VI

Götter

 

Die Schule des Silen

In der schattendunkeln Laube gab Silen, der weise, Stunde,
Der ihm weich ans Knie geschmiegte Bacchus hing an seinem Munde,
  Lieblich lauschend.

Unter seinem krausen Barte lachte schelmisch der Ergraute,
Da er in das milde Feuer junger Götteraugen schaute.
  Dann begann er:

"Kind, betrachte dieses Antlitz, die gedankenschweren Lider!
Kind, in jedem greisen Zecher ehre du die Züge wieder
  Deines Lehrers.

Oft, wo die Veliten wankten, jene prahlerischen Knaben,
Sind es die Triarier, Liebling, die das Feld behauptet haben
  Unerschüttert!

Wenn auf Chios mit dem Mädchen teilt den Becher der Ephebe,
Laß sie nippen, laß sie kosen - mit der vollsten Schale schwebe
  Du vorüber.

Lenke deine götterleichten Schritte zu Homer, dem alten,
Netze seine heilgen Lippen, glätte seiner Stirne Falten,
  Wundertäter!

Lös ihm jeder Erdenschwere Fessel mit der Hand, der milden,
Fülle du des Blinden Auge mit unsterblichen Gebilden,
  Ewig schönen!"   

Pentheus

Sie schreitet in bacchisch bevölkertem Raum
Mit wehenden Haaren ein glühender Traum,
  Von Faunen umhüpft,
Um die Hüfte den Gürtel der Natter geknüpft.

Melodisch gewiegt und von Eppich umlaubt,
Ein flüsterndes, rücklings geworfenes Haupt -
  "Ich opfre mich dir.
Verzehre, Lyäus, was menschlich in mir!"

"Agave!" ruft's, und der bacchische Schwarm
Zerstiebt und der Vater ergreift sie am Arm.
  "Weg, trunken Gesind!
Erwach und erröte, verlorenes Kind!

Du dienst einem Gaukler!" Im Schutz des Gewands
Verhüllt er den Busen, entreißt ihr den Kranz -
  Wild hebt sie den Stab.
Sie schlug! Aufstöhnt, der das Leben ihr gab.

"Ich glaube den Gott! Ich empfinde die Macht!
Ich strafe den Frevler, der Götter verlacht!
  Wer bist du, Gesicht?
Ich bin die Bacchantin! Ich kenne dich nicht!"

Er betrachtet sein Kind. Er erstaunt. Er erblaßt.
Er entspringt, von entsetzlichem Grauen erfaßt.
  Er flieht im Gefild,
Ein rennender Läufer, ein hastendes Wild.

"Herbei alle Schwestern! Mänaden, herbei!"
Erhebt sie den Waldruf, das helle Geschrei.
  "Zur Jagd! Zur Jagd!"
"Wir folgen dir, blonde, begeisterte Magd!"

Sie jagen den König, Agave vorauf,
Er stürzt in den Strom und erneuert den Lauf
Am andern Gestad,
Aufspritzen die Wasser, sie springen ins Bad.

Er wirbelt mit bebenden Füssen den Staub,
Es dämmert - die Bacchen verfolgen den Raub -
  Es dämmert empor
Ein Fels ohne Pfad, eine Wand ohne Tor.

Er steht und er starrt an die grausige Wand,
Da trifft ihn der Thyrsus in rasender Hand -
  Nacht schwebt heran
Und erschrickt und verhüllt, was Agave getan.   

Vor einer Büste

Bist du die träumende Bacche? Der Sterblichen lieblichste bist du!
Still in den Winkeln des Munds lächelt ein grausamer Zug.   

Die sterbende Meduse

Ein kurzes Schwert gezückt in nervger Rechten,
Belauert Perseus bang in seinem Schild
Der schlummernden Meduse Spiegelbild,
Das süße Haupt mit müden Schlangenflechten.
Zur Hälfte zeigt der Spiegel längs der Erde
Des jungen Wuchses atmende Gebärde -
"Raub ich das arge Haupt mit raschem Hiebe,
Verderblich der Verderberin genaht?
Wenn nur die blonde Wimper schlummern bliebe!
Der Blick versteint! Gefährlich ist die Tat.
Die Mörderin! Sie schließt vielleicht aus List
Die wachen Augen! Sie, die grausam ist!
Durch weiße Lider schimmert blaues Licht
Und - zischte dort der Kopf der Natter nicht?"

Medusen träumt, daß einen Kranz sie winde,
Der Menschen schöner Liebling, der sie war,
Bevor die Stirn der Göttin Angebinde
Verschattet ihr mit wirrem Schlangenhaar.
Mit den Gespielen glaubt sie noch zu wandern
Und spendet ihnen lockenschüttelnd Grüße,
In blühndem Reigen regt sie mit den andern
Die freudehellen, die beschwingten Füße.
Ihr Antlitz hat vergessen, daß es töte,
Es glaubt, es glaubt an die barmherzge Lüge
Des Traums. Es lauscht dem Hauch der Hirtenflöte,
Der weichmelodisch zieht durch seine Züge.
Es lächelt still, von schwerem Bann befreit,
In unverlorner erster Lieblichkeit.

Der Mörder tritt an ihre Seite dicht,
Und dunkler träumt Medusens Angesicht.
Ihr ist, sie habe Haß empfunden schon,
Vor sich geschaudert, dumpf und bang gelitten,
Die Menschen habe scheu sie erst geflohn,
Dann ihnen nachgestellt mit Meuchlerschritten -
Sie sinnt, was Unheilbares sie gequält,
Daß sie dem eignen Leben feind geworden
Und andres Leben sich ergötzt zu morden -
Sie sinnt umsonst. Ihr hält's der Traum verhehlt,
Die grause Larve, die sie lang geschreckt,
Ist wie mit einem Purpurtuch bedeckt.
Das Graun ist aufgelöst in Seligkeit,
Begonnen hat der Seele Feierzeit.
Der Dämmer herrscht. Das harte Licht verblich.
Als eine der Erlösten fühlt sie sich.
Sie fürchtet keines Schreckens Wiederkehr,
Sie weiß, die Qualen kommen nimmermehr,
Nein, nimmermehr, und nun ist alles gut!
Sie liegt, den Hals gebogen, auf dem Rasen,
Sie hört die Hirtenflöte wieder blasen
Und lauscht. Sie zuckt. Sie windet sich. Sie ruht.

Nächtliche Fahrt

Ein Schiff befuhr das Meer. Aufrauschend quoll
Die Flut am Kiel. Er suchte Pylos' Strand.
Das Steuer führt' ein Jüngling kummervoll,
Dem früh des Vaters Rat und Hilfe schwand.

Der Glückbedürftge hieß Telemachos
Und schaute nach des Segels nächtgem Flug,
Dicht neben ihm der hohe Fahrtgenoß,
Athene war's, die Mentors Züge trug.

Unendlich brach hervor der Sterne Heer,
Die lichten Waller wußten ihre Bahn ...
Da sprach die Tochter Zeus' auf dunkelm Meer:
"Zusammen rufen wir die Götter an! "

Die Hände, wie der Staubgeborne fleht,
Erhob sie ausgebreitet in die Nacht -
Und sie erhörte selber das Gebet,
Von ihr für den Verlaßnen dargebracht.   

Der Stromgott

Morgengraun. Die Karawane windet sich dem Nil zur Seite,
Eine Rede dröhnt und murmelt über dunkler Stromesbreite.

Längs dem Ufer nippen durstig silbergraugeperlte Tauben,
Trinken Ibisse mit blankem Flügelpaar und schwarzen Hauben.

Nil, der segenreiche Vater, sorgt für alle seine Kinder,
Speist und tränkt aus seiner Fülle keines mehr und keines minder -

Neben einem braunen Reiter ein gebundner Knabe wandelt,
Joseph ist's, von seinen Brüdern in die Sklaverei verhandelt.

Taub und Ibis flattern nur um wenig Flügelschläge weiter.
Joseph lauscht des Stromes Worten. Ruhig sitzt der stumme Reiter.

"Knabe, deine Blicke trauern! Jüngling, deine Füsse bluten!
Dich verkauften deine Brüder ... Sei willkomm an meinen Fluten!

Joseph, fremder Knabe Joseph, du gefesselter, du müder,
Bist du einst der Herr der Ernten, speise deine schlimmen Brüder!

Knabe Joseph!" rauscht es dumpfer. Das erstaunte Kind in Banden
Tröstet sich des güt'gen Grußes, bleibt er auch ihm unverstanden.

Auf des Niles weiten Wassern ist des Stromgotts Wort verschollen,
Nur ein Antlitz schwimmt und schimmert, dessen Haare lockig rollen ...

Jetzt beleben sich die Pfade. Schiffe blähen ihre Flügel.
Kleebeladene Kamele wandern, sanftbewegte Hügel.

Frauen kommen mit dem schlanken Kruge, die gemessen schreiten
In verhülltem, stillem Zuge, wie die Jahre, wie die Zeiten ...

Aus der ahnungsvollen Ferne ragen Spitzen, hell besonnte,
Steigen wie beschneite Gipfel weiß am reinen Horizonte -

Joseph schaut empor zum Reiter: "Mit dir meiner Väter Frieden!
Herr, wie nennst du dort die Berge?" - "Kind, du schaust die Pyramiden!"   

Thespesius

Zwei Greise ruhten unter einer Pinie,
Stab neben Stab, an einer Quelle klarer Flut,
Wo wandernd sie begegnet sich von ungefähr.
Sie führten Zwiegespräch und sie behagten sich.
"Man nennt mich Eukrates, und wer, mein Freund, bist du?"
"Mich nannten Aridäus lange Jahre sie,
Seit langen Jahren bin ich nun Thespesius."
"Zwei Namen trugst du?" - "Beide Namen, Eukrates.
Hör an! Ein Jüngling, peitscht' ich rasend das Gespann.
Die Rosse flogen. Becher, Buhlen, Würfelspiel,
Wut, Zorn, vergossen Blut - verklagend Blut!
Dem ich entfloh, die Eumeniden hinter mir -
Sie folgten meiner raschen Füße schnellstem Lauf,
Ich warf mich in den Fluß, sie sprangen jauchzend nach
Und hoben schwimmend ihrer Fackeln düstre Glut.
Ich klomm bergan - verirrt stürzt' ich von einer Wand -
Die Sinne schwanden mir. Dann lebt' ich wieder - war's
Im Traum? - und schritt auf einem weichen Wiesengrün,
Wo Sel'ge - solche schienen sie - lustwandelten
In still bewegten Scharen. Kränze trugen sie.
Den einen kannt' ich wohl und ward von ihm erkannt:
Mein Blutsverwandter, welcher jüngst geschwunden war
Aus dieser Erde Staub nach einem reinen Lauf.
Der sprach mich an: `Ich grüße dich, Thespesius!'
Wozu der neue Name, wundersamer Ohm?
Wie nennst du mich? Dein Aridäus bin ich ja!'
Die Locken schüttelt' leis er, die ambrosischen,
`Und abermals, Ich grüsse dich, Thespesius!' -
Jetzt wacht' ich wirklich auf. Am Hange lag
Ich blutbefleckt, von gier'gen Raben schon umschwärmt -
Was mehr? Ich ward ein andrer. Nicht mit kleinem Kampf!
Der Kampf ist groß! Mein neuer Name stärkte mich,
Der makellose, der so rein und göttlich klang!
Hab gute Fahrt!" - "Fahr wohl auch du, Thespesius!"   

Der trunkene Gott

Weiße Marmorstufen steigen
Durch der Gärten laubge Nacht,
Schlanke Palmenfächer neigen
In des Himmels blaue Pracht.
Über Tempeln, Hainen, Grüften
Zecht in abendweichen Lüften
Alexanders Lieblingsschar;
Knieend bietet ihm ein Knabe,
Daß der Erde Herr sich labe,
Wein in edler Schale dar.

Herrlich ist's, den Wein zu schlürfen,
Lagernd in der Götter Rat,
Zwischen schwelgenden Entwürfen
Und der wundergleichen Tat!
Goldne Becher überquellen,
Ruhmesgeister mit den hellen
Helmen tauchen aus der Flut -
Goldne Schalen überschäumen,
Geister, die gebunden träumen,
Steigen auf in Zornesglut.

Kleitos neben Philipps Sohne
Furcht die Stirne kummervoll,
Der benarbte Mazedone
Schlürft im Weine Gram und Groll:
Er gedenkt der Heergenossen,
Die die erste Phalanx schlossen
In den Bergen kühl und fern -
Seinen dunkeln Mut zu kränken
Lüstet es den schönen Schenken
Lagernd an dem Knie des Herrn.

Die erhabne Stirn und Braue
Träumt den Zug ins Inderland,
Lauschend liest den Traum das schlaue
Kind, den Blick emporgewandt:
"Bacchus bist du, der belaubte,
Mit dem schwärmerischen Haupte,
Der ins Land der Sonne zieht!
Ohne Heer kannst du bezwingen
Nur den Thyrsus darfst du schwingen,
Winke nur, und Indien kniet!"

Finster grollt der alte Streiter:
"Durch der Wüste heißen Sand?
Immer ferner, immer weiter?
Nach des Indus Fabelstrand?
Kann ein Wink dir Sieg erwerben,
Warum bluten, warum sterben
Wir für dich? Zu deinem Spott?
Lebende kannst du belohnen,
Deine toten Mazedonen,
Wecke sie, bist du ein Gott!" -

"Welchen dampfenden Altares
Freust du auf der Erde dich?
Bist du die Gewalt des Ares,
Helmumflattert, fürchterlich?
Herr, bevor den niedern Talen
Du dich nahtest ohne Strahlen,
Welches war dein himmlisch Amt?
Bist du Zeus? Bist du ein andrer?
Bist du Helios, der Wandrer,
Dessen Stirne sonnig flammt?" -

Grimmig neigt der graue Fechter
Sich zum Ohr des Gottes hin,
Mit unseligem Gelächter
Rührt er an der Schulter ihn:
"Gast des Himmels, warum sinken
Haupt und Schulter dir zur Linken? *
Lastet dir der Erde Raub?
Mit den Göttern willst du zechen?
Spotten hör ich dein Gebrechen:
Alexander, du bist Staub!"

Eine zürnende Gebärde!
Blitz und Sturz! Ein Gott in Wut!
Ein Erdolchter an der Erde
Wälzt sich um in seinem Blut ...
In den Abendlüften Schauer,
Ein verhülltes Haupt in Trauer,
Ausgerast und ausgegrollt!
Marmorgleich versteinte Zecher,
Und ein herrenloser Becher,
Der hinab die Stufen rollt.

* Alexander war schief, seine rechte Schulter höher als die schwächere linke.   

Der Botenlauf

Blicke gen Himmel gewandt, gebreitete flehende Arme!
Murmeln und schallender Ruf kniender Mädchen und Fraun

"Götter, beflügelt den Boten! Entscheidung lieber als Bangnis!
Seit sich die Sonne erhob, ringen die Stadt und Tarquin.

Siehe, die Sonne versinkt! Mitkämpfer, Kastor und Pollux,
Denkt der verlassenen Fraun, sendet den Boten geschwind!"

Horch! Achthufig Geklirr bergan. Zwei befreundete Reiter!
Schon am heiligen Quell spülen die Waffen sie rein.

Dann, zwei gewaltige Jünglinge, stehn auf der ragenden Burg sie,
Gegen die schauernden Fraun hat sich der eine gekehrt:

"Freude, knospendes Mädchen! Entschlossene Römerin,
Freude! Herrlicher Sieg ist erkämpft! Geht ihr entgegen dem Heer?"

Einer sprichts, und der andere lauscht, zu dem Bruder gewendet.
Jetzt in das bleichende Licht springen die Rosse empor.

Einer der Jünglinge schwindet im Abend, es schwindet der andre,
Denn wie ein liebendes Paar lassen die Brüder sich nicht.

Über der römischen Feste gewaltigem, dunkelndem Umriss
Hebt sich in dämmernder Nacht seliges Doppelgestirn.   

Der Gesang der Parze

In der Wiege schlummert ein schönes Römerkind,
Die graue Parze sitzt daneben und spinnt.
Sie schweigt und spinnt. Doch ist die Mutter fort,
So singt die Parze murmelnd ein dunkles Wort

"Jetzt liegst du, Kindlein, noch in der Traumesruh.
Bald, kleine Claudia, spinnest am Rocken du -
Du wachsest rasch und entwächst den Kleidlein bald!
Du wachsest schlank! Du wirst eine Wohlgestalt!

Die Fackel lodert und wirft einen grellen Schein,
Sie kleiden dich mit dem Hochzeitsschleier ein!
Die Knaben hüpfen empor am Festgelag
Und scherzen ausgelassen zum ernsten Tag.

Eine Herrin wandelt in ihrem eignen Raum,
Und ihre Mägd und die Sklaven atmen kaum.
Ihr ziemt, dass all die Hände geflügelt sind.
Ihr ziemt, dass all die Lippen gezügelt sind.

Die blühenden Horen schwingen im Reigen sich:
Dir ward ein Knabe, Julier, freue dich!
Doch wann die Freude schwebt und die Flöte schallt,
Dann" - singt die Parze - "kommt der Jammer bald.

Der Tiber flutet und überschwemmt den Strand,
Das bleiche Fieber steigt empor ans Land,
Der Rufer ruft und kündet von Haus zu Haus:
'Vernehmt! Den Julier tragen sie heut hinaus!'

Jetzt, kleine Claudia, trägst du unträglich Leid!
In strenge Falten legst du dein Witwenkleid.
Dein Römerknabe springt dir behend vom Schoss
Und grüsst dich helmumflattert herab vom Ross ...

Die Tuben blasen Schlacht und sie blasen Sieg ...
Da nahts. Da kommts, was empor die Stufen stieg:
Vier Männer und die Bahre, Claudia, sinds
Mit der bekränzten Leiche deines Kinds!

Jetzt, kleine Claudia, bist du zu Tode wund" -
Das Kindlein lächelt. Es klirrt ein Schlüsselbund.
Die Mutter tritt besorgt in die Kammer ein,
Und die Parze bleicht im goldenen Morgenschein.   

Der Ritt in den Tod

"Greif aus, du mein junges, mein feuriges Tier!
Noch einmal verwachs ich zentaurisch mit dir!

Umschmettert mich, Tuben! Erhebet den Ton!
Den Latiner besiegte des Manlius Sohn!

Voran die Trophän! Der latinische Speer!
Der eroberte Helm! Die erbeutete Wehr

Duell ist bei Strafe des Beiles verpönt ...
Doch er liegt, der die römische Wölfin gehöhnt!

Liktoren, erfüllet des Vaters Gebot!
Ich besitze den Kranz und verdiene den Tod -

Bevor es sich rollend im Sande bestaubt
Erheb ich in ewigem Jubel das Haupt!"   

Das Joch am Leman

"Die einen liegen tot mit ihren Wunden,
Die andern treiben wir daher gebunden!
Den Römeraar der Zwillingslegion,
Im Männerkampf, im Rossgestampf entrissen
Der eingegarnten Wölfin scharfen Bissen,
Schwingt Divico, der Berge Sohn!"

Weit blaut die Seeflut. Scheltend jagen Treiber
Am Ufer einen Haufen Menschenleiber,
Die nackte Schmach umjauchzt Triumphgesang,
Ein Jüngling kreist auf einem falben Pferde
Um die zu zwein gepaarte Römerherde
Die Krümmen des Gestads entlang.

Er schleudert auf den Aar mit stolzem Schreie,
Er schickt den Ruf empor zur Firnenreihe -
Die Grät und Wände blicken gross und bleich -:
"Hebt, Ahnen, euch vom Silbersitz, zu schauen
Die Pforte, die wir für den Räuber bauen
Der sich verstieg in euer Reich!

Wir bauen nicht mit Mörtel noch mit Steinen,
Zwei Speere pflanzt! Querüber bindet einen!
Zwei Römerköpfe drauf! Es ist getan!" -
Das Joch umstehn verwogne Kriegsgesellen
Mit Auerhörnern und mit Bärenfellen
Und schauen sich das Bauwerk an.

Die Hörner dröhnen. Zu der blutgen Pforte
Strömt her das Volk aus jedem Tal und Orte,
Gross wundert sich am Joch die Kinderschar,
Ein Mädelreigen springt in heller Freude
Um das von Schande triefende Gebäude,
Den blühnden Veilchenkranz im Haar.

Der Manlierstirn verzogne Brauen grollen,
Des Claudierkopfs erhitzte Augen rollen -
Der Hirtenknabe geisselt wie ein Rind
Den Brutusenkel. Sich durchs Joch zu bücken,
Krümmt jetzt das erste Römerpaar den Rücken,
Und gellend lacht das Alpenkind.

Mit starren Zügen blickt, als ob er spotte,
Ein Felsenblock, der eigen ist dem Gotte,
Drauf hoch des Landes Priesterinnen stehn:
Ein hell Geschöpf in sonnenlichten Flechten
Und eine Drude mit geballter Rechten
Und rabenschwarzer Haare Wehn.

Die Dunkle höhnt: "Geht, Römer! Schneidet Stecken!
Mit Lumpen gürtet euch und Bettelsäcken!
Euch peitsch ein wildes Wetter durch die Schlucht!
Verflucht der Steg, darüber ihr gekommen,
Und wen ihr euch zum Führer habt genommen,
Er sei am ganzen Leib verflucht!"

Die Lichte fleht: "Du blitzest in den Lüften,
Umschwebst die Spitzen, hausest in den Klüften,
Behüte, Geist der Firn, uns lange noch!"
Die beiden singen starke Zauberlieder -
Ein Geier hangt im Blau und stösst danieder
Und setzt sich schreiend auf das Joch.   

Das Geisterroß

Durch den dreigeteilten Bogen,
Des Triumphes prangend Tor,
Durch die lauten Menschenwogen
Dort zum Kapitol empor
Lenkt den Tanz der weissen Pferde
Cäsars lässige Gebärde.

Hinter des Triumphes Wagen
Duldend oder grollend gehn
Überwundne. Ketten tragen
Cäsars lebende Trophän.
"Dieser!" höhnt es im Gedränge,
"Dieser Trotzge!" zischt die Menge.

Unberührt vom Hohn der Stunde
Starren, traumgefüllten Blicks
Geht, ein Singen auf dem Munde
Ruhig Vercingetorix -
Fremde Weise, fremde Worte
Mit dem Geist an fremdem Orte:

"Cäsar, blendend weisse Rosse
Hat Hispanien dir gebracht!
Ellid, edler Ahnen Sprosse
Dunkel ist er wie die Nacht -
Deine Schimmel, deine viere
Tauscht ich nicht mit meinem Tiere ...

Ellid heisst der wackre Jager,
Stark von Wuchs und fest im Bug,
Welcher mich ins Römerlager
Mit gewaltgen Sprüngen trug ...
Der zum Opfer ich gegeben
Mich für meines Volkes Leben!

Dreimal flog ich um im Kreise,
In der Faust des Schwertes Blitz,
Noch im Lauf, nach Gallier Weise,
Sprang ich ab vor Cäsars Sitz ...
Schwarzer Ellid, zu den Toten
Send ich dich als meinen Boten!

Wie er mir ins Antlitz schnaubte,
Stiess ich, Blick versenkt in Blick,
Hinter seinem mächtgen Haupte
Stracks das Schwert ihm durchs Genick ...
Dass mir eines Rosses Ehre
Mangle nicht im Geisterheere.

Ellid sprengt seit langen Jahren
Mitten in der bleichen Jagd,
Wann daheim die Toten fahren
Durch die Wälder, bis es tagt ...
Sehn sie meinen ledgen Renner,
Wundern sich die stillen Männer ...

Lange Jahre lag gebunden
Ich in feuchter Kerkergruft
- Kettenschwere, dumpfe Stunden -
Endlich wieder Tag und Luft -
Ellid, schwarzer Ellid, spute
Dich! Du witterst, wo ich blute!

Heute endlich! Endlich heute!
Wann der Kahle schwelgt am Mahl,
Würgt er seine Siegesbeute.
Mit dem letzten müden Strahl,
Wann die Sonne niedergleitet,
Wird mir Block und Beil bereitet.

Henker, nimm das Beil zu Händen!
Nicht das Beil? ... So nimm den Strang!
Drossle mich! Nur enden, enden!
Letzte Schmach! Sie währt nicht lang ...
Ellids kurzes Hufgestampfe
Dröhnt in meinem Todeskampfe!

Sterbend pack ich Ellids Haare,
Ein Befreiter spring ich auf,
Fahre, schwarzer Ellid, fahre!
Nach der Heimat nimm den Lauf!
Wogen tosen! Rhodans Stimme!
In den Strom, mein Tier, und schwimme!"

Cäsars Schimmel blähn die Nüstern.
"Ave Triumphator!" schallt.
Des Gebundnen Lippen flüstern:
"In der Heimat bin ich bald!
Ellid mit gestrecktem Jagen
Wird mich nach der Heimat tragen!"   

Das verlorene Schwert

Der Gallier letzte Burg und Stadt erlag
Nach einem letzten durchgekämpften Tag,
Und Julius Cäsar tritt in ihren Hain,
In ihren stillen Göttertempel ein.
Die Weihgeschenke sieht gehäuft er dort,
Von Gold und Silber manchen lichten Hort
Und edeln Raub. Doch über Hort und Schatz
Hangt ein erbeutet Schwert am Ehrenplatz.
Es ist die Römerklinge kurz und schlicht -
Des Juliers scharfer Blick verlässt sie nicht,
Er haftet auf der Waffe wie gebannt
Sie deucht dem Sieger wunderlich bekannt!
Mit einem Lächeln deutet er empor:
"Ein armer Fechter, der sein Schwert verlor!"
Da ruft ein junger Gallier aufgebracht:
"Du selbst verlorests im Gedräng der Schlacht!"
Mit zornger Faust ein Legionar -
"Nein, tapfrer Strabo, lass es dem Altar!
Verloren gings in steilem Siegeslauf
Und heissem Ringen. Götter hobens auf."   

Das Heiligtum

Waldnacht. Urmächtge Eichen, unter die
Des Blitzes greller Strahl geleuchtet nie!
Dämmernde Wölbung, Ast in Ast verwebt
Von keines Vogels Lustgeschrei belebt!
Ein brütend Schweigen, nie vom Sturm gestört,
Ein heilig Dunkel, das dem Gott gehört
Darin, umblinkt von Schädel und Gebein
Sich ungewiss erhebt ein Opferstein ...
Es rauscht. Es raschelt. Schritte durch den Wald!
Das kurze römische Kommando schallt.
Geleucht von Helmen! Eine Kriegerschar!
Vorauf ein Gallier und ein Legionar:
"Die Stämme können dienen. Beil in Schwung!
Cäsar braucht Widder zur Belagerung!"
Erbleichend spricht der Gallier ein Gebet
Den Römer selbst ergreift die Majestät
Des Orts, doch hebt gehorchend er die Axt -
Der Gallier flüstert: "Weisst du, was du wagst?
Die Stämme - diese Riesen - sind gefeit,
Hier wohnt ein mächtger Gott seit alter Zeit
In dessen Nähe nur der Priester tritt,
Ein totenblasses Opfer schleppt er mit.
Versehrtest nur ein Blatt du freventlich
Stracks kehrte sich die Waffe wider dich!" ...
Die heilgen Eichen drohen Baum an Baum
Die Römer lauschen bang und atmen kaum,
Schwer, schwerer wird der Hand des Beiles Wucht
Und ihr entsinkts. Sie stürzen auf die Flucht.
"Steht!" und sie stehn. Denn es ist Cäsars Ruf
Der ihre Seelen sich zu Willen schuf!
Er ist bei seiner Schar. Er deutet hin
Auf eine Eiche. Sie umschlingen ihn,
Sie decken ihn wie im Gedräng der Schlacht,
Sie flehn. Er ringt. Er hat sich losgemacht,
Er schreitet vor. Sie folgen. Er ergreift
Ein Beil, hebts, führt den Schlag, der saust und pfeift ...
Sank er verwundet von dem frevlen Beil? Er
lächelt: "Schauet Kinder, ich bin heil.
Erstaunen! Jubel! Hohngelächter! Spott!
Soldatenwitz: "Verendet hat der Gott!"
Die Rinde fliegt! Des Stammes Stärke kracht!
Vom Laub zu dunklerm Laube flieht die Nacht.
Die Beile tun ihr Werk. Die Wölbung bricht,
Und Riesentrümmer überströmt das Licht.   

Die wunderbare Rede

Auf der Appierstrasse zieht ein Heer
Schnellen Schrittes, weit umwölkt von Staub.
Weiss am Horizont das Häusermeer -
"Rom ist morgen euer!" zeigt Sever.
"Flieget, Adler! Stosst auf euren Raub!"

Morgen? Rom sorgt sich um morgen nicht.
"Die Gladiatoren spielen heut!"
Weiber schmücken sich. Orestes ficht!
Manch unheimlich brennend Augenlicht
Blitzt im Spiegel, den die Sklavin beut.

Sänften hasten zum Theater schon,
Von Gewitterwolken überjagt,
Schwüle Blicke, die wie Fackeln lohn!
Ungeduldig finstre Brauen drohn: "Eilet Sklaven!"
Spiel ist angesagt!

Über Dach und Zinne ragt empor
Himmelhoch ein riesenstarker Bau,
Der ein Volk empfängt durch manches Tor.
Hinter seinem Mauerkranz hervor
Steigt es schwarz und schwärzer auf im Blau.

Drinnen drängen sie sich Sitz an Sitz,
Jede Stufe strotzt und wogt und schwillt.
Auf der Bühne züngelnd hell und spitz
Kurze Schwerter. Schimmernd flirrt ein Blitz,
Und ein erster Sprudel Blutes quillt.

Starren Blickes, blass vor Leidenschaft
Lauert vorgeneigt die Römerin
Auf die Sterbewunde - eine gafft
Lüstern, eine sinnt dämonenhaft,
Eine lauscht mit hartem Mördersinn.

An der rasch gedrehten Klingen Spiel
Haften Seelen gierig, ohne Zahl -
Traf der Stoss! Er sass. Ein Fechter fiel,
Wälzt sich um im Sand und ist am Ziel
Nach der kurz empfundnen Sterbequal.

Mark und Herz erschütternd gellt ein Schrei!
Dort auf dem Balkon ein Weib im Traum:
Um die Schultern wehn die Haare frei,
Und als ob sie die Sibylle sei,
Ruft sie ehern durch den vollen Raum:

"Wehe morgen! Fechter, du bist tot!
Gute Fahrt! Dir tun sie nichts zuleid!
Morgen wehe! Horch! Die Tuba droht!
Eine weite Flamme weht und loht!
Wehe! Sie zerreissen mir das Kleid!"

In das Morgen blickt sie voller Graun,
Schaudernd wie vor Blutes tiefem Strom,
Denn ihr Auge kann das Künftge schaun -
Es ist keine von den irdschen Fraun,
Es ist Rom! Es ist die Göttin Rom!

Vor dem Volk auf hoher Stufe ragt
Rom die Herrin in versteintem Schmerz,
Rom, vor welcher einst die Welt gezagt,
Jetzt die wunde, die geschlagne Magd!
Leid und Mitleid füllen jedes Herz.

Durch die Menge geht ein Flüstern leis,
Eine Rede schwirrt und irrt und rauscht,
Flutet höher, höher stufenweis,
Braust wie Meeresbrandung, füllt den Kreis,
Jeder spricht sie mit und jeder lauscht:

"Schande! Brandmal! Striemen! Sklavenjoch!
Wehe! Sie zerreissen dir das Kleid!
Ach wie lange noch, wie lange noch?
Stürbest, Göttin Roma, stürbst du doch!
Aber du bist voll Unsterblichkeit!"   

In einer Sturmnacht

Es fährt der Wind gewaltig durch die Nacht,
In seine gellen Pfeifen bläst der Föhn.
Prophetisch kämpft am Himmel eine Schlacht
Und überschreit ein wimmernd Sterbgestöhn.

Was jetzt dämonenhaft in Lüften zieht,
Eh das Jahrhundert schiesst, erfüllts die Zeit -
In Sturmespausen klingt das Friedelied
Aus einer fernen, fernen Seligkeit.

Die Ampel, die in leichten Ketten hangt,
Hellt meiner Kammer weite Dämmerung.
Und wann die Decke bebt, die Diele bangt,
Bewegt sie leise sich in sachtem Schwung.

Mir redet diese Flamme wunderbar
Von einer windbewegten Ampel Licht,
Die einst geglommen für ein nächtlich Paar,
Ein greises und ein göttlich Angesicht.

Es sprach der Friedestifter, den du weisst,
In einer solchen wilden Nacht wie heut:
"Hörst, Nikodeme, du den Schöpfer Geist,
Der mächtig weht und seine Welt erneut?"   

Alle

Es sprach der Geist: Sieh auf! Es war im Traume.
Ich hob den Blick. In lichtem Wolkenraume
Sah ich den Herrn das Brot den zwölfen brechen
Und ahnungsvolle Liebesworte sprechen.
Weit über ihre Häupter lud die Erde
Er ein mit allumarmender Gebärde.

Es sprach der Geist: Sieh auf! Ein Linnen schweben
Sah ich und vielen schon das Mahl gegeben,
Da breiteten sich unter tausend Händen
Die Tische, doch verdämmerten die Enden
In grauen Nebel, drin auf bleichen Stufen
Kummergestalten sassen ungerufen.

Es sprach der Geist: Sieh auf! Die Luft umblaute
Ein unermesslich Mahl, soweit ich schaute,
Da sprangen reich die Brunnen auf des Lebens,
Da streckte keine Schale sich vergebens,
Da lag das ganze Volk auf vollen Garben,
Kein Platz war leer, und keiner durfte darben.