dir deine junge Kraft verloren,
Und deine Schwinge wird ermatten!
Hinweg aus diesen kühlen Grüften!
Komm, heile dich in warmen Lüften!
Du hast dem Tod Gestalt gegeben -
Komm nach Italia, koste Leben!
Dort rauscht es in den Lorbeerhainen,
Dort lispelt des Ölbaums Silberblan,
Dort ragt, aus ruhmberedten Steinen
Gefügt, manch marmorhelle Stadt.
Dort wogt der Markt von lautem Volke,
Dort wird der Himmel ohne Wolke,
Wo Zinne schwebt und Kuppel thront,
Von Götterbildern still bewohnt.
Dort spielt das Licht durch alle Räume,
Reift Frucht an Frucht der Sonne Glut,
Und Segel ziehn wie helle Träume
Durch purpurdunkle Meeresflut.

Dort überströmt so voll das Leben,
Daß noch dem Tod ist Reiz gegeben.
Ihr möget in die Erde fallen,
Wenn, ungelebt, ihr hier verstöhnt,
Wir ruhn in lichten Säulenhallen,
Von einer heitern Kunst verschönt.
Dort lehnt der Held an seinem Schilde
Und lächelt stolz im Marmorbilde,
Die Lichtgestalten holder Sage
Umschlingen unsre Sarkophage."
Der Älpler aber redet schlicht:
"So sehn den bittern Tod wir nicht.
Er ist der König aller Schrecken,
Kommt er, die Stirn mit Schweiß zu decken!
Erst wenn der Stachel ihm genommen,
Beginnt die Freudezeit der Frommen..."

Unmutig fällt der Fremdling ein:
"Noch ist der volle Becher mein!
Gehör ich minder zu den Frommen,
Weil ich verherrliche das Leben?
Sagt nicht der Heiland: Seid willkommen!
Vollkommnes will auch ich erstreben -
Ich selbst kann nicht vollkommen heißen,
Drum will ichs keck dem Stein entreißen.
Noch ist mein eigen Erd und Sonne,
Noch fühlt mein frischer Leib die Wonne

Der Kraft, mein Geist die Lust der Tat,
Noch bin ich rüstig früh und spat,
Noch drängen sich vor meinen Schritten
Gebilde, die um Leben bitten!
Da steh ich, und nicht weich ich, eh
Mein leuchtend Werk ich ganz vollbracht -
Dann mag, wie eine Flocke Schnee
Die Seele sinken in die Nacht.

Komm mit! Du darfst mir nicht verkümmern,
Ich will die Felsenwand zertrümmern,
Daß du den Garten siehst der Erde
Und deine Seele freudig werde!"

Er reißt das Kind zu sich empor,
Umschlingts mit feuriger Gewalt -
Da fühlt er, daß ihr Blut verlor
Des Knaben leidende Gestalt,
Da sieht er, was ihm seine Hast,
Sein rasend Ungestüm verhehlt,
Daß er ein Leben grausam faßt,
Dem schon das Mark der Erde fehlt.

Erschrocken auf den Starken schauen
Die Augen jetzt, die flehend blauen:
"Hör auf zu ziehen in die Ferne!
Hier leb ich und hier sterb ich gerne.
Du selber, Fremdling, sprachst es aus:
Es dient die Kunst dem Vaterhaus,
Ein Werk, das nicht die trauten Züge
Der Heimat trägt, mir dünkt es Lüge,
Und unser armes Hirtenleben
Ist täglich von Gefahr umgeben,
Wohl elend wärs, wenn nicht uns bliebe
Der Trost des Glaubens und der Liebe."

Und wieder schnitzt er ohne Wort
An den geliebten Zügen fort.

Den Tod, in Mutterarm gehegt,
Beschaut der Welsche lange Zeit,
Er fühlt die starke Brust bewegt
Von einem Hauch der Innigkeit,
Er fühlt, daß auch die bittern Schmerzen
Beschieden sind dem Menschenherzen -
Ihm rinnt wie einer Träne Schein
Verstohlen in den Bart hinein.

"Ich sehe, Jüngling", spricht der Fremde,
"Du bleibst in deinem Hirtenhemde!
Wir haben beide gut gelost:
Ich gebe Ruhm, du bietest Trost.

Leb wohl." Er wendet sich zum Gehn,
Da sieht er Engel vor sich stehn,
Und schnellen Augs erkennt er sie,
Die diese Schmerzenszüge lieh,
Er sieht die unverwandten Blicke
Behüten ihres Sohns Geschicke,
Sie faltet die ergebnen Hände
Zu ihres Kindes frühem Ende.

Denn heute wars zum letztenmal,
Daß Werner saß im Sonnenstrahl.

XI

So füllte sich der Jahre Zahl,
Und wieder stieg der Lenz ins Tal,
Doch diesmal bracht er seine Rosen
Mit Sturmgebraus und Wassertosen.
Den heißen Atem mit Gestöhn
Haucht auf den Alpenschnee der Föhn,
Unruhig fliehn vor ihm die vollen
Gießbäche, die zu Tale rollen.

Die Tannenspitzen waren grün,
Da zog talan ein Krieger kühn
Zu Roß, gebräunt von Sonnengluten,
Und ließ ein fremdes Banner fluten.

Mit einem Saumtier, schwer beladen,
Folgt' ihm ein Knecht auf Waldespfaden.

Der Tapfre kehrt aus blutger Schlacht
Und hat ans Kloster eine Sendung
Von Rudolf, dem die Kaisermacht
Geworden ist durch Schicksalswendung.
Der Habsburg schirmt' die edle Stadt,
Die Weiß und Blau im Wappen hat,
Entriß sie niedern Raubgewalten
Und half ihr, frei zum Reich zu halten.
Das bracht ihm Heil, und wen bedenkt
Das Glück, bald steht er reich beschenkt.
Dem Kloster hatte werte Gabe
Der Graf gelobt aus seiner Habe.
Zwar das Gelübd ward unterdessen
In größrer Taten Drang vergessen,
Doch da er mit dem Böhmen rang,
Des Kampfes Waage drohend schwankte,
Da seine Heermacht wich und wankte,
Und er gen Himmel schaute bang,
Ward des er wieder eingedenk.
Nun sendet er das Weihgeschenk.
Er anvertraut es einem Treuen,
Erprobt in manchem Dienste schon,
Talschaft und Kloster zu erfreuen,
Hat er geordnet Engels Sohn.

Jetzt hebt der Reiter an zu lauschen:
Hört nicht er seinen Wildbach rauschen
Hier unten, wo die Wasser drängen
Sich schäumend zwischen Felsenengen?
Da steht die Klostersägemühle,
Wo er als Knabe zugesehn,
Wie sich im spritzenden Gewühle
Die großen Räder lustig drehn!
Was ist denn aus dem Müllerskind,
Was ist aus Lisbeth wohl geworden,
Die lief zur Mutter treugesinnt,
Da er den Junker wollte morden?
Nun öffnet sich des Tales Rand,
Er reitet über Wiesengrund,
Gradaus zum Kloster zu gelangen,
Wo sie mit Ehren ihn empfangen.

"Herr Abt, von Kaiser Rudolfs Macht
Wird Euch durch mich ein Gruß gebracht.
Er schickt Euch, sein Gelübd zu zahlen,
Dies Böhmenbanner. Ohne Prahlen,
Ich habs aus Feindesreihn gehaun.
Beliebt, das Beutestück zu schaun!"
Der Abt empfängt es ernst und spricht:
"Der Böhme zwingt den Deutschen nicht.
Wir hängens zu des Reiches Ehre
An heilgen Ort. Daß Gott sie mehre!"

Er sprichts und überlegt dabei,
Ob dies die ganze Gabe sei.

Aus seiner Truhe zieht der Reiter -
Und fährt in seiner Rede weiter -
Vier große, goldne Leuchter, fein
Verziert mit manchem Edelstein:
"Nehmt sie zu Eurer Kirche Frommen
Und fragt nicht, wo sie wir genommen!"

Und Herz und Mund und Auge lacht
Dem Abt ob solcher schweren Pracht.
"Die strahlen", rühmt er, "hell und weit
Wie Kaiser Rudolfs Frömmigkeit!
Euch, Ritter Kurd, kann nicht entgehn
Das nächste fette Klosterlehn,
Damit ein Mann von Eurem Schlag
Uns Friedensleute schirmen mag."

Schwül brütet Mittag auf den Matten,
In ihrer Hütte schmalem Schatten Sitzt
Engel mit dem Müllerskind,
Das plaudert, wie ein Brünnlein rinnt.
Schon sagte Lebewohl die Maid -
Und blieb, ihr tut das Gehen leid.
Es ist, als ob noch eine Frage

Ihr schüchtern auf den Lippen zage.
Am Berge zuckt ein Wetterschein,
Und langsam grollt es durch die Schwüle.
"Ich will talnieder nach der Mühle",
Sagt sie. "Die Kinder sind allein!
Der Vater ist mit Holz gefahren
Nach Stanz. Ich muß das Haus bewahren.
Wie zieht es dunkel um die Wände
Des Titlis...! Wißt von Kurd Ihr nichts?"

Sie fragts und wendet sich behende
Und steht erglühnden Angesichts
Vor einem Mann im Reiterhut,
Der lächelnd sagt: "Es geht ihm gut."

Und Engel hängt am Halse schon
Dem wilden und dem liebsten Sohn.
Sie treten friedlich Hand in Hand
In Engels niedre Täfelstube:
"Wars Lisbeth nicht, die hier verschwand,
Die huckepack ich trug als Bube?
Wie lieblich hat sie sich entfaltet!
Wie hat sie bräutlich sich gestaltet!
Und diese Augen, braun und licht,
In einem blassen Angesicht!"

-,Ja, Kurd, sie ist ein lieblich Kind,
Die Mutter starb, zwei Jahre sind
Dahin, nun übt sie brav und treu
An vier Geschwistern Mutterpflicht,
Doch ist sie wie die Gemse scheu,
Und einem Kriegsmann taugt sie nicht."
Und Kurd: "Ich rnuß doch nach ihr sehn,
Will morgen in die Mühle gehn
Just diese, Mutter, will ich frein
Und rasch wie dieses Blitzes Schein!"

Die Wolken stoßen schwarz zusammen,
Der Himmel loht, die Blitze flammen,
Die beiden treten unter Dach
Und plaudern weiter im Gemach,
Vernehmen in den liebevollen
Gesprächen nicht der Donner Rollen
Und hören nicht die Regen rauschen,
Derweil sie trauten Worten lauschen.

Da hört er einen Schreckenston,
Im Dorf ein geller Ruf erschallt:
"Die wilden Wasser kommen schon!
Ihr Männer! Wehrt der Stromgewalt!
Die Mühle sinkt! Die Not ist groß!"
Kurd macht sich von der Mutter los.
Der beiden Klöster Glocken stürmen
Und jammern kläglich von den Türmen,
Mit Windlicht und mit Hacken laufen
Talabwärts aus dem Dorf die Haufen.

Die Mühle schwankt im Sturmgebraus,
Jetzt zugedeckt von Finsternissen,
Jetzt zündet auf den Wassergraus
Ein jähes Licht aus Wolkenrissen.
Der Wogenschwall hat, wild empört,
Das Rad zermalmt, den Steg zerstört.
Das Haus, vom Ufer abgelöst,
Schwebt auf den letzten morschen Stützen,
Woran die Welle grimmig stößt.
Nichts kann es vor Verderben schützen.
Auf einem schmalen Brette steht,
Die Füße bloß, das Haar verweht,
Lisbeth mit der Geschwisterschar
Und hält das Jüngste bittend dar,
Sie hebts empor mit flehndem Arme,
Ob seiner niemand sich erbarme.
Nicht einer, der sie nicht beklage!
Nicht einer, der die Rettung wage!

Umringt von bangem Volke stand
Beat am hohen Uferrand
Und zeigt der Flut im Fackelschein
Beschwörend den Reliquienschrein;
Jedoch die trotzgen Wassergeister
Erkennen heute keinen Meister.
Da ringt er im Gebet die Hände

Und ruft: "Herr, mach der Not ein Ende!
Schick einen gegen die Dämonen
Von denen, die im Himmel wohnen!
Hilf, Herr! Es ist die letzte Frist!"
Und hell erschallts: "Da bin ich schon!
Und wenn es nicht ein Engel ist,
So ist es eines Engels Sohn!"

Es ist der tapfre Kurd. Er gleitet
Vom Ufer nieder in die Flut
Und zu der wanken Mühle schreitet
Er, kämpfend mit des Strudels Wut.
"Lieb Lisbeth! Bücke dich und reich
Das Kindlein mir in seinen Laken,
Dann setze noch den Buben gleich
Mir heilgem Christoph auf den Nacken!"
Er strebt zurück, mit starker Hand
Reicht er die Doppellast an Land.
Und wieder ringt er mit den Wellen,
Die hoch und immer höher schwellen.
"Lieb Lisbeth! Springe!" keucht er. -
"Nein! Die müssen erst gerettet sein!
Bis ich sie kann am Ufer sehn,
Sie alle viere, bleib ich stehn!"
Und noch die beiden letzten schafft
Ans Ufer er mit Riesenkraft
Und stürzt zurück und er erreicht
Die Mühle noch. Ein Stoß! Ein Prall!
Des Hauses letzte Stütze weicht
Und unter gehts im Wogenschwall.
Er sieht sie neben sich versinken,
Hält und umschlingt sie mit der Linken,
Sie schweben, seine freie Rechte
Scheint mit dem Stromgeist im Gefechte,
Sie tauchen in die Tiefe nieder
Und kommen in die Höhe wieder,
Von jauchzenden Wassern fortgetragen,
Die über ihnen zusammenschlagen.
Da jetzt der Strom den Widerstand
Gebrochen und die Freiheit fand,
Wälzt er gelassener und breiter
Die Wogen der Zerstörung weiter,
Er legt die beiden jungen Leben,
Das Liebespaar, das er geraubt,
Im Morgenlicht ans Ufer neben
Einander, bettend Haupt an Haupt.

XII

Es war ein schöner Leichenzug,
Da man den Kurd zu Grabe trug.
Von jungen Bräuten sechs im Land,
Den blanken Silberpfeil im Haare,
Im faltenreichen Festgewand,
Die führten Lisbeth auf der Bahre.
Sie lag auf einem Bett von Moosen,
Im braungewellten Haare Rosen,
Und trug geheimer Wonne Licht
Auf ihrem stillen Angesicht.
Jetzt nahte hoch der Starke,
Blasse, Dahingestreckt in Todesschlaf.
Murmeln durchlief des Volkes Gasse,
Und: "Brav!" erscholls und wieder: "Brav!"
Das grüngeschmückte Lager halten
Empor auf Schultern breit und stark
Sechs edle herrliche Gestalten,
Sechs Jünglinge, des Landes Mark.
Die Stirne ziert ein Eichenkranz,
Sein gutes Schwert gibt ihm Geleit,
Das tapfre Haupt verklärt ein Glanz
Von feierlicher Fröhlichkeit.
Der hohen Bahre schreitet nah
In tiefem Sinnen Angela,
Und ob ihr auch das Mutterherz
Zerreißt ein ungeheurer Schmerz,
So ist er doch gemischt mit Lust,
Hebt Freude doch ihr stolz die Brust,
Daß ihrer Sorge liebster Sohn
In hellem Ruhme zieht davon.
Jetzt kommen an des Vaters Hand,

Was Kurd dem wilden Strom entwand:
Lisbeths Geschwister, erst die kleinen,
Die größern folgen nach und weinen,
Und dann in brausendem Gedränge
Des Alpenvolkes bunte Menge,
Das unter dröhnendem Geläute
Dem Sieger folgt und seiner Beute.

Seit Engel wohnt in leerem Raum,
Nicht weiß sie selbst wie lange Zeit,
Verklärt sich in der Einsamkeit
Das Leben ihr und wird zum Traum.
Des Auges und der Seele Sinnen
Hangt an des Engelberges Zinnen.
Wann purpurn brennt das Felsgestein
Auf Himmelsgründen tief und rein,
Fühlt sie Verlangen nach der Einheit
Mit dieser Glut und dieser Reinheit.
Noch weiß sie, wie sie unverzagt
Den ersten Felsenhang erklommen,
Und was ihr Marthe hat gesagt,
Daß sie vom Himmel hergekommen
In einer selgen Engelschar,
Sie glaubt es, und es wird ihr wahr.
Und fährt im Blau ein lichter Reigen,
So sieht sie heilge Mächte walten
Und sieht sich Arme segnend neigen
Und grüßt hinauf zu den Gestalten.

In einer Sommermitternacht
Ist Engel jählings aufgewacht:
Es hat ans Fenster ihr gepocht,
Trüb schimmert einer Leuchte Docht.
"Mach auf!" Ihr dünkts der Ruf Hilars,
Sie öffnet, und der Alte wars.
Er meldet, keuchend noch vom Gehn:
"Ein Unglück, Engel, ist geschehn.
Dem Baptist bracht in letzter Not
Ich Beistand eben. Er ist rot.
Das Wildheu hat er heut geschnitten
Am Engelberg und ist geglitten.
Ich sah das Weib in Schmerz versteinen,
Es tät ihr wohl sich auszuweinen.
Ich weiß, du fürchtest keine Mühe:
Geh zu ihr morgen in der Frühe!
Es ist in deinen jungen Jahren
Dir gleiches Unglück widerfahren,
Und Gram wird nur von Trost gestillt,
Der selbst aus wundem Herzen quillt.
Du kennst den Weg. Leb wohl!"

Sie schaut
Hinaus ins Freie. Rings kein Laut,
Am Himmel wenig Sterngefunkel,
Lau ist die Nacht und wolkendunkel.
Sie denkt des armen Weibs. Es leidet
Sie nicht zu Haus und, rasch gekleidet,
Eilt sie auf wohlbekannten Wegen
Dem Hang des Engelbergs entgegen.
Die arme Hütte, die sie sucht,
Liegt fern in einer Bergesschlucht,
Wohin den Pfad sie oft gegangen,
Und ob er wild sei und zerrissen,
Sie schreitet rasch und ohne Bangen
Und kann des Mondes Leuchte missen.
Sie wandert, Stunden wandert sie,
Doch kommt sie zu der Hütte nie.
Schon auf den nackten Felsen tritt
Ihr Fuß, sie fördert stets den Schritt.
Sie ist den Steg vorbeigeeilt,
Der seitwärts nach der Hütte leitet,
Und immer steigt sie unverweilt,
Die hoch schon überm Tale schreitet.
Sie steigt, als ob empor sie triebe,
Was sie gelitten und empfunden,
All ihre Wonnen, ihre Wunden;
All ihre Kraft, all ihre Liebe!
Sie schreitet ohne Rast und Ruh
Dem offnen Tor des Himmels zu -
Und ist am Gipfel angekommen,

Sie hat den steilen Berg erklommen,
Frei oben steht mit einem Mal
Sie jetzt, und rings versank das Tal.

Die Firne fangen an zu glimmen,
Zu leuchten und im Licht zu schwimmen,
Und von den hundert weißen Spitzen
Herüber kommts wie Flügelblitzen,
Die Tiefe tönt, die Höhen klingen,
Die Erde schwindet ihrem Fuß,
Sie fühlt gehoben sich von Schwingen,
Und sie vernimmt den Engelgruß:

"Es ging ein Himmelskind verloren
Und blieb dem Himmel doch getreu,
Es ward von einem Weib geboren
Und wußte doch, woher es sei.
Es dachte heim in bangen Stunden,
Es hat geweint und uns gesucht.
Wir haben wieder es gefunden
Und retten es in schneller Flucht."