VII

Frech und fromm

Friede auf Erden

Da die Hirten ihre Herde
Liessen und des Engels Worte
Trugen durch die niedre Pforte
Zu der Mutter und dem Kind,
Fuhr das himmlische Gesind
Fort im Sternenraum zu singen,
Fuhr der Himmel fort zu klingen:
"Friede, Friede! auf der Erde!"

Seit die Engel so geraten,
O wie viele blutge Taten
Hat der Streit auf wildem Pferde,
Der geharnischte, vollbracht!
In wie mancher heilgen Nacht
Sang der Chor der Geister zagend,
Dringlich flehend, leis verklagend:
"Friede, Friede ... auf der Erde!"

Doch es ist ein ewger Glaube,
Dass der Schwache nicht zum Raube
Jeder frechen Mordgebärde
Werde fallen allezeit:
Etwas wie Gerechtigkeit
Webt und wirkt in Mord und Grauen,
Und ein Reich will sich erbauen,
Das den Frieden sucht der Erde.

Mählich wird es sich gestalten,
Seines heilgen Amtes walten,
Waffen schmieden ohne Fährde,
Flammenschwerter für das Recht,
Und ein königlich Geschlecht
Wird erblühn mit starken Söhnen,
Dessen helle Tuben dröhnen:
Friede, Friede auf der Erde!
 
 

König Etzels Schwert

Der Kaiser spricht zu Ritter Hug:
"Du hast für mich dein Schwert verspellt.
Des Eisens ist bei mir genug,
Geh, wähl dir eins, das dir gefällt!"

Hug schreitet durch den Waffensaal,
Wo stets der graue Schaffner sitzt.
"Der Kaiser gibt mir freie Wahl
Aus allem, was da hangt und blitzt!"

Er prüft und wägt. Von ihrem Ort
Langt er die Schwerter mannigfalt -
"Sprich wessen ist das grosse dort,
Gewaltig, heidnisch, ungestalt?"

"Des Würgers Etzel!" flüstert scheu
Der Graue, der es hält in Hut.
"Des Hunnenkönigs! Meiner Treu,
So lechzt und dürstet es nach Blut!"

"Lass ruhn. Es hat genug gewürgt!
Die tote Wut erwecke nicht!"
"Gib her! Dem ist der Sieg verbürgt,
Der mit dem Schwert des Hunnen ficht!"

Und wieder sprengt er in den Kampf.
"Du hast dich lange nicht geletzt,
Schwert Etzels, an des Blutes Dampf!
Drum freue dich und trinke jetzt!"

Er schwingt es weit, er mäht und mäht,
Und Etzels Schwert, es schwelgt und trinkt,
Bis müd die Sonne niedergeht
Und hinter rote Wolken sinkt.

Als längst er schon im Mondlicht braust,
Wird ihm der Arm vom Schlagen matt.
Er frägt das Schwert in seiner Faust:
"Schwert Etzels, bist noch nicht du satt?

Lass ab! Heut ist genug getan!"
Doch weh, es weiss von keiner Rast,
Es hebt ein neues Morden an
Und trifft und frisst, was es erfasst.

"Lass ab!" Es zuckt in grauser Lust,
Der Ritter stürzt mit seinem Pferd
Und jubelnd sticht ihn durch die Brust
Des Hunnen unersättlich Schwert.

Galaswinte

Im Saale jubelt Hochzeit -
Die Arme vor dem Busen
Kreuzt Fredegund in Demut,
Des Königs listge Buhlin:
"Ich bin die Magd und leuchte
Dem Bräutchen auf die Kammer!"
Die Alabasterampel
Mit römischen Skulpturen
Die schwebend einst geschimmert
In stillem Grabesdunkel
Trägt Fredegund in Demut
Und hellt die Hochzeitskammer,
Sie setzt die Ampel nieder
Und geht und lächelt tückisch.
Die zarte Galaswinte
Blickt in die wehnde Flamme,
Die Flamme loht und flackert
Die Ampel springt in Scherben,
Die Fürstin weint im Dunkel:
"Die mich gebracht aus Spanien,
Dein Kind dem Frankenkönig,
Jetzt drehst du auf dem Rosse
Im Schein der Wanderfackel
Noch einmal dich und breitest
Nach mir die Arme, Mutter!"

Bettlerballade

Prinz Bertarit bewirtet Veronas Bettlerschaft
Mit Weizenbrot und Kuchen und edlem Traubensaft.
Gebeten ist ein jeder, der sich mit Lumpen deckt,
Der, heischend auf den Brücken der Etsch, die Rechte reckt.

Auf edlen Marmorsesseln im Saale thronen sie,
Durch Riss und Löcher gucken Ellbogen, Zeh und Knie.
Nicht nach Geburt und Würden, sie sitzen grell gemischt,
Jetzt werden noch die Hasen und Hühner aufgetischt.

Der tastet nach dem Becher. Er durstet und ist blind.
Den Krüppel ohne Arme bedient ein frommes Kind.
Ein reizend stumpfes Näschen guckt unter struppgem Schopf.
Mit wildem Mosesbarte prahlt ein Charakterkopf.

Die Herzen sind gesättigt. Beginne, Musica!
Ein Dudelsack, ein Hackbrett und Geig und Harf ist da.
Der Prinz, noch schier ein Knabe, wie Gottes Engel schön,
Erhebt den vollen Becher und singt durch das Getön:

"Mit frisch gepflückten Rosen bekrön ich mir das Haupt
Des Reiches ehrne Krone hat mir der Ohm geraubt.
Er liess mir Tag und Sonne! Mein übrig Gut ist klein!
So will ich mit den Armen als Armer fröhlich sein!"

Ein Bettler stürzt ins Zimmer. "Grumell, wo kommst du her?"
Der Schreckensbleiche stammelt: "Ich lauscht' von ungefähr,
Gebettet an der Hofburg ... Dein Ohm schickt Mörder aus,
Nimm meinen braunen Mantel!" Erzschritt umdröhnt das Haus.

"Drück in die Stirn den Hut dir! Er schattet tief! Geschwind!
Da hast du meinen Stecken! Entspring, geliebtes Kind! "
Die Mörder nahen klirrend. Ein Bettler schleicht davon.
"Wer bist du? Zeig das Antlitz!" Gehobne Dolche drohn.

"Lass ihn! Es ist Grumello! Ich kenn das Loch im Hut!
Ich kenn den Riss im Ärmel! Wir opfern edler Blut!"
Sie spähen durch die Hallen und suchen Bertarit,
Der unter dunkelm Mantel dem dunkeln Tod entflieht.

Er fuhr in fremde Länder und ward darob zum Mann.
Er kehrte heim gepanzert. Den Ohm erschlug er dann.
Verona nahm er stürmend in rotem Feuerschein.
Am Abend lud der König Veronas Bettler ein.

Die Söhne Haruns

Harun sprach zu seinen Kindern Assur, Assad, Scheherban:
"Söhne, werdet ihr vollenden, was ich kühnen Muts begann?
Seit ich Bagdads Thron bestiegen, bin von Feinden ich umgeben!
Wie befestigt ihr die Herrschaft? Wie verteidigt ihr mein Leben?"

Assur ruft, der feurig schlanke: "Schleunig werb ich dir ein Heer,
Zimmre Masten, webe Segel! Ich bevölkre dir das Meer!
Rosse schul ich. Säbel schmied ich. Ich erbaue dir Kastelle.
Dir gehören Stadt und Wüste! Dir gehorchen Strand und Welle!"

Assad mit der schlauen Miene sinnt und äussert sich bedächtig:
"Sicher schaff ich deinen Schlummer, Sorgen machen übernächtig.
Dass du dich des Lebens freuest, bleibe Vater, meine Sache!
Über jedem deiner Schritte halten hundert Augen Wache!

Wirte, Kuppler und Barbiere, jedem setz ich einen Sold,
Dass sie alle mir berichten, wer dich liebt und wer dir grollt."
Harun lächelt. Zu dem Jüngsten, seinem Liebling, sagt er: "Ruhst du?
Wie beschämst du deine Brüder? Zarter Scheherban, was tust du?"

"Vater", redet jetzt der Jüngste, keusch errötend, "es ist gut
Dass ein Tropfen rinne nieder warm ins Volk aus deinem Blut!
Über ungezählte Lose bist allmächtig du auf Erden,
Das ist Raub an deinen Brüdern - und du wirst gerichtet werden!

Dein erhaben Los zu sühnen, das sich türmt den Blitzen zu
Lass mich in des Lebens dunkle Tiefe niedertauchen du!
Such mich nicht! Ich ging verloren! Sende weder Kleid noch Spende!
Wie der Ärmste will ich leben von der Arbeit meiner Hände!

Mit dem Hammer, mit der Kelle lass mich, Herr, ein Maurer sein!
Selber maur ich mich in deines Glückes Grund und Boden ein!
Jedem Hause wird ein Zauber, dass es unzerstörlich dauert,
Etwas Liebes und Lebendges in den Grundstein eingemauert!

Hörest du die Strasse rauschen unter deinem Marmorschloss?
Morgen bin ich dieser Menge namenloser Tischgenoss -
Blickst du nieder auf die vielen Unbekannten, die dir dienen,
Einer segnet dich vom Morgen bis zum Abend unter ihnen!"

Der Berg der Seligkeiten

Ein Bergesrücken stillbesonnt,
Allum der duftge Horizont! -
Hier sass der Christ und rings im Kreis
Die Galiläer, stufenweis
Gelagert, auf den steilen Triften.
Der Meister lobt' der Lilie Kleid,
Hiess göttlich Werk das Friedestiften
Und rühmte die Barmherzigkeit.
Er liess die Segensschwingen breiten
All seines Reiches Seligkeiten.
Dann ist er sacht hinabgegangen ...
Und hat am Kreuzesstamm gehangen.

Am Berg der Seligkeiten irrten
Der Hirtin Stapfen und des Hirten.
Wie Wolken still, wie Stürme brausend,
Zog dran vorüber ein Jahrtausend.
Die Lilie blieb des Lobes froh,
Sie kleide sich wie Salomo,
Die Luft, drin nie das Erz erscholl
Ist noch von Friedeworten voll.
Drommetenstoss! Jach klimmt empor
Ein Heer, das Schlacht und Raum verlor.

Kreuzritter sinds, von Saladin
Versprengt, die wild zur Höhe fliehn!
Heiss unter ihren Schritten her
Entflammt den dürren Rasen er,
In schwarzen Wolken wallt der Qualm.
Schlachtrosse schnauben auf der Alm.
Scharf pfeifen Sarazenenpfeile
Durch dieses Fluchtgedränges Eile.
Fort! Ein verfärbter Purpur weht,
Ein junger König wankt entkräftet,
Doch dieses Reiches Majestät
Ist König Christ, ans Kreuz geheftet,
Drum tragen sie das Kreuz voran,
Der Welterbarmer schwebte dran,
Das bittre Kreuz, davon herab
Er seines Mordes Schuld vergab.
Sie wuschens dann mit roten Bächen,
Um des Erbarmers Tod zu rächen ...
Das Wüten, Morden, Bluten, Streiten
Ersteigt den Berg der Seligkeiten.
Erklommen ist der Gipfel jetzt,
Und hinter ihm erbraust das Meer.
Der Kurdenschleuder ausgesetzt,
Steht auf dem Kulm das Christenheer.

Drommetenstoss! "Der Heiland lebt!
Christus regiert!" Der Berg erbebt.
"Hilf, König, der gekreuzigt wurde!" -
"Zielt auf das Kreuz!" befiehlt der Kurde.
"Wie blöde Falter um die Flamme,
So flattern sie am Kreuzesstamme!"
Es saust. Steilnieder zu der Bucht
Stürzt Ross und Reiter in die Schlucht.
Das Kreuz mit Glut und brünstger Hast
Umfängt ein Mönch und hälts umfasst:
"Hörst, König, du der Heiden Spott?
Vernichte sie, verhöhnter Gott!
In heller Rüstung komm gefahren
Mit deines Vaters Engelscharen!

Lebst du, regierst du, Christe, nicht?"
Kein Engelschwert erblitzt im Licht.
Die Luft verfinstert Pfeilgesaus -
"Komm!" schreit der Mönch und atmet aus.

Des Himmels innigtiefer Schein
Umfliesst ein menschenleer Gestein.
Vom Schwert erkämpft, vom Schwert zerstört,
Dies Reich hat nicht dem Christ gehört.

Die Gaukler

Am Strande des Gelobten Lands
Im glühen Stich des Sonnenbrands
Kämpft Ludowig der Fromme;
Er trägt in sich des Todes Keim,
Ihm ahnt es, dass er nimmer heim
Ins schöne Frankreich komme.

Scheu lauscht in Zeltes Dämmerschein
Ein junger Edelknecht herein
Und hinter ihm die andern:
"Herr König, es sind Gaukler da,
Drei Brüder aus Armenia,
Die nach dem Grabe wandern.

Es heisst, sie spielen wunderschön!
Erlaubt ein frisches Horngetön
Uns allen anzuhören!"
Der König seufzt: "Betrug der Welt!
Bringt mir die Gaukler in das Zelt,
Dass sie euch nicht betören!"

Jetzt heben an den Mund die drei
Das Horn und spielen frank und frei,
Als ging es aus zum Jagen.
Dann wie ein Quell im Walde quillt,
So rieselt sanft und wächst und schwillt
Ein Jubeln und ein Klagen.

Gemach vertönt der Hörner Schall,
Laut ruft Renaud von Reineval:
"Du Herzenstrost der Minne!
Lucinden, die sich um mich kränkt,
In Treuen ihres Pilgers denkt,
Sah ich auf stiller Zinne!"

"Ich schaute", fällt Jung Walter ein,
"In meinem Teich den Widerschein
Von Eichen kühl und düster,
Ich sah mein Boot, der Ruder bar,
Das halb ans Land gezogen war,
Umneigt von Schilfgeflüster!"

Ein jeder hat im Horneslaut
Sein Herz belauscht, sein Lieb geschaut,
Sein Minnen und sein Sehnen.
- "Herr König, sagt, was sinnet Ihr?
Was sehnet Ihr? Was minnet Ihr?
Was rinnen Euch die Tränen?"

Herr Ludwig flüstert: "Selger Traum!
Mich hoben durch den Himmelsraum
Angelische Gestalten.
`Getreuer Knecht willkomm!' erscholl
Ein Ruf - ich konnte wonnevoll
Die Tränen nicht verhalten."

Thibaut von Champagne

"Heim bin ich aus dem Morgenland an Seel und Leib gesund,
Mich dürstet' in der Wüste Sand nach Euerm frischen Mund.
Ihr bliebet mir ein treues Weib, da steht mein Glaube fest,
Drum bring ich Euch das Schönste mit, was sich bescheren lässt!"

Die Gräfin wandelt auf und ab in einem sachten Schritt.
Sie las den Brief und las den Brief. "Was bringt der Graf mir mit?
Ists wohl ein Span vom echten Kreuz? Den küsst ich voller Scheu!
Ists in den Zwinger ein Getier? Ein Pardel oder Leu?

Ists dünnen Schleiers Spinneweb, das Werk der Feienhand?
Ein Perserteppich, wie der Fuss noch keinen weichern fand?
Ists denn ein lichter Edelstein? Ists ein Geschirr von Gold,
Daraus sich feiner Rauch empor in blauen Wölklein rollt?"

Der Türmer ruft. Das Tor erfüllt der freudge Pilgerzug:
Barhaupt der Graf in seinem Helm wohl hundert Rosen trug,
Auf manchem Wagen schwankte dann manch tönernes Geschirr
Darüber blüht ein Rosenhain in würzigem Gewirr.

Der Gräfin Näschen sog den Duft, das Mündchen zeigt' Verdruss
Dann lächelts zu dem leichten Hort und bietet sich dem Kuss -
"Wie selig bin ich, liebe Frau, dass Euch der Flor gefällt!
Die Rosen von Damaskus sind die vollsten auf der Welt!

In hundert Kübeln schleppten wir den Rosenwald an Bord,
Er wär mir in der Sonnenglut verdorben und verdorrt,
Neun Tage stürzte Regenguss, der schier das Schiff versenkt -
Ich dachte nur, ich lachte nur: wie der die Rosen tränkt!

Entpanzert, Knappen, mir die Brust, noch bin ich erzumschient!
Ich habe meinen Himmel hier und einen dort verdient!
Mit Rosen will ich drum zu Tisch, mit Rosen schlummern gehn,
Mit Rosen steigen in die Gruft, mit Rosen auferstehn!"

Der Pilger und die Sarazenin

Jüngst am Libanon in einem Kloster,
Drin ich eine kurze Reiserast hielt,
Langsam durch die kühlen Hallen wandelnd,
Blieb ich stehn vor einem alten Bilde,
Wohlbewahrt in eigener Kapelle.
Es berührte mich mit leisem Zauber
Trotz der byzantinischen Gestalten,
Denn darüber lag ein Glanz der Liebe:
Durch das Tor des Paradieses schritten
Eine Sarazenin und ein Pilger,
Hand in Hand versenkt und Blick in Blick auch.
"Was bedeutet dieses süsse Märchen?"
Frug ich Anaklet, den Klosterbruder,
Der mich schleichend überall begleitet.
Mit gesenkten Augen gab er Antwort:
"Guter Herr, kein süsses Märchen ist es,
Sondern eine tröstliche Legende,
Auf ein altes Pergament verzeichnet
Zur Erbauung aller gläubgen Christen.
Dieser Pilger ist ein heilger Märtrer,
Eine Märtrin ist die Sarazenin,
Er verschied, gesteinigt und gepeinigt,
Sie verblich, umarmend eine Schwelle!"

Märchenlustig bin ich wie Scheherban,
Wie die plaudernde Scheherezade!
Und ich bat den Mönch: "Erzähle, Vater
Deinem Sohn die tröstliche Legende."
Bruder Anaklet willfahrte, sprechend:

"Einst, vor ungezählten vielen Jahren
- Also stehts im Pergament verzeichnet,
Das ich gründlich lernte schon als Knabe -
Zogen Pilger nach dem Grab vorüber
Ohne Rast und ohne Trunk und Speise
Scheuen Fusses an der Stadt Damaskus,
Denn verhasst ist Christus in Damaskus!
Vor der Stadt Damaskus rauscht ein Brunnen,
Wo ein Löwenkopf aus seines Maules
Tiefherabgezognen Winkeln sprudelt
Ein begehrtes, köstlich kühles Wasser.
Dort am Brunnen stand die Sarazenin.

Schleierlos, die jungen warmen Augen
Fünfzehnjährig oder sechzehnjährig,
Stand am Brunnen eine Sarazenin,
Die den schlanken Krug gelassen füllte.
Alle Pilger zogen ihr vorüber,
Mit gesenktem Haupte niederblickend,
Denn die Moslemweiber treiben Künste.
(Aber überwunden hat sie Christus!)

Nur ein zarter Jüngling, fast ein Knabe
Noch, entwich der Pilgerreihe durstig,
Nahte sich der jungen Sarazenin
Flehend, forderte von ihr zu trinken.
Langsam senkte sie den Krug. Er schlürfte.
Langsam hob den Krug zu Haupt sie wieder,
Heimwärts wandelnd. Vor des Tores Wölbung
Wandte sie das Haupt mitsamt dem Kruge,
Schritte fühlend hinter ihren Sohlen:
`Pilger, hüte dich vor diesem Tore!
Denn es würde dir zum Tor des Todes!
Meine dunkeln Augen sind verderblich
Und verhasst ist Christus in Damaskus!'

Und sie wandelt durch des Tores Wölbung,
Und sie wandelt durch die dunkeln Gassen,
Schritte fühlend hinter ihren Sohlen.
Ihre Türe öffnet sie und schliesst sie,
Und empor zum innern Söller steigend,
Sieht sie mit den Sinnen ihres Geistes
Einen Pilger liegen auf der Schwelle,
Auf der Schwelle vor des Hauses Pforte.

In der ersten Morgenhelle stand sie
Vor dem Pilger, heftig ihn zu schelten:
Pilger, hebe dich von dieser Schwelle,
Die zur Schwelle würde dir des Todes!
Will nicht schuldig sein an deinem Tode!
Meine dunkeln Augen sind verderblich!
Alle schlügen heute dich mit Stäben,
Alle würfen heute dich mit Steinen,
Und du lägest tot in deinem Blute!
Denn verhasst ist Christus in Damaskus!
Weiche, Pilger! Heb dich, lästger Bettler!
Fremdling! Abergläubscher! Götzendiener!
Diesen Lippen einen Kuss! Entweiche!'
Doch er weigerte sich mit dem Haupte,
Zornig wich von ihm die Sarazenin.

In der letzten Abendhelle stand sie
Vor dem Pilger, dem das Blut aus vielen
Wunden strömte, heftig ihn zu schelten:
`Weiche, Pilger! Heb dich, lästger Bettler!
Fremdling! Abergläubscher! Götzendiener!
Meine dunkeln Augen sind verderblich
Und verhasst ist Christus in Damaskus!
Will nicht schuldig sein an deinem Tode!
Waschen will ich deine roten Striemen,
Küssen will ich deine blutgen Wunden,
Leugnest du den bleichen Mann am Holze!'
Doch er weigerte sich mit dem Haupte,
Weinend wich von ihm die Sarazenin,
Und empor zum innern Söller steigend,
Hört sie mit den Sinnen ihres Geistes
Leise stöhnen einen Todeswunden
Auf der Schwelle vor des Hauses Pforte.
Ferne blieb der Schlummer ihren Lidern,
Endlich kam der Schlummer und ein Traum kam.

Rings empor an eines Gipfels Abhang
Klommen unter heiligen Gesängen
Pilger auf zum Tor des Paradieses.
Einer klomm voran, ein junger Märtrer,
Den die andern grüssten ehrerbietig.
In des Tores Wölbung stand der Heiland:
`Tritt herein! Du hast für mich geblutet!'
Doch der Pilger weigerte sich standhaft:
`Heiland, lass mich liegen auf der Schwelle,
Bis sie kommt, die stündlich ich erwarte!
Hand in Hand versenkt und Blick in Blick auch.
Tritt sie, mir gesellt, in deine Freude,
Keine Sarazenin, eine Christin.'

Solches träumend, stürzten ihr die Tränen
So gewaltig, dass sie drob erwachte.
Jählings springt sie auf von ihrem Lager,
Fliegt hinab des Hauses hundert Stufen:
Leer und blutbegossen lag die Schwelle
In des ungebornen Tages Frühlicht.
Auf die harte Schwelle kniet sie nieder,
Badet sie mit unerschöpften Tränen,
Drängt den warmen Busen ihr entgegen,
Presst sie fest, als klopft' ein Herz im Steine.
Keines klopft, doch ihres zum Zerspringen.

Als die Füsse derer wiederkehrten,
Die den Toten vor das Tor getragen,
Eilten sie der Schwelle scheu vorüber.
Auf der Schwelle sahn sie eine Tote,
Auf der Schwelle lag die Sarazenin.
Keine Sarazenin, eine Christin!"
Endet' Bruder Anaklet erbaulich.

Am Himmelstor

Mir träumt', ich komm ans Himmelstor
Und finde dich, die Süsse!
Du sassest bei dem Quell davor
Und wuschest dir die Füsse.

Du wuschest, wuschest ohne Rast
Den blendend weissen Schimmer,
Begannst mit wunderlicher Hast
Dein Werk von neuem immer.

Ich frug: "Was badest du dich hier
Mit tränennassen Wangen?" Du sprachst:
"Weil ich im Staub mit dir,
So tief im Staub gegangen."

Mit zwei Worten

Am Gestade Palästinas, auf und nieder, Tag um Tag,
"London?" frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag.
"London!" bat sie lang vergebens, nimmer müde, nimmer zag,
Bis zuletzt an Bord sie brachte eines Bootes Ruderschlag.

Sie betrat das Deck des Seglers und ihr wurde nicht gewehrt.
Meer und Himmel. "London?" frug sie, von der Heimat abgekehrt,
Suchte blickte, durch des Schiffers ausgestreckte Hand belehrt,
Nach den Küsten, wo die Sonne sich in Abendglut verzehrt ...

"Gilbert?" fragt die Sarazenin im Gedräng der grossen Stadt,
Und die Menge lacht und spottet, bis sie dann Erbarmen hat.
"Tausend Gilbert gibts in London!" Doch sie sucht und wird nicht matt.
"Labe dich mit Trank und Speise!" Doch sie wird von Tränen satt.

"Gilbert!" "Nichts als Gilbert? Weisst du keine andern Worte? Nein?"
"Gilbert!" ... "Hört, das wird der weiland Pilger Gilbert Becket sein -
Den gebräunt in Sklavenketten glüher Wüste Sonnenschein
Dem die Bande löste heimlich eines Emirs Töchterlein -"

"Pilgrim Gilbert Becket!" dröhnt es, braust es längs der Themse Strand.
Sieh, da kommt er ihr entgegen, von des Volkes Mund genannt,
Über seine Schwelle führt er, die das Ziel der Reise fand.
Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.

Das kaiserliche Schreiben

Petrus, schreib - zu seinem Kanzler
sprachs der gramverstörte Staufen -
Satteln sollen meine Boten,
hundert Rosse sollen laufen!
Meinen Eignen, meinen Städtern,
meinen Pfaffen und Baronen!
Dem Geringsten wie dem Höchsten!
Allen, die das Reich bewohnen!
Klage! Klage! Totenklage!
Meinen Sohn hab ich verloren ...
Heinrich mit den finstern Locken ...
Den Konstanze mir geboren!
Der das Reich verriet ... dem eignen
Vater brach das Lehnsversprechen ...
Den ich beugen, beugen musste,
dessen Trotz ich musste brechen ...
Lange brütet' er im Kerker -
endlich hat er mich gerufen -
Da ich kam, flog er vorüber,
flog empor die Wendelstufen -
Wieder wars, als ob, verzweifelnd,
er vom höchsten Söller riefe -
Da! Der Knabe springt vor meinen
Augen in die Todestiefe!
Jammeranblick ohnegleichen!
Kommt, dass wir zusammen klagen!
Helft mir meine schlimmen Träume,
meine Nachtgedanken tragen!
Könnt ich ihn erwecken, nimmer
würd ich aus dem Arm ihn lassen!
Saget, ist es nicht entsetzlich,
dass mein Kind mich musste hassen? ...
Petrus, zeig mir, was du schreibest!
Willst du mir den Mund verhalten?
Über meine Qualen wirfst du
würdevolle Purpurfalten?
Meines Knaben Schrei erstickst du?
Meine Tränen sind verboten?
Kanzler Petrus, schreibe Wahrheit
über mich und meinen Toten!
Reden will ich zu den Vätern:
Sagt mir, würdet ihr nicht einen
Knaben, der euch Not und dunkeln
Kummer brachte doch beweinen?
Den ihr in der Wiege küsstet
- ob er auch ein Arger wäre -
Wenn er ginge zu den Schatten,
weigertet ihr ihm die Zähre?
Prüfet eure Herzen, Väter!
Was wir von den Kindern dulden,
Ist es nicht gerechte Sühne,
nicht das eigene Verschulden? ...
Petrus, du erschrickst, so ende!
Ende mit dem kurzgefassten
Reichsbefehl: Wir ordnen Trauer
an für diesen Frühverblassten.

Kaiser Friedrich der Zweite

In den Armen seines Jüngsten
Phantasiert der sieche Kaiser,
An dem treuen Herzen Manfreds
Kämpft er seinen Todeskampf.

Mit den geisterhaften blauen
Augen starrt er in die Weite,
Während seine fieberheisse
Rechte presst des Sohnes Hand:

"Manfred, lausche meinen Worten!
Drüben auf dem Marmortische
Mit den Greifen liegt mein gültig
Unterschrieben Testament.

Eine Kutte, drin zu sterben,
Schenkten mir die braven Mönche,
Dass ich meine Seele rette
Trotz dem Bann des heilgen Stuhls.

Manfred, meines Herzens Liebling,
Lass den Herold auf den Söller
Treten und der Erde melden,
Dass der Hohenstaufe schied.

Manfred mit den blonden Locken,
Sarge prächtig ein die Kutte,
Führe sie mit Schaugepränge
Nach dem Dome von Palerm!

Weisst du, Liebling, das Geheimnis?
Diese Nacht in einer Sänfte
Tragen meine Sarazenen
Sacht mich an den Strand des Meeres.

Meiner harrt ein schwellend Segel:
Auf des Schiffes Deck gelagert,
Fahr entgegen ich dem Morgen
Und dem neugebornen Strahl.

Fern auf einem Vorgebirge,
Das in blaue Flut hinausragt,
Steht ein halb zertrümmert Kloster
Und ein schlanker Tempelbau.

Zwischen Kloster und Rotunde
Schlagen wir das Zelt im Freien.
Selig atm ich Meer und Himmel,
Bis mich Schlummer übermannt."

Konradins Knappe

"Auf diesem kurzen Bergesrasen hier
Nur wen'ge Monde sind es, zechten wir,
Er und das Edelvolk, in hohem Raum -
Und drüben war Italien wie ein Traum

In diesem Passe lagen wir gestreckt,
Der Staufe hat mich minniglich geneckt:
Nicht blöde, Hans! Sprich! Was begehrst du gleich?
Ich geb es dir in meinem Königreich!

Dann klomm die Fahrt an Wänden schwarz und kahl
Wo ich der Mutter Gottes mich empfahl.
Noch eh ich Amen sagte, glitt mein Tier -
Der Staufen und die Sinne schwanden mir.

Dann lag ich im Hospize fieberbang,
Wo ich verzweifelnd mit den Mönchen rang,
Ich focht und schrie: Dem jungen Staufen nach!
Hie Napoli! Bis ich zusammenbrach.

Jetzt schlepp ich jeden Tag mich hier empor,
Wo ich den Staufen aus dem Blick verlor.
Genesen ist der Leib, die Seele schmerzt,
Denn all mein Erdenglück hab ich verscherzt.

Und zög ich heut, ich käme doch zu spät,
Schon krönte sich die junge Majestät
Das Edelblut empfing den Ritterschlag
Ich aber fluche meinem Unglückstag." -

Ein Knechtlein kommt bergüber. "Gib Bescheid!
Der Staufenknabe thront in Herrlichkeit?" -
Ja, Herr. Er litt gemach den Todesstreich
Und thront getröstet nun im Himmelreich.

Die gezeichnete Stirne

"Weib, verrate mir, von wem gerufen
Du zur Leidgesellin dich gegeben?
Wer herunter dieses Kerkers Stufen
Dich gezogen, du mein süsses Leben?"

"König Enzio, keine Menschen haben
Mich vermocht im Kerker zu verbleichen!
Nein, ein Schicksal war mir eingegraben,
Meine junge Stirne trug ein Zeichen.

Unsre Väter nahmen dich gefangen
Und wir Kinder hattens bald erfahren,
Dass du nimmer wirst ans Licht gelangen,
König Enzio mit den Ringelhaaren!

Dass du nimmer tragen eine helle
Rüstung wirst, wo die Drommeten klingen,
Dass du nimmer rauschen Wald und Quelle
Hörst, noch einen freien Vogel singen!

Und wir Kinder lauschten sachte, sachte
Durch das Gitter in des Kerkers Tiefe,
Leis und heftig streitend, ob Er wachte
Schwerbekümmert oder ob Er schliefe -

Meine Stirne drückt ich an das Eisen,
Drinnen lagst du schlummernd, wie mir deuchte,
Blickte ... blickte, war nicht wegzuweisen,
Bis der Wächter drohend mich verscheuchte.

Mütterlein ersah mich und wehklagte,
Schlug die Hände jammervoll zusammen:
'Kind, wer hat dir in die Stirne' - fragte
Sie - 'gezeichnet dieses Kreuz von Flammen?'

Hiess mich dann in ihren Spiegel schauen -
Teuerwerter Herr, so wahr ich lebe,
Eingezeichnet über meinen Brauen
Waren deines Kerkers Eisenstäbe!

Aussen wich das Zeichen, aber innen
Bliebs, da ich zur Maid erwuchs, geschrieben -
Herr, seit jenem Tag war all mein Sinnen
Dich und deinen Kerker nur zu lieben.

Der Tod und Frau Laura

Es war in Avignon am Karneval
Dass sich ein Mörder in den Reigen stahl
Und dass die Pest verlarvt sich schwang im Tanz
Mit einem schlotterichten Mummenschanz.

In einer nahen Villa täuschen sie
Die Angst mit Wohllaut und mit Phantasie,
Frau Laura war und auch Petrarca da,
Als an das Tor ein dumpfer Schlag geschah.

Die blassen Lippen schaudern vor dem Wein,
Es tritt ein Weissgewandeter herein,
Der eine Maske mit dem Sterbezug
Und einen frisch gepflückten Lorbeer trug.

Der Dämon hebt den Lorbeer voller Ruh
Und sinnt und schreitet auf Petrarca zu:
"Ich grüsse, Freund, und komme priesterlich
Das ist der Selgen Lorbeer! Neige dich!"

Der Lorbeer schwebt. Da raubt ihn eine Hand,
Frau Laura war es, die daneben stand,
Sie schmiegt ihn um die blonden Haare leicht,
Sie steht bekränzt. Sie schaudert. Sie erbleicht.

Die Gedanken des Königs René

Der fromme Lautenschläger Herr René
Trug braune Locken - sie sind weiss wie Schnee.
An seiner Stirn verglomm der Kronen Glanz,
Da haftet nichts als nur ein Lorbeerkranz.

Schloss Tarascon - er bietets zum Verkauf -
Dran spritzt die blaue Rhone scherzend auf,
Von hoher Warte wandert rings der Blick -
Der König wägt als Denker sein Geschick:

"'s ist eigen, dass man immer mich vertreibt!
's ist eigen, dass mir nichts in Händen bleibt!
Lothringen erbt ich, wo die Trift sich sonnt,
Das nahm mir weg Anton von Vaudemont.

Dann erbt ich flugs das Fürstentum Anjou
Und noch das nette Ländlein Bar dazu -
Herr König Ludwig trat in mein Gelass,
Als Gast, und schrieb mir meinen Wanderpass.

Reich Napel wars, das dann zu Erb mir fiel,
Dort mischte sich der Aragon ins Spiel -
Das schöne Napel! Richtig werd ich schlemm!
Mir bleibt das himmlische Jerusalem!

Da schimmert unvergänglich Dach und Fach -
Ich erb es schon. Das Erben ist mein Sach!
Doch geht mein Sach, wie hier, so droben dort,
Holt aus dem Himmel mich der Teufel fort."

Der Mars von Florenz

Die Türme von Florenz umblaut
Der süsse Lenz, der junge Lenz,
Die Frauen singen leis und laut
In allen Gassen von Florenz.

Am Rand der Arnobrücke steht
Ein schwarzverwittert Marmelbild
Mit Helmgeflatter, Kriegsgerät,
Gott Mars, und lächelt falsch und wild.

"Gott Mars wohl magst du finster schaun,
Drommete dröhnt im Lenze nie,
Raub eine dir von unsern Fraun!
Hoch über Venus preis ich sie!"

Ein Jüngling rufts dem Gott empor
Mit lachend ausgestreckter Hand -
Ihm dringt ein Erzgedröhn ans Ohr,
Er eilt und steht am andern Strand.

Rasch tritt aus einem Haus hervor
Ein Edelweib, das höhnt und lacht:
"Zur Amidei? Junger Tor!
Dir war das Schönre zugedacht!

Nach Gottes Ratschluss ists geschehn!
Heut wirst du - heissts - mit ihr getraut -
Jetzt sollst du die Donati sehn:
Blick her! Vergleich' mit deiner Braut!"

Sie zerrt ein Mägdlein an das Licht
Es kämpft ins dunkle Haus zurück
Im jungen bangen Angesicht
Errät er aller Himmel Glück.

"Hinweg! die Amidei harrt!
Hinweg! Mein Kind ist keine Dirn!
Ihr blicket frech!" Der Jüngling starrt
Auf die gesenkte Mädchenstirn.

Der Wunsch ist Glut! Die Scham ist Glut!
Die hohe Doppelflamme loht!
Er streckt die Hand. Das höchste Gut
Ergreift er und ergreift den Tod.

"Frau, strafet mich nicht allzu schwer!
Das süsse Haupt! Das blonde Haar!
Gewähret sie mir!" stammelt er.
"Ich führe stracks sie zum Altar!"

Den Ring, der ihm die Hand bereift,
Der Amidei Trauungsring
Hat rasend er sich abgestreift
Und schleudert ihn. Da rollt er. Kling ...

Jetzt kniet er im Kapellenraum
An Freveln und an Wonnen reich,
Zur Linken kniet sein sündger Traum
Wie Engel schön, wie Tote bleich.

Dem Paar zu Häupten murmelt leer
Und schnell ein feiles Priesterwort -
"Die Rosse her! Die Rosse her!
Zum Tor hinaus! Ins Freie fort!

Du lieb Geschöpf! Du bebst wie Laub!
Verlarve dir das Angesicht!
Fass Mut! Ich bringe meinen Raub
In eine Burg, die keiner bricht!"

Am Rand der Arnobrücke steht
Ein schwarzverwittert Marmelbild
Mit Helmgeflatter, Kriegsgerät,
Gott Mars, und lächelt falsch und wild.

Das Schwert des Gottes schüttert leis.
Da springt hervor mit Erzeslaut
Ein Hinterhalt, ein Mörderkreis,
Die Sippe der verratnen Braut.

"Verdammter, stirb!" - "Geliebte, flieh!"
Wild ringend stürzt er umgebracht,
An seinen Busen gleitet sie
Und sinkt mit ihm in eine Nacht.

Herab von aller Türme Hang
Verkündet gellend Sturmgeläut
Den Bürgerkampf. Das Schwert erklang
Dem Gott, der sich des Mordes freut.

Die Ketzerin

Fra Dolcin, der Ketzer, der von Dante
In den achten Höllenkreis Gebannte,
Hat ein Weib geliebt, von dem sie sagen,
Dass kein schönres lebt' in jenen Tagen.
Kamen seine Jünger ihn zu grüssen,
Sass die Blonde schon zu seinen Füssen,
Segnet' er das Volk mit frevler Rechten,
Neigte sie zuerst die goldnen Flechten;
Dem Verfemten folgte sie, dem Fliehnden,
Durch die Schluchten des Gebirges Ziehnden -
Da er von den Schergen ward gefangen,
Ist sie seinen Fesseln nachgegangen;
Wo er in der Flamme sich gewunden,
Steht auch sie am Marterpfahl gebunden.

Lieblich ist, die Fra Dolcin verführte,
Wie noch nie ein Weib die Herzen rührte;
Augen, unergründlich wunderbare,
Schaun, als ob sie zu den Selgen fahre.
Die sie richten, fragen sich mit Grauen:
Kann die Hölle wie der Himmel schauen?
Und es zittern vor dem unschuldvollen
Engelsantlitz, die sie martern wollen.

Selbst der Priester spricht mit ihr gelinde,
Als mit einem irrgegangnen Kinde:
"Schwaches Weib, der dich verleitet hatte,
Weder Bruder war er dir noch Gatte!
Seine Asche treibt im Wind! Verflogen
Sind die Stapfen, die dich nachgezogen!
Büsse! Folge reuig den Geboten
Unsrer heilgen Kirche! Lass den Toten!
In den Banden kann sich nicht bewegen
Margherita, nur die Lippen regen:
"Leiden muss ich, was Dolcin gelitten...
Horch, er ruft! Ich folge seinen Schritten" -
Und die warmen, tiefen Blicke strahlen -
"Durch die Martern folg ich, durch die Qualen!" -
"Ketzerin, dich stärken finstre Mächte!
Brände her!" ... Es rühren sich die Knechte.

Siehe da! Wie flammendes Gewitter
Unter die Gescheuchten fährt ein Ritter,
Will den schönen Dämon sich erstreiten;
Er bemächtigt sich der Maledeiten,
Ihre Kniee fasst er mit der Linken,
In der Rechten droht des Schwertes Blinken:
"Tretet aus die Glut! Bei Gottes Leibe,
Löscht die Fackeln! Weg von meinem Weibe!
Sage Ja ... mit einem Wink der Lider ...
Und vom Scheiterhaufen steigst du nieder!
Keiner wird auf meiner Burg es wagen,
Dich um deinen Glauben zu befragen!"

- "Lass mich ziehn! ... Ich darf mich nicht verweilen ...
Horch, Dolcino ruft! ... Ich muss mich eilen ...
Gib mich frei!" Er weicht mit einem herben
Hohngelächter: "Mag die Törin sterben!"

Über ihrem blonden Haupt zusammen
Schlagen Todesflammen, Liebesflammen.

Der Mönch von Bonifazio

"Korsen, löst des Portes Ketten! Jede Hoffnung ist verschwunden!
Nirgend weht ein rettend Segel! Gebt Euch! Pfleget eure Wunden!

Genua, euer hats vergessen! Spähet aus von eurem Riffe!
Sucht im Meere! Schärft die Augen! Nirgend, nirgend Genuas Schiffe!

Eure Kinder hör ich wimmern, eure Fraun, die hungermatten
Blicken hohl wie Nachtgespenster und ihr selber wankt wie Schatten!"

Vom Verdeck des Schiffes rufts empor zu Bonifazios Walle
König Alfons milden Sinnes, aber droben schweigen alle.

Nimmer würden sich dem Dränger diese tapfern Korsen geben
Gölt es nur das eigne, gölt es nicht der Knaben junges Leben!

Finster vor sich niederstarrend, treten flüsternd sie zusammen
Eines Mönchs empörte Augen schiessen Blitze, schleudern Flammen:

"Feige Hunde! Keine Korsen! In die Hölle der Verräter!"
- "Schweige, Mönch! Wir haben Herzen. Wir sind Gatten, wir sind Väter."

Auf dem preisgegebnen Felsen kniet der Mönch in wildem Harme:
"Leihe, Gott, mir deine Hände! Gib mir deine starken Arme!

Heute komm ich Lohn zu fordern. Alles gab ich. Nichts geblieben
Ist mir ausser meinem Felsen. Aber etwas muss ich lieben.

Gott, du kannst mit deinen Kräften eines Menschen Kräfte steigern!
Was du tatst für deine Juden, darfst du keinem Korsen weigern!

Genuas Schiffe will ich suchen! Will sie bei den Schnäbeln fassen!
Spannen will ich weite Segel und sie nicht ermatten lassen!"

Alle seine Muskeln schwellen, alle seine Pulse beben,
Schiffe durch das Meer zu schleppen, Segel aus der Flut zu heben.

Aufgesprungen, überwindend Raum und Zeit mit seinem Gotte,
Deutet er ins Meer gewaltig: "Dort! ich sehe dort die Flotte!"

Aber keine Segel blinken aus des Meeres farbger Weite,
Unbevölkert flutet eine schrankenlose Wasserbreite.

Nur die Sonne wandert höher, ihre Strahlen brennen wärmer.
Nichts als Meer und nichts als Himmel. Alfons lächelt: "Armer Schwärmer!"

Dort! Am Saum des Meers das Pünktchen ... Sichtbar kaum... Der zweit und dritte
Punkt und jetzt ein viert und fünfter und ein sechster in der Mitte!

Winde blasen, Wellen stossen. Meer und Himmel sind im Bunde.
Segel, immer neue Segel steigen aus dem blauen Grunde.

Wende deine Schiffe, König! Sonst verlierst du Ruhm und Ehre!
Woge, Fürstin Genua, woge, du Beherrscherin der Meere!

Alle Glocken Bonifazios schlagen schütternd an und stürmen,
Jubel wiegt sich in den Lüften über den zerschossnen Türmen.

Und der Mönch, der mit der Allmacht seinen irdschen Arm bewehrte?
An der Erde liegt er sterbend, der von ihrem Hauch Verzehrte.

Jung Tirel

"Jung Tirel, fuhrest über See?
Jung Tirel, mir willkommen hie!
Sahst du so dunkle Forste je?
So stolze Forste sahst du nie!

Ein englisch Wild erst umgebracht!
Dann geb ich dir ein englisch Lehn!"
Jung Tirel, dem das Herze lacht,
Lässt seine blanken Zähne sehn.

"Wer heut den besten Schuss mir tut,
Den Achtzehnender mir erlegt,
Der nehme sich als Lehensgut
Den Königsforst, der ihn gehegt!

Zuschwör ich dirs auf diesen Bart,
Der feuerrot die Brust mir deckt!
Zu Wald! Zu Wald! Der Rappe scharrt!
Die Bracke spürt! Der Rüde bleckt!"

Herr Wilhelm stösst ins Jägerhorn,
Ein Geier krächzt in seinem Horst,
Die Wipfel peitscht ein dunkler Zorn,
Es braust und tost. Dann schweigt der Forst.

Herr Wilhelm schlägt mit Tirel Rat:
"Ich links, du rechts! Fort! Gute Birsch!"
Es knirscht das Laub, darauf er trat.
In heller Lichtung äst ein Hirsch:

Ein Rothirsch, der vier Ellen misst,
Dass sich ein Jägerherze freut,
Der dieses Forstes König ist,
Mit weit verästetem Gestäud.

Her raunts aus Waldesfinsternis
Zu Tirel, der sich duckt ins Moos:
"Verdammt, dass mir die Sehne riss!
Drück du in Teufels Namen los!"

Herr Tirel lauscht. "Wer sprach das Wort?"
Ein Weilchen schweigts im Laubesdach.
"Schiess, Tirel!" raunts von anderm Ort.
Er schiesst. Genüber stöhnt ein Ach.

Herr Tirel, das war schlimme Birsch!
Im Dickicht rinnt ein Bächlein rot.
Ihr fehltet Englands grössten Hirsch
Und schosset Englands König tot.

La Blanche Nef

"Herr König, ich bin Steffens Kind,
Der den Erobrer einst geführt!
Es ist ein Lehn, Dass mein Gesind
Mein Schiff allein den König führt!

Voraus den schnellsten Seglern fliegt
Mein Boot, La Blanche Nef genannt,
Es weiss, wo sichre Tiefe liegt,
Es furcht das Meer, es kennt den Strand!"

"Nicht mich, doch meinen besten Hort,
Vier Königskinder, führest du
- Sie knospen, weil mein Leben dorrt -
Die junge Normandie dazu!

Gelobe mir dein himmlisch Teil,
Gelobe mir dein männlich Wort:
Du bringst an Leib und Seele heil
Die Kinder mir nach England dort!"

"Ich schwöre dir mein himmlisch Teil,
Ich schwöre dir mein männlich Wort:
An Leib und Seele bring ich heil
Die Kinder dir nach England dort!

Des Schiffers geller Pfiff erscholl,
In See das Boot des Königs stach -
Ein Korb von frischen Blumen voll
Glitt Blanche Nef, la Belle, nach.

So leichtbeschwingt wie nie zuvor
Durchfurchte Blanche Nef die See
Mit ihrem kräftgen Knabenflor
Und Mägdlein schlank wie Hirsch und Reh.

Die Königskinder hell und zart
Erhöht inmitten sassen sie,
Ringsum gepaart in Zucht und Art
Das Edelblut der Normandie.

Vier Stimmen sangen frisch und schön
Und hundertstimmig scholl der Chor,
Es zog das junge Lustgetön
Die Nixen aus der Flut empor.

- "Ich warne junge Herrlichkeit
Und dich, normännisch Edelblut,
Das Singen schafft der Nixe Leid,
Dem freudelosen Kind der Flut!"

- "Und schaffen dem Gezücht wir Leid
Und quälen wir das Halbgeschlecht
Und reizen wir der Nixe Neid,
Das, Steffen, ist uns eben recht!"

Gemach verlosch das Abendrot,
Des Tages Gluten schliefen ein,
Ausbreitet über Meer und Boot
Der Mond den bleichen Geisterschein.

Die See ist wunderlich erregt.
Was wandert um des Kieles Lauf?
Von Armen wird die Flut bewegt,
Beglänzte Nacken tauchen auf.

Der Steffen ernst am Steuer stand:
"Das Meer ist klar ... doch droht Gefahr ..."
Er deutet mit gestreckter Hand:
"Da naht sie schon, die Nixenschar!"

Umklammert hält den schrägen Mast
Ein blanker Leib als Schiffsfigur
Dass Blanche Nef, von Graun erfasst
In wilder Flucht von dannen fuhr.

- "Ich warne junge Herrlichkeit,
Vergesst die Nachtgebete nicht!"
- "Ei, Steffen, Kind der alten Zeit,
Süss herzt es sich im Mondenlicht ..."

Es klimmt und überklimmt das Bord,
Es lässt sich nieder aus den Taun,
Es kichert wie ein freches Wort,
Es schaudert wie ein lüstern Graun ...

Es reizt, es quält, es schlüpft, es schmiegt
Sich zwischen Edelknecht und Maid,
Bis sich das Paar in Armen liegt
Zu früher Lust, zu Tod und Leid ...

Dem Steffen steigt das Haar. Er starrt
Auf ein gespenstig Bacchanal:
Die Königskinder, hell und zart,
Verblühen all im Mondenstrahl.

"Verloren geht mein himmlisch Teil,
Gebrochen ist mein männlich Wort:
Nicht bring an Leib und Seele heil
Die Kinder ich nach England dort!

Stirb, Blanche Nef! Bevor es tagt!
Im Wasser weiss ich hier ein Riff ..."
Er dreht das Steuer stracks und jagt
Der Klippe zu das Sündenschiff.

Der König lauscht zurück: "Das scholl
Wie Sterbeschrei!" Klar ist der Sund.
Ein Korb von welken Blumen voll,
Sinkt Blanche Nef zum Meeresgrund.

Der schwarze Prinz

Schwarzer Prinz und König Hans
Massen sich in raschem Waffentanz,
Bis der Prinz den König überwand
Mit der erzgeschienten Hand.

Ins Gezelt nahm er den Raub,
Wusch den Wunden rein von Blut und Staub
Bog das Knie und bot den Labetrank
Ihm, der tief in Gram versank.

Frankreichs armer König träumt
Also schwer, dass er den Wein versäumt,
Ihn ermahnt der Prinz, wie ers vermag:
"Herr, es ist des Schicksals Tag!

Manchen hattet Ihr gestreckt.
Da Ihr sanket, Herr, mich hats erschreckt,
Doch man lebt, und blieb nur Ehre heil,
Duldet man sein menschlich Teil

Morgen als des Friedens Pfand
Send ich Euch nach meinem Engelland.
Zeit ist mächtig! Jede Fessel fällt!
Nur die Erde schliesst und hält!"

König Hans, aus seinem Traum
Blickt er auf und sieht des Zeltes Raum
Und in geisterbleichem Angesicht
Zweier schwarzer Augen Licht.

Er beschaut das edle Haupt
Das ein unsichtbarer Kranz umlaubt
Ärgert sich und murmelt: "Worte sinds.
Deine Augen spotten, Prinz!

Heuchle! Streichle meinen Schmerz!
Leis im Panzer jubelt dir das Herz.
Horch! Es triumphiert!" Der Sieger spricht:
"König, nein. Es jubelt nicht.

Ich bin eine kurze Kraft
Heut geharnischt, morgen weggerafft!
Frühe Stunde lost ich wie Achill
Meinem Lose halt ich still."

Der gleitende Purpur

"Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!"
Schallt im Münsterchor der Psalm der Knaben.
Kaiser Otto lauscht der Mette
Diener hinter sich mit Spend und Gaben.

Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!
Heute, da die Himmel niederschweben
Wird dem Elend und der Blösse
Mäntel er und warme Röcke geben.

Hundert Bettler stehn erwartend -
Einer hält des Kaisers Knie umfangen
Mit den wundgeriebnen Armen,
dran zerrissner Fesseln Enden hangen.

"Schalk! Was zerrst du mir den Purpur?
Harr und bete! Kennst du mich als Kargen?"
Doch der Bettler hält den Mantel
Fest und jammert: "Kennst du mich, den Argen?

Du Gesalbter und Erlauchter!
Kennst du mich? ... Du hast mit mir gelegen,
Mit dem Siechen, mit dem Wunden,
Unter eines Mutterherzens Schlägen.

Aus demselben Wollentuche
Schnitt man uns die Kappen und die Kleider!
Aus demselben Psalmenbuche
Sang das frische Jugendantlitz beider!

Heinz, wo bist du? Heinz, wo bleibst du?
Hast zum Spiele du mich oft gerufen
Durch die Säle, durch die Gänge,
Auf und ab der Wendeltreppe Stufen ...

Wehe mir! Da du dich kröntest,
Hat des Neides Natter mich gebissen!
Mit dem Lügengeist im Bunde
Hab ich dieses deutsche Reich zerrissen!

Als den ungetreuen Bruder
Und Verräter hast du mich erfunden!
Du ergrimmtest und du warfest
In die Kerkertiefe mich gebunden ...

In der Tiefe meines Kerkers
Hab ich ohne Mantel heut gefroren ...
Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!
Heute wird der Welt das Heil geboren!

"Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!"
Hundert Bettler strecken jetzt die Hände:
"Gib uns Mäntel! Gib uns Röcke!
Sei barmherzig! Gib uns deine Spende!"

Eine Spange löst der Kaiser
Sacht. Sein Purpur gleitet, gleitet, gleitet
Über seinen sündgen Bruder,
Und der erste Bettler steht bekleidet ...

Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!
Jubelt Erd und Himmelreich mit Schallen.
Glorie! Glorie! Friede! Freude!
Und am Menschenkind ein Wohlgefallen!

Das Goldtuch

"Ihr Mägde; schaut, was ihr im Schreine habt!
Nicht darfst du mir von hinnen unbegabt,
Mein blondgelockter Enkel, der mir bot
Mit priesterlichen Händen Gott im Brot!"

Mathilde sprachs, die Fürstin, sterbeschwach.
Richburg, die Schaffnerin, seufzt': "Weh und Ach!
Hin gabst den Armen alles du! Allein
Dein goldgewoben Bahrtuch liegt im Schrein!"

"Die goldne Decke! Gebt dem Bischof die!
Bahrtuch und Totenhemd, das mangelt nie!"
Der Bischof zaudert ... "Nimm die Decke! Kränk
Mich nicht!" Der Jüngling zieht mit dem Geschenk ...

Sie atmet aus. Es läutet lang und schön
Mit allen Glocken von des Münsters Höhn ...
Fern in der Ebne gleissts wie Sonnenblick:
Mathildens Bahrtuch kehrt zu ihr zurück.

Abspringt ein Reiter, der den Turm ersteigt.
"Den Bischof warf das Ross. Ein Toter schweigt.
Wir bringen ihn! Verdoppelt das Geläut!
Ihr Glöckner, zwier bekommt ihr Löhnung heut!"

Frau Agnes und ihre Nonnen

Ein Klosterhof, ein Lenzestag!
Ein schwarzer Lindenschatten,
Wo der gekrönte Habsburg lag
Erstochen auf den Matten.

Frau Agnes, die gestrenge Frau
Des Vaters Blut zu rächen
Rief mordend aus: "Ich bad in Tau!"
Und schritt in roten Bächen.

Sie freute sich, in warmes Blut
Die Knöchel einzutauchen,
Sie warf in stille Dörfer Glut,
Sie liess die Burgen rauchen.

Nachdem Gericht gehalten war,
Vollbracht die Totenfeier,
Verbarg sie das Medusenhaar
Mit einem Nonnenschleier.

Sie schuf ein Kloster, wo hervor
Aus Grüften Geister schweben,
Sie füllt mit Blumen an den Chor,
Mit lauter jungem Leben:

Sie raubt das krause Blondgelock
Manch einem Edelkinde,
Beschert ihm einen schwarzen Rock
Und eine blanke Binde.

Sie geisselt sich den weissen Leib,
Bis rote Tupfen rinnen.
Sie will, das unbarmherzge Weib,
Den zarten Heiland minnen.

Dort sitzt sie unter Lindennacht
Am kühlen Klosterbronnen,
Sie hat die Bibel mitgebracht
Zur Andacht ihrer Nonnen.

Am Gatter lauschen Kinder scheu
Mit frisch gepflückten Veilchen,
Ein Weiblein hinkt mit Holz vorbei,
Bückt tief sich vor der Heilgen.

Dem jüngsten Nönnchen gibt das Buch
Sie jetzt, der lieblich Bleichen:
"Wir blieben bei Sankt Pauli Spruch.
Sieh her! Da steckt das Zeichen!"

Die Zarte, die das Buch empfing,
Beschaut Sankt Paulum denkend.
Sie liest. Ihr lauscht der Schwestern Ring,
Die Wimper züchtig senkend -

"Was frommte mir die Fastenzeit,
Was frommten Geisselhiebe,
Was frommt es, trüg ich hären Kleid
Und mangelte der Liebe?"

Da schwellt ein Seufzer manche Brust
Im Nonnenrock erbaulich,
Und manche kecke Lebenslust
Blickt traurig und beschaulich ...

Kaiser Sigmunds Ende

"Licht und lauter Bläue! Recht ein Wandertag!
Weit hinaus ins Freie! Weg aus diesem Prag!
Holt mir eine Sänfte, macht es mir zu Dank:
Vorn ein Rösslein, hinten eins, und beide blank!

Fröhlich will ich fahren tief ins Abendrot,
Sei mein schlanker Läufer, spring Gevatter Tod!
Trabe, Läufer, trabe! Flugs bestelle mir
Ein geruhig Bettlein und das Nachtquartier!"

Durch die Gassen ging es, wo die Menge stand,
Statt des Purpurs trug er schlichtes Reis'gewand,
Von dem Lorbeerzweige das Gelock umlaubt,
Nickt' ins Volk er freundlich, zitternd mit dem Haupt.

Als er vor dem Tore blaches Feld gewann
Pries er Erd und Himmel: "O ich selger Mann!
Herden seh ich gerne, auch den Pflüger gern:
Sei gesegnet, Nähe! Sei gesegnet, Fern'!"

Wie die wandermüde Sonne niedersank,
Öffnet er die Lippen als zum Abendtrank,
Dann ist er entschlummert in der dunkeln Flur,
Drauf mit weissen Rösslein seine Sänfte fuhr.

Die drei gemalten Ritter

"Frau Berte, hört: Ihr dürftet nun
Mir einmal einen Gefallen tun!"

"Was denkt Ihr, Graf? Wohin denket Ihr?
Vor den drei gemalten Rittern hier?"

Drei Ritter prahlen auf der Wand
Mit rollenden Augen, am Dolch die Hand.

"Wer, Frau, ist diese Ritterschaft?"
"Drei Vettern und alle drei tugendhaft"

Gelobt Ihr, Graf, die Ehe mir
Bei den drei gemalten Rittern hier,

Will ich - Ihr lasst es doch nicht ruhn -
Euch einmal einen Gefallen tun."

Das Gräflein zwinkert den Rittern zu:
Frau Berte, welch eine Gans bist du!

Das Gräflein hebt die Finger flink:
Frau Berte, du bist ein dummes Ding!

"Trautlieb, ich schwör und beschwör es dir
Bei den drei gemalten Rittern hier!"

Jetzt rufen aus einem Mund die drei:
"Es ist geredet und bleibt dabei!"

Die Wand versinkt: dahinter stehn
Drei gültge Zeugen. So ists geschehn.

Einsiedel

"Was pocht mir an das Fenster?
Was klopft an meine Tür so laut?"
- "Ich bin ein junger Wildfang
Und nass bis auf die Haut.

Ich bin der Gerold Wendel,
Wir ziehen an den Hof zu zwein,
Der andre ist ein Konrad
Und nennt sich Lützelstein.

Der duckt sich etwo anders
Vor Blitzgezuck und Wetterzorn
Und bläst mich morgen munter
Mit seinem Jägerhorn.

Einsiedel, frommer Bruder,
Ihr sehet, wie es um mich steht!
Gewährt mir Euer Lager
Und sprecht mein Nachtgebet!"

Er lallt es, halb entschlummert,
Und streckt die Glieder aus zur Ruh,
Einsiedel deckt sein Lämpchen
Mit beiden Händen zu.

"Wie lieblich ist die Jugend!
Hätt ich ein Füllhorn voller Glück
Ich leert es dir zu Häupten,
Es bliebe nichts zurück."

Der Schlummrer wird zum Träumer,
In hastgen Worten redet er,
Lacht, weint in einem Atem
Und wirft sich hin und her.

- "Ich habe Blut vergossen!"
Einsiedel fasst besorgt ihn an.
"Du träumst nicht gut. Erwache!
Die Augen aufgetan!"

Er starrt mit wilden Blicken.
"Mein Kind, wie hast du mich erschreckt!"
- "Einsiedel, frommer Bruder,
Ich bin mit Blut bedeckt.

Wir sassen unter Linden,
Ich und der Konrad Lützelstein,
Ein Fräulein von dem Hofe
Bot lachend uns den Wein.

Sie streift' mich mit dem Ärmel,
Die binsenschlank gewachsen war,
Sie hatte schnelle Augen
Und aschenblondes Haar.

Sie streift mich mit der Achsel
Und lispelt mir ins Ohr hinein:
'Wilt, junger Edelknabe,
Mein Trautgeselle sein?'

Da schwang man einen Reigen,
Sie reigte mit dem Lützelstein -
`Wilt, junger Edelknabe,
Mein Trautgeselle sein?'

Mir schwoll die Brust vor Eifer
Ein Hader reisst die Klingen bloss -
`Herzbruder, mein Herzbruder
Gabst mir den Todesstoss!'"

Einsiedel mahnt: "Erwache!"
Und schiebt zurück sein Fensterlein.
Da strömt mit Tannendüften
Ein Erdgeruch herein.

Und horch, ein Hifthorn schmettert
Und eine frische Stimme schallt:
"Wo steckt der Gerold Wendel?
Den such ich durch den Wald!"

Das Münster

Des Meisters hohle Wange brennt,
Sie bringen ihm das Sakrament,
Er isst des ewgen Lebens Brot,
Im Stubenwinkel grinst der Tod.
Fort trägt der Pfaffe die Monstranz.
Mit Augen scharf von Fieberglanz
Winkt weg der Meister seinem Weibe,
Dem Sohn, dem einzgen, winkt er: Bleibe!
Und deutet auf den Eichenschrein:
Was mag da Köstlichs drinnen sein?
Der Jüngling hebt ein Pergament
Aus einer Lade, die er kennt,
Er breitet auf die Lagerstatt
Ein langsam aufgerolltes Blatt:
Da dehnt sich feierlich-gewaltig
Ein Münster eins und mannigfaltig
Vom obern bis zum untern Rand -
Ein Riss von jugendkühner Hand.
Der Meister sieht am Brett sich stehn
Und seine Zeichenkohle gehn,
Sieht über blühendfrische Wangen
Verworrne Haare niederhangen -
Und vor dem ersten seiner Pläne
Erstaunt er und zerdrückt die Träne.
Auflodern seine Lebensgeister,
Mit raschen Pulsen spricht der Meister:
"Dies Blatt erweckt den Tag mir wieder,
Wo in der Vaterstadt ich nieder
Gelegt den Stab der Wanderschaft -
Ich schritt in voller Jugendkraft.
Daheim war ein begeistert Leben,
Ein Münster wollten sie erheben
Mit andern Ländern um die Wette
Und höher noch als andre Städte,
Gott und den Heilgen all zum Ruhm,
Zur Ehre deutschem Bürgertum.
Mich liess auf seine Stube kommen
Der Rat. `Lass, junger Meister, frommen,
Was du erwandert hast! Wohlan!
Entwirf uns eines Münsters Plan!"

Da sass ich auf in langen Nächten,
Zur Linken standen mir und Rechten
Der Christ mit seiner Märtrerschar,
Die Kaiser mit den Kronen gar,
Viel reine Fraun und Helden gut,
Sie nahmen mich in Zucht und Hut.
Wollt ich in schwelgendes Verzieren,
In üppig Blattwerk mich verlieren
Und opferts nicht mit keuschem Sinn
Dem Ganzen streng ich zu Gewinn,
Gleich schlug ein altes Heldenbild
Erzürnt an seinen ehrnen Schild,
Den Finger hob, das Haupt von Licht
Umrahmt, ein Heilger: Tändle nicht!
Das Amt, das dir zu Lehen fiel,
Das ist ein Werk und ist kein Spiel!

Da wars, als ich die Kohle führte,
Dass Gott der Geist das Werk berührte,
Gemach begann der Dom zu schweben
Und regte sich aus eignem Leben,
Mich riss es über mich empor
Mit schlanken Stämmen wuchs der Chor,
Gen Himmel blüht' in Laub und Ranke
Der menschlich-göttliche Gedanke -
Das Münster stand auf meinem Blatte,
Ich wusste, wers vollendet hatte.

Im Flur auf unserm städtschen Haus
Stellt ich das Blatt den Blicken aus,
Und wie die Bürger nahe traten,
Sprach aller Mund: `Du hasts erraten!
So und nicht anders soll es sein!'
Ich legte meinen ersten Stein.
Aus allen Herzen, allen Händen
In freudger Fülle quollen Spenden.
Beschattend schon die Häusermasse
Entstieg der Dom dem Lärm der Gasse
Und wuchs mit abgemessnen Schritten.
Die Wolken und die Jahre glitten,
Doch karger werdend mit den Jahren,
Begannen Herz und Hand zu sparen,
Die Flamme der Begeistrung fiel
In müde Asche vor dem Ziel.

Erst sprach der Rat von kurzen Fristen,
Und stiller wards auf den Gerüsten,
Dann setzten neue Frist sie wieder,
Das Baugestelle faulte nieder.
Laut feilschte rings der Markt und summte,
Sobald der Hammerschlag verstummte,
Mit ekeln Buden ward verklebt
Der Pfeiler, der nach oben strebt.
Ich aber ging dem Brote nach,
Baut Erkerlein und Giebeldach,
Ein wackrer Lohnknecht wie die andern.
Doch abends im Nachhausewandern
Bei trauter Dämmerglocke Klang
Stand ich vor meinem Münster lang.
Die Glut erklomm den höchsten Trümmer,
Verglomm in letztem Tagesschimmer,
Noch ging das Knabenspiel im Braus
Rings um das dunkelnd hohe Haus,
Oft hemmt' ein Junge kurz den Lauf
Und schaut' am Münster trotzig auf -
Dann runzelt ich die weissen Braun
Und dachte: Werdens diese baun?

Inzwischen schossen auf die Reiser,
Sie wurden saftger und ich greiser -
Jüngst irrt ich traurig und allein
Um meinen Dom im Abendschein,
Da stand das junge Volk beisammen,
Die kräftgen Augen sprühten Flammen.
Ich schlich in ihre Nähe leis,
Aus einem Munde schwur der Kreis:
Bei Gottes Haupte! Wir vollenden
Den Dom mit diesen unsern Händen!' ...
Ob sie den ersten Meister kennen
Des Werks, das sie zu enden brennen?
Nach den Gesichtern keck und neu
Blickt ich hinüber still und scheu ...
Mit einem Male rief ein dreister
Gesell: `Begrüsst den alten Meister!'
Und riss die Kappe sich vom Haar,
Da grüsste mich die ganze Schar.

Habt Dank und Gottes Lohn, Gesellen!
Ihr wollet die Gerüste stellen?
Nicht ich - habt Dank und Gottes Lohn -
Geht hin und rufet meinen Sohn!
Wie wird mir? ... Schallt im Dom das Amt?
Die Glocken dröhnen allesamt ...'
Er fasst des Sohnes Rechte ...
"Schau! Es steigt ... Mein Münster steigt im Blau!"
Er starrt, den Blick emporgewendet.
Er neigt das Haupt. Er seufzt: "Vollendet!"

Die Krypte

Baut, junge Meister, bauet hell und weit
Der Macht, dem Mut, der Tat, der Gunst der Stunde,
Der Dinge wahr und tief geschöpfter Kunde,
Dem ganzen Genienkreis der neuen Zeit!

Des Lebens unerschöpften Kräften weiht
Die freudge, lichtdurchflutete Rotunde -
Baut auch die Krypte drunter, wo das wunde
Gemüt sich flüchten darf in Einsamkeit:

Vergesst die Krypte nicht! Dort soll sich neigen
Das heilge Haupt, das Dornen scharf umwinden!
Ich glaube: Ein'ge werden niedersteigen.

Dort unten werden ein'ge Trost empfinden.
Wir mögen, wenn die Leiden uns umnachten,
Nicht Glück noch Ruhm, nur grössern Schmerz betrachten.