III

In den Bergen

 

Schutzgeister*

Nahe wieder sah ich glänzen
Meiner Firne scharfe Grenzen,
Meiner Alpen weiße Bünde,
Wurzelnd tief im Kern der Schweiz;
Wieder bin ich dort gegangen,
Wo die graden Wände hangen
In des Sees geheime Gründe
Mit dem dunkelgrünen Reiz.

Nimmer war ein Tag so helle,
Niemals reiner meine Augen,
Erd und Himmel einzusaugen,
Meine Schritte gingen sacht;
Schauend pilgert' ich und lauschte,
Weil ein guter Weggeselle
Heimlich Worte mit mir tauschte
Von der Berge Herzensmacht.

Traulich fühlt' ich seine Nähe
Und mir ward, ob ich ihn sehe,
Und er sprach: "Vor manchen Jahren
Bin ich rüstig hier gereist,
Hier geschritten, dort gefahren!"
Und er lobte Land und Leute,
Daß sich meine Seele freute
An dem liebevollen Geist.

Und er wies auf ein Gelände:
"Hier an einem lichten Tage
Fand ich eure schönste Sage
Und ich nahm sie mit mir fort.
Wandernd hab ich dran gesonnen;
Was zu bilden ich begonnen,
Legt' in Schillers edle Hände
Nieder ich als reichen Hort."

Da er seinen Bruder nannte
Und mir drob das Herz entbrannte,
War's, als schlügen weite Flügel
Sausend über mir die Luft,
Schwingen die den Raum besiegen,
Wie sie nicht um niedre Hügel
Flattern, Schwingen die sich wiegen,
Herrschend über Berg und Kluft.

Selig war ich mit den beiden,
Dämmerung verwob die Weiden
Und ich sah zwei treue Sterne
Über meiner Heimat gehn.
Leben wird mein Volk und dauern
Zwischen seinen Felsenmauern,
Wenn die Dioskuren gerne
Segnend ihm zu Haupte stehn.
 
 

*Goethe-Jahrbuch 1887.
 
 
 
 

Der Reisebecher

Gestern fand ich, räumend eines langvergeßnen Schrankes Fächer,
Den vom Vater mir vererbten, meinen ersten Reisebecher.
Währenddes ich leise singend reinigt' ihn vom Staub der Jahre,
War's als höbe mir ein Bergwind aus der Stirn die grauen Haare,
War's als dufteten die Matten, drein ich schlummernd lag versunken,
War's als rauschten alle Quelle, draus ich wandernd einst getrunken.

Nach der ersten Bergfahrt

(Einem jungen Mädchen)

Liebes Kind, du bist gemagert, bist verbrannt von Mittagssonnen,
Deine Wangen blühen frischer, wuschest dich an kühlen Bronnen,
Wie du schreitest, schlank und kräftig, über deines Gärtchens Stufen!
Deine Stimme wurde voller, die das Echo wachgerufen,
In dem klaren Herdgeläute wurde deine Stimme heller,
Deine wegeskundgen Blicke kreisen rascher, streifen schneller,
Deine Lippen wurden stiller, edler wurde deine Stirne,
Und dein Auge, großgeöffnet, es betrachtet noch die Firne.

Das weiße Spitzchen

Ein blendendes Spitzchen blickt über den Wald,
Das ruft mich, das zieht mich, das tut mir Gewalt:

"Was schaffst du noch unten im Menschgewühl?
Hier oben ist's einsam! Hier oben ist's kühl!

Der See mir zu Füßen hat heut sich enteist,
Er kräuselt sich, flutet, er wandert, er reist,

Die Moosbank des Felsens ist dir schon bereit,
Von ihr ist's zum ewigen Schnee nicht mehr weit!"

Das Spitzchen, es ruft mich, sobald ich erwacht,
Am Mittag, am Abend, im Traum noch der Nacht.

So komm ich denn morgen! Nun laß mich in Ruh!
Erst schließ ich die Bücher, die Schreine noch zu.

Leis wandelt in Lüften ein Herdegeläut:
"Laß offen die Truhen! Komm lieber noch heut!"

Firnelicht

Wie pocht' das Herz mir in der Brust
Trotz meiner jungen Wanderlust,
Wann, heimgewendet, ich erschaut'
Die Schneegebirge, süß umblaut,
 Das große stille Leuchten!

Ich atmet' eilig, wie auf Raub,
Der Märkte Dunst, der Städte Staub.
Ich sah den Kampf. Was sagest du,
Mein reines Firnelicht, dazu,
 Du großes stilles Leuchten?

Nie prahlt' ich mit der Heimat noch
Und liebe sie von Herzen doch,
In meinem Wesen und Gedicht
Allüberall ist Firnelicht,
 Das große stille Leuchten.

Was kann ich für die Heimat tun,
Bevor ich geh im Grabe ruhn?
Was geb ich, das dem Tod entflieht?
Vielleicht ein Wort, vielleicht ein Lied,
 Ein kleines stilles Leuchten!

Himmelsnähe

In meiner Firne feierlichem Kreis
Lagr' ich an schmalem Felsengrate hier,
Aus einem grünerstarrten Meer von Eis
Erhebt die Silberzacke sich vor mir.

Der Schnee, der am Geklüfte hing zerstreut,
In hundert Rinnen rieselt er davon
Und aus der schwarzen Feuchte schimmert heut
Der Soldanelle zarte Glocke schon.

Bald nahe tost, bald fern der Wasserfall,
Er stäubt und stürzt, nun rechts, nun links verweht,
Ein tiefes Schweigen und ein steter Schall,
Ein Wind, ein Strom, ein Atem, ein Gebet!

Nur neben mir des Murmeltieres Pfiff,
Nur über mir des Geiers heisrer Schrei,
Ich bin allein auf meinem Felsenriff
Und ich empfinde, daß Gott bei mir sei.

Allerbarmen

An dem Bauernhaus vorüber
Schritt ich eilig, weil mir grauste,
Weil im dumpfen Hof ein trüber,
Brütender Kretine hauste.

Schaudernd warf ich einen halben
Blick in seinen feuchten Kerker -
Eben war die Zeit der Schwalben,
Wo sie baun an Dach und Erker.

Den Enterbten sah ich kauern,
Über seiner Lagerstätte
Blitzten Schwalben um die Mauern,
Nester bauend in die Wette.

Der erloschne Blick erfreute
Sich, in einem kleinen blauen
Raum das Werk der Schwalben heute,
Dieses kluge Werk zu schauen.

Blitzend kreiste das Geschwirre
An dem engen Horizonte,
Und das Lachen klang, das irre,
Drin sich doch der Himmel sonnte.

Göttermahl

Wo die Tannen finstre Schatten werfen
Über Hänge goldbesonnt,
Unverwundet von der Firne Schärfen
Blaut der reine Horizont,

Wo das Spiel den rastlos wehnden Winden
Kein Gebälk und keine Mauer wehrt,
Wo wie einer dunkeln Sorge Schwinden
Jede Wolke sich verzehrt,

Wo das braune Rind, wie Juno schauend,
Weidet und mit heller Glocke tönt,
Wo das Zicklein, lüstern wiederkauend,
Den bemoosten Felsen krönt,

Schlürf ich kühle Luft und wilde Würzen,
Mit den sel'gen Göttern kost ich da -
Die mich nicht aus ihrem Himmel stürzen -
Nektar und Ambrosia!

Das Seelchen

Ich lag im Gras auf einer Alp,
In sel'ge Bläuen starrt' ich auf -
Mir war, als ob auf meiner Brust
Mich etwas sacht betastete.
Ich blickte schräg. Ein Falter saß
Auf meinem grauen Wanderrock.
Mein Seelchen war's, das flugbereit
Die Schwingen öffnend zitterte.
Wie sind die Schwingen ihm gefärbt?
Sie leuchten blank, betupft mit Blut.

Das Glöcklein

Er steht an ihrem Pfühl in herber Qual,
Den jungen Busen muß er keuchen sehn -
Er ist ein Arzt. Er weiß, sein traut Gemahl
Erblaßt, sobald die Morgenschauer wehn.

Sie hat geschlummert. "Lieber, du bei mir?
Mir träumte, daß ich auf der Alpe war,
Wie schön mir träumte, das erzähl ich dir -
Du schickst mich wieder hin das nächste Jahr!

Dort vor dem Dorf - du weißt den moosgen Stein -
Saß ich, umhallt von lauter Herdgetön,
An mir vorüber zogen mit Schalmein
Die Herden nieder von den Sommerhöhn.

Die Herden kehren alle heut nach Haus -
Das ist die letzte wohl? Nein, eine noch!
Noch ein Geläut klingt an und eins klingt aus!
Das endet nicht! Da kam das letzte doch!

Mich überflutete das Abendrot,
Die Matten dunkelten so grün und rein,
Die Firne brannten aus und waren tot,
Darüber glomm ein leiser Sternenschein -

Da horch! ein Glöcklein läutet in der Schlucht,
Verirrt, verspätet, wandert's ohne Ruh,
Ein armes Glöcklein, das die Herde sucht -
Aufwacht' ich dann und bei mir warest du!

O, bring mich wieder auf die lieben Höhn -
Sie haben, sagst du, mich gesund gemacht ...
Dort war es schön! Dort war es wunderschön!
Das Glöcklein! Wieder! Hörst du's? Gute Nacht ..."

Spiel

Denkst, Freund, des wilden Knabenspiels du noch,
Das wir getrieben einst am Bergesjoch,
Wann unser freudger Wandertag verglomm
Und höher stets und immer höher klomm?
Wir sprangen jubelnd über Stock und Stein
Bergan und wieder in das Licht hinein,
 Und noch einmal und noch einmal,
Bis uns entschlüpft' der letzte Sonnenstrahl.

Das Spiel, das wir im Alpentale dort
Getrieben, Freund, wir spielen's heut noch fort.
Wann neben uns das süße Licht erbleicht
Wir steigen, bis von neuem wir's erreicht.
Wir springen rüstig über Stock und Stein
Und mitten wieder in den Tag hinein,
 Und noch einmal und noch einmal,
Bis uns entschlüpft der letzte Lebensstrahl.

Ich würd es hören

Läg' dort ich unterm Firneschein
Auf hoher Alp begraben,
Ich schliefe mitten im Juchhein
Der wilden Hirtenknaben.

Wo sonst ich lag im süßen Tag,
Läg' ich in dunkeln Decken,
Der Laue Krach und dumpfer Schlag,
Er würde mich nicht wecken.

Und käme schwarzer Sturm gerauscht
Und schüttelte die Tannen,
Er führe, von mir unbelauscht,
Vorüber und von dannen.

Doch klänge sanfter Glockenchor,
Ich ließe wohl mich stören
Und lauscht' ein Weilchen gern empor,
Das Herdgeläut zu hören.

Die Bank des Alten

Ich bin einmal in einem Tal gegangen,
Das fern der Welt, dem Himmel nahe war,
Durch das Gelände seiner Wiesen klangen
Die Sensen rings der zweiten Mahd im Jahr.

Ich schritt durch eines Dörfchens stille Gassen.
Kein Laut. Vor einer Hütte saß allein
Ein alter Mann, von seiner Kraft verlassen,
Und schaute feiernd auf den Firneschein.

Zuweilen, in die Hand gelegt die Stirne,
Seh ich den Himmel jenes Tales blaun,
Den Müden seh ich wieder auf die Firne,
Die nahen, selig klaren Firne schaun.

's ist nur ein Traum. Wohl ist der Greis geschieden
Aus dieser Sonne Licht, von Jahren schwer;
Er schlummert wohl in seines Grabes Frieden
Und seine Bank steht vor der Hütte leer.

Noch pulst mein Leben feurig. Wie den andern
Kommt mir ein Tag, da mich die Kraft verrät;
Dann will ich langsam in die Berge wandern
Und suchen, wo die Bank des Alten steht.

Die alte Brücke

Dein Bogen, grauer Zeit entstammt,
Steht manch Jahrhundert außer Amt;
Ein neuer Bau ragt über dir:
Dort fahren sie! Du feierst hier.

Die Straße, die getragen du,
Deckt Wuchs und rote Blüte zu!
Ein Nebel netzt und tränkt dein Moos,
Er dampft aus dumpfem Reußgetos:

Mit einem luftgewobnen Kleid
Umschleiert dich Vergangenheit
Und statt des Lebens geht der Traum
Auf deines Pfades engem Raum.

Das Carmen, das der Schüler sang,
Träumt noch im Felsenwiderklang,
Gewieher und Drommetenhall
Träumt und verdröhnt im Wogenschwall.

Du warst nach Rom der arge Weg,
Der Kaiser ritt auf deinem Steg,
Und Parricida, frevelblaß,
Ward hier vom Staub der Welle naß!

Du brachtest nordwärts manchen Brief,
Drin römische Verleumdung schlief,
Auf dir mit Söldnern beuteschwer
Schlich Pest und schwarzer Tod daher!

Vorbei! Vorüber ohne Spur!
Du fielest heim an die Natur,
Die dich umwildert, dich umgrünt,
Vom Tritt des Menschen dich entsühnt!

Der Kaiser und das Fräulein

Hoch am Septimer, dem Kaiserpasse
(Denn die Kaiser pflegten nach Italien
Über dieses Bergesjoch zu reiten)
Hielt ich unter steilen Sonnenstrahlen
Mittagsrast. Mir gegenüber wand sich
Um den Felsen noch ein Stück des alten
Saumwegs, schwebend über jähem Abgrund.
Mittag ist des Berges Geisterstunde.
In die Sonne blinzelt' ich. Ein Hornruf!
Banner flattern. Schwert und Bügel klirren.
Fraun und Ritter gleiten aus den Sätteln.
Sorglich leiten Säumer scheue Rosse.
Die gestrenge Kaisrin seh ich schreiten,
Ein versteinert Weib mit harten Zügen.
Hinter ihr die Fräulein. Einer Zarten
Schwindelt plötzlich. Ihre Kniee wanken.
Sich entfärbend lehnt sie an die Bergwand ...
Rasch ein Held - er trägt das Kaiserkrönlein
Um die Kappe - fängt in seinen mächtgen
Armen auf das wanke Kind und trägt es
An die Brust gedrückt. Das Mädchen schwebte
Sicher überm Abgrund, und er raubt' ihr
Einen flüchtgen Kuß. Da schwand das Blendwerk.
Weiter pilgernd rätselt' ich ein Weilchen:
War es einer der Ottonen oder
War's ein Heinrich oder war's ein Friedrich,
Der die wehrlos Schwebende geküßt hat?

Reisephantasie

Mittagsruhe haltend auf den Matten
In der morschen Burg gezacktem Schatten,
Vor dem Türmchen eppichübersponnen,
Hab ich einen Sommerwunsch gesonnen,
Während ich ein Eidechsschwänzchen blitzen
Sah und husch verschwinden durch die Ritzen ...

Wenn es lauschte ... wenn es meiner harrte ...
Wenn - das Pförtchen in der Mauer knarrte ...
Dem Geräusche folgend einer Schleppe,
Fänd' ich eine schmale Wendeltreppe
Und, von leiser Hand emporgeleitet,
Droben einen Becher Wein bereitet ...
Dann im Erker säßen wir alleine,
Plauderten von nichts im Dämmerscheine,
Bis der Pendel stünde, der da tickte,
Und ein blondes Haupt entschlummernd nickte,
Unter seines Lides dünner Hülle
Regte sich des blauen Quelles Fülle ...
Und das unbekannte Antlitz trüge
Ähnlichkeiten und Geschwisterzüge
Alles Schönen, was mir je entgegen
Trat auf allen meinen Erdewegen ...
Was ich Tiefstes, Zartestes empfunden,
Wär' an dieses blonde Haupt gebunden
Und in eine Schlummernde vereinigt,
Was mich je beseligt und gepeinigt ...
Dringend hätt' es mich emporgerufen
Dieser Wendeltreppe Trümmerstufen,
Daß ich einem ganzen, vollen Glücke
Stillen Kuß auf stumme Lippen drücke ...
Einmal nur in einem Menschenleben -
Aber nimmer wird es sich begeben!

Der Rheinborn

Ich bin den Rhein hinauf gezogen
Durch manches schattge Felsentor,
Entlang die blauen, frischen Wogen
Zu seinem hohen Quell empor.

Ich glaubte, daß der Rhein entspringe,
So liedervoll, so weinumlaubt,
Aus eines Seees lichtem Ringe,
Doch fand ich nicht, was ich geglaubt.

Indem ich durch die Matten irrte
Nach solchen Bornes Freudeschein,
Wies schweigend der befragte Hirte
Empor mich zum Granitgestein.

Ich klomm und klomm auf schroffen Stiegen,
Verwognen Pfaden, öd und wild,
Und sah den Born im Dunkel liegen
Wie einen erzgegoßnen Schild.

Fernab von Herdgeläut und Matten
Lag er in eine Schlucht versenkt,
Bedeckt von schweren Riesenschatten,
Aus Eis und ewgem Schnee getränkt -

Ein Sturz! Ein Schlag! Und aus den Tiefen
Und aus den Wänden brach es los:
Heerwagen rollten! Stimmen riefen
Befehle durch ein Schlachtgetos!

Die Felswand

Feindselig, wildzerrissen steigt die Felswand.
Das Auge schrickt zurück. Dann irrt es unstet
Daran herum. Bang sucht es, wo es hafte.
Dort! über einem Abgrund schwebt ein Brücklein
Wie Spinnweb. Höher um die scharfe Kante
Sind Stapfen eingehaun, ein Wegesbruchstück!
Fast oben ragt ein Tor mit blauer Füllung:
Dort klimmt ein Wanderer zu Licht und Höhe!
Das Aug verbindet Stiege, Stapfen, Stufen.
Es sucht. Es hat den ganzen Pfad gefunden,
Und gastlich, siehe, wird die steile Felswand.

Hohe Station

Hoch an der Windung des Passes bewohn ich ein niedriges Berghaus -
 Heut ist vorüber die Post, heut bin ich oben allein.
Lehnend am Fenster belausch ich die Stille des dämmernden Abends,
 Rings kein Laut! Nur der Specht hämmert im harzigen Tann.
Leicht aus dem Wald in den Wald hüpft über die Matte das Eichhorn,
 Spielend auf offenem Plan; denn es ist Herr im Bezirk.
Jammer! Was hör ich? Ein schrilles Gesurre: "Gemordet ist Garfield!"
 "Bismarck zürnt im Gezelt!" - "Väterlich segnet der Papst!"
Schwirrt in der Luft ein Gerücht? Was gewahr ich? Ein schwärzliches Glöcklein!
 Unter dem Fenstergesims bebt der elektrische Draht,
Der, wie die Schläge des Pulses beseelend den Körper der Menschheit,
 Durch das entlegenste Tal trägt die Gebärde der Zeit.

Vision

Als ich jüngst vom Pfad verirrt war,
Wo kein Jäger und kein Hirt war,
Führt' ein Licht aus dunkelm Tann
Mich an eines Hüttleins Schwelle,
Drin bei matter Ampelhelle
Eine greise Parze spann.

Draußen schlug der Wind die Schwingen,
Und die Bergesströme singen
Hört' ich ihren dunkeln Sang ...
Und ich sah den Faden schweben,
Und der Faden schien ein Leben -
Meines? dacht' ich zauberbang.

Wage, Mensch, die höchsten Flüge,
Deiner Parze starre Züge
Sehen längst das nahe Ziel!
Tummle dich, ein kühner Ringer:
Ihre hagern, harten Finger
Enden bald das edle Spiel...

Eine Träne seh ich zittern,
Einen Kranz mit Silberflittern
Seh ich hangen an der Wand:
In der Alpenhütte Kammer
Spinnt an einem alten Jammer
Einer Greisin welke Hand.

Der Hengert

Vater Lucas sprach beim Frühstück:
"Heute, Herr, ist hier ein Hengert!"
Und ich fragte: "Was ist Hengert?"
Mich belehrte Vater Lucas:
"Hengert, Herr, bedeutet Reigen,
Ball und Sprung und Fußgezappel
In der Sprache der Grisonen,
Und Ihr möchtet böse schlummern,
Sucht Ihr heut nicht stillre Ruhstatt!"

"Vater Lucas, keine Sorge!
Hab ich erst mich müd gewandert,
Schlief' ich auch in einem Meersturm!"

Freudig nahm ich meinen Bergstock,
Stieg hinan die saftgen Weiden,
Wo sich tummeln braune Fohlen,
Durch bewegliches Gerölle
Klomm ich auf zum sel'gen Gipfel,
Den mit leichtem Kuß berühren
Heimatlose Wanderwolken.

Müde kehrt' ich heim ins Berghaus
Um die Zeit der ersten Lichter.
Vor der Pforte stand ein Häuflein,
In der Mitte Musikanten,
Rechts die Bursche, links die Mädchen,
Doch kein Scherzwort flog herüber,
Und hinüber flog kein Trutzwort.

Lässig mit gekreuzten Armen
Standen sie geschieden, feindlich
Sich mit dunkeln Blicken messend.

Und ich stieg in meine Kammer,
Legte mich getrost zur Ruhe.
Bald erklang Musik piano,
Allgemach begann der Hengert,
Sachte schritt er, schläfrig schleift' er,
Wie Geschlurfe von Pantoffeln.
Heimlich spottet ich der trägen
Füße, der bequemen Herzen
Im Gebirge der Grisonen
Und versank in süßen Schlummer ...

Horch! Ein Ton, ein feurig greller,
Schlägt empor wie eine Flamme!
Jach erhitzen sich die Bleche
Und die Geige streicht ein Dämon!
Mir zur Rechten, mir zur Linken,
Mir zu Häupten, mir zu Füßen,
Ungezügelt, ungebändigt,
Erderschütternd stampft der Reigen,
Immer lauter, wilder, toller
Tobt und rast und dröhnt und tritt er,
Daß erbeben alle Balken.
Tosend sausten durch die Lüfte
Berghaus, Hengert, Folterkammer,
Wie voreinst die hochgelobte
Casa santa durch die Lüfte
Fuhr von Istrien nach Loretto,
Doch von Engeln sie getragen,
Ich von höllischen Gewalten
An den Sabbat auf dem Blocksberg ...

Also ging es bis zum Morgen,
Da die heilge Frühe löschte
Stern an Stern am ewgen Leuchter
Über schwarzen Tannenbergen.
Lechzend öffnet' ich das Fenster,
Einzuschlürfen Morgenlüfte,
Abzukühlen die zertanzte
Fieberschwüle Stirn im Winde ...
Wagen rollten in die Ferne,
Trugen fort die letzten Gäste.
Unterm Vordach ein Geflüster -
Ein aus tiefster Brust geseufztes,
Ein aus tiefster Brust erwidert
Leidenschaftliches Addio ...

Die zwei Reigen

Ein Cherub schritt das Tal empor
Und schlug das Volk mit Schwert und Pest,
Hinsank der halbe Jugendflor -
Die Schwalbe kehrt und baut das Nest.

Brautführer will der Frühling sein,
Und wer das Lieb verloren hat,
Dem gibt mit einem blühnden Mai'n
Er eines an des toten statt.

Er führt auf schwellend grünen Plan
Den Rest der Jugend neu gepaart
Und hebt ein mächtig Fiedeln an
Von Liebesglück und Minnefahrt.

Die Paare fliegen rasch daher,
Ein Lenzgesind, gejagt vom Wind,
Dabei wird manches Herze schwer,
Das an die alte Liebe sinnt ...

Doch Leben hat das Leben gern,
Und leicht gewöhnt sich Brust an Brust
Die Toten liegen tief und fern
Und wissen nichts von unsrer Lust ...

Die Sonne schwand. Hell scheint ins Land
Der Mond und streut den Silberglanz,
Der Reigen dreht sich Hand in Hand
Und Mund an Mund und Kranz an Kranz ...

Da steigt es aus der Wiese leis
Und beut sich auch die Hände sacht:
Genüber schwebt ein stiller Kreis
Im blauen Duft der Lenzesnacht.

Es haucht ein sanfter Flötenlaut
Und toter Jüngling, tote Maid
Umschlingen sich im Reigen traut
Und ohne Neid und ohne Leid.

Bacchus in Bünden

Wo stürzend aus rätischen Klüften der Rhein
Um silberne Hüften sich gürtet den Wein
Ziehn paukende Masken mit Zimbelgeläut:
"Du Traube von Trimmis, dich wimmeln wir heut!"

Sie treten den Reigen, sie stampfen den Chor,
Da dunkelt's und lodern die Fackeln empor:
Ein Kranz in den Lüften! Ein wirbelndes Paar!
Ein brennender Nacken! Ein purpurnes Haar!

Die Fackeln verlöschen. Es hebt sich der Glanz
Des schimmernden Monds und vergeistert den Tanz -
Ein adliger Jüngling von fremder Gestalt
Bemeistert den Reigen mit Herrschergewalt.

Er schwebt in der Mitte, bekränzt und allein,
Mit leuchtenden Füßen in himmlischem Schein,
Die Schulter umflattert getigertes Fell,
Er trägt einen Szepter, der kühne Gesell.

Er neigt ihn vor Irma, der träumenden Maid:
"In nachtdunkle Haare taugt blitzend Geschmeid!"
Er greift in den Himmel mit mächtiger Hand,
Er raubt aus den Sternen ein flimmerndes Band:

Schön Irma schwebt hin mit dem Krönlein von Licht,
Als fesselte fürder die Erde sie nicht,
Er schwingt ihr zu Häupten den Thyrsus, umrankt
Mit üppigem Laube, von Trauben umschwankt ...

Zwölf Schläge verkünden die Mitte der Nacht.
Der Reigen ermüdet. Das Fest ist vollbracht!
"Herunter die Masken! So will es der Brauch!
Du Führer des Reigens, entlarve dich auch!

Wir sind unser zwanzig, und voll ist die Zahl!
Wer bist du, der frech in die Gilde sich stahl!
Ein Gaukler? Ein Zaubrer? Sprich, wie du dich nennst!
Sonst fürcht unsre Messer, bist du kein Gespenst!"

Ein Mönchlein, ein zechend entschlafnes, wird reg:
"Wer bist du? Der Satan? Dir weis ich den Weg!"
Er zeichnet ein Kreuz. "Nun entmumme dich nur!
Ich bin der gelehrte Pankrazi von Cur!"

Der Jüngling entlarvt ein von Eppich umlaubt,
Ein hohes, ein mildes, ein gnädiges Haupt:
"Zu Füssen dem Herrscher, vermessen Gesind.
Ich bin Dionysos, des Donnerers Kind!"

Er lächelt dem Mönch in das feiste Gesicht:
"Silenos, Silenos, verleugne mich nicht!
Mich hat seine Gnaden, der Bischof, gebannt
Und ist doch mein treuster Bekenner im Land.

Weinfröhliche Räter, etrurisch Geschlecht,
Ihr habt schon am Reno(*) gehörig gezecht,
Doch hüben am Rhein in germanischer Mark
Bezecht ihr euch doppelt und dreimal so stark!"
* Ein italienischer Fluß

Fiebernacht

"Berggeist, ich höre deine Ströme rauschen -
Gib mir Gehör! Wir wollen Rede tauschen!
Du von der Firn und aus der Gletscher Kühle,
Ich aus der engen Krankenkammer Schwüle!
Du weißt es, Geist, ich liege hier gefangen
Und lasse den geknickten Flügel hangen,
Ich ächz und stöhne, den gelähmten, wunden,
Gebrochnen Arm dicht an den Leib gebunden.
Zwei kurzer Wandertage süßes Träumen -
Und dich verdroß ein Gast in deinen Räumen.
Von deinem Tische stießest du den Zecher,
Entrissest ihm den eisgewürzten Becher
Und rolltest ihn hohnlachend durch die Klüfte
Hinunter in des Fieberlagers Grüfte.
Verräter, schmählich hast du mich betrogen!
Hast du mich leise rufend nicht gezogen?
Warst du mir lange Jahre nicht gewogen?
Und wann in deinem Reich ich mich verirrte,
Schritt nicht, wie Zufall, mir voran ein Hirte
Und ließ mich - ungerufen, ungebeten -
Bergab in seine sichern Stapfen treten?
Du bist mir gram geworden? Laß dich fragen!
Muß ich der führerlosen Fahrt entsagen?
Des hohen Irreganges mich entwöhnen?"
Mir gab Bescheid der Geist mit tiefen Tönen
Im Flutensturz und in der Laue Dröhnen,
Es klang wie Drohn und wieder klang's wie Höhnen:
"Ein junger Wandrer kam zu mir gefahren
Mit hastgen Schritten und mit wehnden Haaren.
Ein bleiches Bild, so ist er ohne Bangen
Auf meinen schmalen Gräten umgegangen,
Und über Klüften, schwindelnd abgrundtiefen,
Aus welchen jubelnd ihn die Wogen riefen,
Ist er gewandelt auf gestürzten Föhren
Und schien in meine Wildnis zu gehören,
Ein dumpfer Ton in meinen dumpfen Chören -
Du warst's ... und gingst an eines Abgrunds Saume,
Unkundig der Gefahr, in wachem Traume,
Doch mir gefiel der Kühne und der Blinde,
Und Sorge trug ich dir als einem Kinde -
Jetzt, lieber Herr, bist leidlich du vernünftig,
Hast Weib und Hof, bist in der Gilde zünftig,
Verlaß dich nicht auf meine Flügel künftig!"

Noch einmal

Noch einmal ein flüchtiger Wandergesell -
Wie jagen die schäumenden Bäche so hell,
Wie leuchtet der Schnee an den Wänden so grell!

Hier oben mischet der himmlische Schenk
Aus Norden und Süden der Lüfte Getränk,
Ich schlürf es und werde der Jugend gedenk.

O Atem der Berge, beglückender Hauch!
Ihr blutigen Rosen am hangenden Strauch,
Ihr Hütten mit bläulich gekräuseltem Rauch -

Den eben noch schleiernder Nebel verwebt,
Der Himmel, er öffnet sich innig und lebt,
Wie ruhig der Aar in dem strahlenden schwebt!

Und mein Herz, das er trägt in befiederter Brust,
Es wird sich der göttlichen Nähe bewußt,
Es freut sich des Himmels und zittert vor Lust -

Ich sehe dich, Jäger, ich seh dich genau,
Den Felsen umschleichest du grau auf dem Grau,
Jetzt richtest empor du das Rohr in das Blau -

Zu Tale zu steigen, das wäre mir Schmerz -
Entsende, du Schütze, entsende das Erz!
Jetzt bin ich ein Seliger! Triff mich ins Herz!

Burg 'Fragmirnichtnach'

Wo weiß die Landquart durch die Tannen schäumt,
Irrt unbekümmert ich um Weg und Zeit,
Da stand ein grauer Turm, wie hingeträumt
In ungebrochne Waldeseinsamkeit.
Ich sah mich um und frug: "Wie heißt das Schloß?"
Ein bucklig Mütterlein, das Kräuter brach;
Da murrte sie, die jedes Wort verdroß:
 "Fragmirnichtnach."

Ich schritt hinan; im Hof ein Brünnlein scholl,
Durch den verwachsnen Torweg drang ich ein,
Ein dünnes kühles Rieseln überquoll
Auf einer Gruft den schwarzbemoosten Stein.
Ich beugte mich nach des Verschollnen Spur,
Entziffernd, was des Steines Inschrift sprach,
Nicht Zahl, nicht Namen - ein Begehren nur:
 Frag mir nicht nach!

Gespenster

Am Horizonte glomm des Abends Feuer;
Ich stieg, indes die Purpurglut verblich,
Zum Römerturm empor und lehnte mich
Randüber auf das dunkelnde Gemäuer -

Und sah, wie sich am Hange scheu und scheuer
Die Beerenleserin vorüberschlich.
Das arme Weibchen drückt' und duckte sich
Und schlug ein Kreuz: ihr war es nicht geheuer...

Mich flog ein Lächeln an. Im Eppich neben
Der Brüstung flüstert's: "Freund, in deinem Leben
Ist auch ein Ort, wo die Gespenster schweben!

Führt dich Erinnrung dem zerstörten Ort
Vorbei, du huschest noch geschwinder fort
Als das von Graun gepackte Weibchen dort."

Alte Schrift

Jüngst verlockt' es mich im Abendglimmen
Zum Lombardenturm emporzuklimmen,
Dem verschollnen Herrscher hier im Gaue,
Der die Ferne noch beherrscht, die blaue.

In den Mauern bin ich lang geblieben:
Alte Namen standen rings geschrieben
Hoch im Raume, wo die Luken schimmern,
Doch die Wendeltreppe lag in Trümmern.

Die den Blick ins Weite dort gerichtet,
Ihre Wanderstäbe sind vernichtet,
Ihre leichten Mäntel sind verstoben,
Ihre Sprüche blieben aufgehoben.

Einer dichtet Anno fünfzehnhundert:
"Gott hab ich in der Natur bewundert!"
"Gaudeamus!" gräbt ein flotter Zecher
Um den keck entworfnen Riesenbecher.

Dort ein Herz von einem Pfeil durchschnitten:
"Hedewig" steht auf des Bolzes Mitten;
Dicht daneben schrieb ein Fahrtgenosse
Gut lateinisch eine derbe Posse -

Dann in des Kastelles tiefem Schatten
Warfen sich die Schüler auf die Matten,
Leerten einen Humpen und von dannen
Pilgerten sie singend durch die Tannen.

Das Gemälde

Trüb brennt der Schenke Kerzenlicht,
Der Wirtin junges Angesicht,
Ermüdet, schlummertrunken,
Nickt auf die Brust gesunken,
Denn schon ist Mitternacht vorbei.
Am Schiefertische spielen zwei,
Die weißen Würfel schallen,
Schlecht ist der Wurf gefallen -
Ein junges wildes Augenpaar
Droht aus verworrnem Lockenhaar:
"Das war mein letztes Silberstück!
Doch wenden muß sich jetzt das Glück!
Du, Alter, mußt mir borgen!
Wir spielen bis zum Morgen!"
Mit grünen Katzenaugen blitzt
Der andre, der im Dunkel sitzt:
"Laß dich zu Bette legen,
Die Mutter spricht den Segen!"
Des Jungen Faust zerdrückt das Glas
Mit einem Fluch - "Kind, weißt du was?
,Ein Schlößlein steht auf grünem Plan',
So fängt ein altes Märchen an.
Ich meine das im Walde,
Hier oben an der Halde.
Verschlossen sind die Fenster,
Drin hausen nur Gespenster
Für den, der an Gespenster glaubt -
Sobald das Jahr den Wald entlaubt,
Macht sich der Herr von hinnen
Von diesen luftgen Zinnen -
Schwelgt in der Stadt im Marmorsaal
Und spielt bei lustgem Kerzenstrahl.
Kling, kling! Ich hör es klingen,
Wie goldne Füchse springen ...
Dein Vater - ward mir recht gesagt? -
War Pächter und ist ausgejagt ...
Da weißt du droben ein und aus,
Du kennst den Hund, du kennst das Haus -
Ich borge mir mein Spielgeld frisch
Von dieses reichen Mannes Tisch!
Nimm was da liegt, nimm was da steht:
Ein Prunkgeschirr, ein Goldgerät,
Mir darfst du's gleich verhandeln,
Ich kann's in Münze wandeln.
Von selber öffnet sich der Schrein,
Du müßtest nicht ein Schlosser sein ..."
Der Bursche lauscht mit dumpfem Hirn
Dem höllischen Gemunkel,
Ein Schatten steht auf seiner Stirn,
Ein Schatten tief und dunkel:
Und wieder leis und lüstern
Beginnt das grimme Flüstern:
"Kurt, sieh den Lauf der Welt dir an!
Was wohl gelingt, ist wohl getan!
Betrachte dir die Taten
Der großen Diplomaten,
Die klugen Herrn verstehn den Pfiff,
Ein leiser Schritt, ein sichrer Griff!
Dann spielt man hübsch Verstecken
Und läßt sich nicht entdecken -
Du blickst so wild, als wolltst du mich
Erstechen, Kurt, besinne dich!
Wo suchst du deine Schlüssel, Kurt?
Du trägst den ganzen Bund am Gurt!" ...
Er stürzt hinaus, empört, betört,
Die Wirtin, die ihn schreiten hört,
Lallt halb im Traum, sie weiß nicht wie:
"Wie gehts der Mutter? Grüße sie!"
Er taumelt in die Nacht hinaus,
Um seine Stirn fliegt ein Gebraus
Betrunkener Gedanken
Und seine Schritte wanken.
Er stürmt empor die Strecke
Zum Schloß auf Schneees Decke,
Das Gitter übersteigt er leis
Und knisternd bricht das Tannenreis,
Er schleicht und nach der Leiter langt
Er, die am Dach der Scheune hangt,
Er steht am Herrenhause schon,
Er klettert über den Balkon,
Sein Herz, er hört es pochen ...
Und hat die Tür erbrochen.
Rasch ist ein Wachslicht angebrannt,
Laut kracht es in der Täfelwand,
Ihm steigt das Haar, hin starrt er wild
Und sieht ein farbenlieblich Bild,
Von lichtem Reif umgeben,
Sich aus dem Düster heben.
Den Schlummer eines Knaben sieht
Er, neben dem die Mutter kniet,
Die blauen Augen strahlen licht
Von einer guten Zuversicht,
Nicht kann den Blick er wenden
Von diesen flehnden Händen ...
Da muß mit Tränenbächen
Die harte Rinde brechen -
Dumpf klirrend fällt der Schlüsselbund.
Die Mutter dankt mit frohem Mund.
Er flüchtet über den Balkon,
Die Leiter trägt er schnell davon,
Als wandelt' er auf Gluten -
Und wendet sich zum Guten.

Die Rehe

Fern von dem fürstlichen keuschen Gemahl
Jubelt ein blühender Jüngling im Saal:
"Hebet die Becher und ruft, daß es schallt:
Freiheit, sie lebe! Die Freiheit im Wald!"
All die Genossen der weidlichen Lust
Bringen das Hoch aus erglühender Brust:
"Lebe die Jugend und Bacchus' Gewalt!
Freiheit, sie lebe! Die Freiheit im Wald!"

Schmetternde Hörner! Dann flüstern sie sacht,
Scherzen und locken die Elfen der Nacht
Aus ihren Waldesverstecken hervor -
Ängstliche Schläge bestürmen das Tor.
"Setz dich ans Feuer, du herziges Kind!"
Lärmt im erleuchteten Hof das Gesind.
"Fürstlich bewirten mit Kuchen dich wir!
Drinnen was suchst du? Bescheide dich hier!"

Rasch in den Saal, in den fürstlichen tritt,
Eine Gescheuchte mit hastigem Schritt,
Über den Busen, vom Laufe bewegt,
Kreuzweis die flehenden Arme gelegt -
Blätter am Röcklein, herbströtlich und falb!
Krausdunkle Haare, noch flattern sie halb,
Süßbraune Augen und schmerzlich dabei,
Blutende Füße - nicht die einer Fei!

"Sage, wer bist du, krauslockiges Haupt,
Schimmernd von purpurnen Blättern umlaubt?"
"Rehe, die Rehe, so heiß ich im Land
Von meinem braunen Gelock und Gewand" -
"Mein ist die Rehe! Des Herrn ist die Jagd!"
Jubelt der Jüngling, es sträubt sich die Magd ...
"Halali!" hetzt es und tobt es und hallt.
Ringend entwindet sie sich der Gewalt.

Lodernde Augen, wie Blitze der Nacht -
Doch sie besinnt sich. Dann redet sie sacht:
"Rehe, die Rehe so heiß ich im Land,
Wilpert der Schütz ist der Vater genannt -
Auf eine Jagd, die dem Herrn nur gebührt,
Hat ihn ein äzendes Rudel verführt.
Siehe, da kniet er, da zielt er und knallt -
Heut hat der Vater gefrevelt im Wald!
Doch deine Förster ergriffen ihn, weh,
Ihn und das sündlich erbeutete Reh.
Ich, von der Angst und dem Jammer gejagt,
Lief in den Wald, eine hilflose Magd.
Da schier das Herz mir im Busen zersprang,
Sah ich die Kerzen und hörte den Klang -
Glaubte die gütige Herzogin hier,
Und nun erzittr' ich und steh ich vor dir.
Gib mir den Vater und gib mir ihn bald,
Daß ich getröstet verlasse den Wald!
Gnade!"
  Der Herzog gesteht sich verwirrt,
Daß man sich leichtlich im Walde verirrt,
Und er bekennt, vom Gewissen gerührt,
Daß eine Rehe vom Wege verführt.
Murmelnd verlangt er ein Blatt, einen Stift,
Schreibt eine Zeile mit schwankender Schrift:
"Wilpert dem Schützen gewähr ich Pardon!"
Und sie bedankt sich und fort ist sie schon.
Er tritt ans Fenster und öffnet es sacht:
Leuchtende Sterne der ruhigen Nacht!
Dort eine flüchtige dunkle Gestalt,
Und eine Rehe verschwindet im Wald.

Die Zwingburg

Gebrochen ist der alte Twing,
Ringsum ergrünt sein Mauerring,
Der Eppich schwankt im Fenster,
Versunken in der Erde Schoß
Tief unter das besonnte Moos
Sind Ritter und Gespenster.

Wo durch das tiefgewölbte Tor
Die zornge Fehde schritt hervor
Und ließ die Hörner schmettern,
Da hat sich, duftig eingeengt,
Ein Zicklein ans Gesträuch gehängt
Und nascht von jungen Blättern.

Wo wildverträumt Frau Minne stund,
Zerrann auf blauem Himmelsgrund
Der kecke Bau des Erkers;
Wo im Verließ der Haß gegrollt,
Ist in das weiche Gras gerollt
Ein Quaderstein des Kerkers.

Und wo den Teich vom Hügelhang
Herab die trotzge Feste zwang
Ein finster Bild zu spiegeln,
Da rudert, von der Flut benetzt,
Der Burg zerstörtes Wappen jetzt:
Ein Schwan mit Silberflügeln.