IX

Männer

Lutherlied

Ein Knabe wandert über Land
In einem schlichten Volksgewand,
Gewölke quillt am Himmel auf,
Er blickt empor, er eilt den Lauf,
Stracks fährt ein Blitz mit jähem Licht
Und raucht an seiner Ferse dicht -
So ward getauft an jenem Tag
Des Bergmanns Sohn vom Wetterschlag.

Schmal ist der Klosterzelle Raum,
Drin lebt ein Jüngling dumpfen Traum,
Er fleissigt sich der Möncherei,
Dass er durch Werke selig sei.
Ein Vöglein blickt zu ihm ins Grab,
"Luthere", singts, "wirf ab, wirf ab,
Ich flattre durch die lichte Welt,
Derweil mich Gottes Gnade hält."

In Augsburg wars, dass der Legat
Ein Mönchlein auf die Stube bat,
Er war ein grundgelehrtes Haus,
Doch kannt er nicht die Geister aus.
Des Mönchleins Augen brannten tief,
Dass er: "Es ist der Dämon!" rief -
Du bebst vor diesem scharfen Strahl?
So blickt die Wahrheit, Kardinal!

Jetzt tritt am Wittenberger Tor
Ein Mönch aus allem Volk hervor:
Die Flamme steigt auf seinen Wink,
Die Bulle schmeisst hinein er flink,
Wie Paulus schlenkert' in den Brand
Den Wurm, der ihm den Arm umwand,
Und über Deutschland einen Schein
Wie Nordlicht wirft das Feuerlein.

In Worms sprach Martin Luther frank
Zum Kaiser und zur Fürstenbank:
"Such, Menschenherz, wo du dich labst!
Das lehrt dich nicht Konzil noch Papst!
Die Quelle strömt an tiefrem Ort:
Der lautre Born, das reine Wort
Stillt unsrer Seelen Heilsbegier -
Hier steh ich und Gott helfe mir!"

Herr Kaiser Karl, du warst zu fein,
Den Luther fandest du gemein -
Gemein wie Lieb und Zorn und Pflicht.
Wie unsrer Kinder Angesicht,
Wie Hof und Heim, wie Salz und Brot,
Wie die Geburt und wie der Tod -
Er atmet tief in unsrer Brust.
Und du begrubst dich in Sankt Just.

"Ein feste Burg" - im Lande steht,
Drin wacht der Luther früh und spät,
Bis redlich er und Spruch um Spruch
Verdeutscht das liebe Bibelbuch.
Herr Doktor, sprecht! Wo nahmt Ihr her
Das deutsche Wort so voll und schwer?
"Das schöpft ich von des Volkes Mund,
Das schlürft ich aus dem Herzensgrund."

Herr Luther, gut ist Eure Lehr,
Ein frischer Quell, ein starker Speer:
Der Glaube, der den Zweifel bricht,
Der ewgen Dinge Zuversicht,
Des Heuchelwerkes Nichtigkeit!
Ein blankes Schwert im offnen Streit! -
Ihr bleibt getreu trotz Not und Bann
Und jeder Zoll ein deutscher Mann.

In Freudepulsen hüpft das Herz,
In Jubelschlägen dröhnt das Erz,
Kein Tal zu fern, kein Dorf zu klein,
Es fällt mit seinen Glocken ein -
"Ein feste Burg" - singt jung und alt
Der Kaiser mit der Volksgewalt:
"Ein feste Burg ist unser Gott,
Dran wird der Feind zu Schand und Spott!"

Hussens Kerker

Es geht mit mir zu Ende,
Mein Sach und Spruch ist schon
Hoch über Menschenhände
Gerückt vor Gottes Thron,
Schon schwebt auf einer Wolke,
Umringt von seinem Volke,
Entgegen mir des Menschen Sohn.

Den Kerker will ich preisen,
Der Kerker, der ist gut!
Das Fensterkreuz von Eisen
Blickt auf die frische Flut,
Und zwischen seinen Stäben
Seh ich ein Segel schweben,
Darob im Blau die Firne ruht.

Wie nah die Flut ich fühle,
Als läg ich drein versenkt,
Mit wundersamer Kühle
Wird mir der Leib getränkt -
Auch seh ich eine Traube
Mit einem roten Laube,
Die tief herab ins Fenster hängt.

Es ist die Zeit zu feiern!
Es kommt die grosse Ruh!
Dort lenkt ein Zug von Reihern
Dem ewgen Lenze zu,
Sie wissen Pfad und Stege,
Sie kennen ihre Wege -
Was, meine Seele, fürchtest du?

Der Landgraf

Mir sitzt zu Hause jung gezähmt
Und leicht gelähmt
Ein Steinaar im Verliesse,
Der martert sich den Hals zu drehn,
Ins Blau zu sehn,
Aus dem er gerne stiesse.

So streck ich Landgraf ebenfalls
Den Kopf und Hals
Wohl durch das Kerkergitter,
Ob etwas auf der Strasse zieht
Für mein Gemüt,
Ein Schüler oder Ritter.

Der Kaiser, der vergichtet ist,
Drum gerne misst
Die Kost der harschen Lüfte,
Vergass, wie schwer ein ganzer Mann
Entraten kann
Das Jagdhorn an der Hüfte.

Ich wurde hinterrücks gefällt,
Ein Netz gestellt
Ward mir mit falschen Schriften!
Wer mir mit lächelndem Gesicht
Die Treue bricht,
Der kann mich auch vergiften!

Wär ich ein römisch blöder Mann,
Ich wähnte dann:
Damit hätt ichs verbrochen,
Dass triumphierend ich hinaus
Zum Gotteshaus
Schmiss Mühmchen Lisbeths Knochen!
(gemeint sind die Reliquien der Heiligen Elisabeth.)

Jüngst warf ich auf den Festungsrain
Ein Stüberlein
Dem Bettler hin, dem lahmen:
Den schlug der Spanier bis aufs Blut -
Mich frass die Wut -
Der Teufel hol ihn! Amen!

Wohl läg ich besser auf dem Feld
- Ade, du Welt! -
Gewundet und erstochen!
Wie Meister Ulrich Zwingli lag
Am grünen Hag
Den hellen Blick gebrochen!

Nur tröstet mich das Eine doch,
Das päpstlich Joch
Ist in den Dreck getreten!
Wir dürfen ohne Klerisei
Und Heuchelei
Getrost zum Herrgott beten!

Der Rappe des Komturs

Herr Konrad Schmid legt' um die Wehr,
Man führt' ihm seinen Rappen her:
"Den Zwingli lass ich nicht im Stich,
Und kommt ihr mit, so freut es mich."
Da griffen mit dem Herren wert
Von Küsnacht dreissig frisch zum Schwert:
Mit Mann und Ross im Morgenrot
Stiess ab das kriegbeladne Boot.
Träg schlich der Tag; dann durch die Nacht
Flog Kunde von verlorner Schlacht.
Von drüben rief der Horgnerturm,
Bald stöhnten alle Glocken Sturm,
Und was geblieben war zu Haus,
Das stand am See, lugt' angstvoll aus.
Am Himmel kämpfte lichter Schein
Mit schwarzgeballten Wolkenreihn.
"Hilf Gott, ein Nachtgespenst!" Sie sahn
Es drohend durch die Fluten nahn.
Wo breit des Mondes Silber floss,
Da rang und rauscht ein mächtig Ross,
Und wilder schnaubts und näher fuhrs ...
"Hilf Gott, der Rappe des Komturs!"
Nun trat das Schlachtross festen Grund,
Die bleiche Menge stand im Rund.
Zur Erde starrt' sein Augenstern,
Als sucht' es dort den toten Herrn ...
Ein Knabe hub dem edeln Tier
Die Mähne lind: "Du blutest hier!"
Die Wunde badete die Flut,
Jetzt überquillt sie neu von Blut.
Und jeder Tropfen schwer und rot
Verkündet eines Mannes Tod.
Die Komturei mit Turm und Tor
Ragt weiss im Mondenglanz empor.
Heim schritt der Rapp das Dorf entlang,
Sein Huf wie über Grüften klang,
Und Alter, Witwe, Kind und Maid
Zog schluchzend nach wie Grabgeleit.

Die spanischen Brüder

"Da find ich dich! In Wintergraus
Hält dich ein deutsches Donaunest,
Ein schneebelastet Giebelhaus,
Kind einer heissen Sonne, fest.

Was treibst du hier? Mit toller Brunst
Bohrst du dich in Folianten ein?
Vom Teufel kommt die schwarze Kunst!
Griechisch? Die Kirche spricht Latein!

Darüber sitzest, Nacht um Nacht,
Du auf? Noch qualmt der Lampe Docht!
Auch siehst du bleich und überwacht,
Der sonst so weidlich ritt und focht!

Du darbst? Du meidest jede Lust?
Von allem Denken mach dich frei!
Verbrenn an einer warmen Brust,
Ertränk in Wein die Ketzerei!

Ergreife Schwert und Eisenhut!
Dem Spanier ward die Welt zum Raub!
Nach Flandern! Eh dein Edelblut
Versiegt in ekelm Bücherstaub!

Mein Bruder Juan, komm mit mir,
Beflecke nicht der Diaz Ruhm!
Ersäufe im Guadalquivir
Das gottverdammte Luthertum!

In Wittenberg hast du - absurd!
Auf einer Schule Bank gehockt!
Bei diesem Dolch an meinem Gurt
Ich morde den, der dich verlockt!

Der Vater ist ein alter Christ
Und sähe lieber dich im Grab!
Die Mutter, welche gläubig ist -
Der Mutter drückst das Herz du ab!

Nie hat ein Diaz falsch geglaubt!
Nicht wahr? Uns tust du nicht die Schmach,
Geliebter Bruder, teures Haupt
Ich eilte deinen Schritten nach!

Juan, ich reisse dich heraus
Mit dieser meiner Arme Kraft!
Die Rosse stampfen vor dem Haus,
Geführt von meiner Dienerschaft.

Du schweigst? Bekenn mir, obs geschah!
Tatst du den Schritt? Du schüttelst: Nein!
Wirst du ihn tun? Ja? Du nickst: Ja? ...
Juan, es muss geschieden sein!"

Eng hält den Bruder er umfasst,
Bang stöhnend senkt er Blick in Blick,
Küsst, küsst ihn noch einmal in Hast -
Und stösst den Dolch ihm durchs Genick.

Er hält den Bruder lang im Arm,
Mit unerschöpften Tränen netzt
Und badet er den Toten warm:
"Noch starbest als ein Christ du jetzt!"

Das Auge des Blinden

Durch das Marktgedräng von Namur
Stelzt ein armer narbger Krüppel.
"Leute, bringt mich zu Don Juan!,
"Schweigst du wohl! Da ist Don Juan!"

"Schweigst du wohl, blick auf! da ist er!"
In des Volkes Gasse reitet
Ein Gespenst am hellen Tage:
Don Juan der Österreicher -

Don Juan der Österreicher,
Der im Wein das Gift getrunken
König Philipps, seines Bruders,
Und Don Juan weiss den Mörder.

Seinen Mörder kennt Don Juan,
Auch den armen Krüppel kennt er,
Der den Bügel ihm betastet,
Der die Hand ihm deckt mit Küssen -

Der ihm deckt die Hand mit Küssen:
"Bin zerfetzt wie eine Fahne!
Wohne jetzt in Barcelona -
Braves Volk, bei meiner Ehre!

Braves Volk! es speist und tränkt mich:
`Alter, leere dieses Glas mir!'
`Alter, kanntest du Don Juan?'
`Sprich uns immer von Don Juan!'

Immer sprech ich von Don Juan!
In den Schenken, an dem Hafen
Gab ich tausendmal zum besten
Bei Lepanto die Viktorie!

Die Viktorie von Lepanto
Gab ich tausendmal zum besten ...
Hergestelzt bin ich nach Flandern
Zu dem Abgott meines Lebens!

Helle Freude meines Lebens!
Sohn des Kaisers! Kind des Glückes!
Deines Volkes Held und Liebling!
Ruhmgekrönter junger Feldherr!

Junger Feldherr mit dem Lorbeer
In den goldnen Ringelhaaren,
Mit dem Himmel in den Augen,
Sonnig wie ein Engel Gottes!

Eia, schöner Engel Gottes! ..."
Durch die Menge, die des Todes
Bild betrachtet, geht ein Schauder.
Juan, der gespenstig bleiche,

Juan mit des Grabes Antlitz
Sucht erstaunt das Aug des Krüppels -
Ist es trunken? Lohts im Wahnsinn?
Es ist leer. Es ist erloschen!

Ist dem Tageslicht erloschen.
Don Juans zerstörte Jugend
Blüht in eines Blinden Auge
Fort in unversehrter Schönheit.

Die verstummte Laute

Sie mochte gern an seiner Schulter lehnen
In einem weichen Abenddämmerlicht,
Sie barg vor ihm das Rieseln ihrer Tränen,
Den halbenthüllten Reiz der Seele nicht:
"Freund, einzger Freund auf diesem düstern Eiland,
Ich welke! Chastelard, auch du bist bleich!
Schlag deine Laute! Singe mir von weiland!
Von meinem ersten Königreich!"

Er stürmte durch die Saiten: "Jener Tage
Ins Meer gesunkne Sonnen sind verblasst!
Maria Stuart! Ich erhebe Klage,
Dass du geschluchzt an meinem Herzen hast!
Mit deinen Tränen bade hier dem reinen,
Entseelten Gott die Marmorfüsse bleich -
Weib, sündlich ists vor einem Menschen weinen
Mit diesen Augen warm und weich!

Was war ich dir? Der nichtige Vertraute!
Ein Echo, das von deinen Seufzern scholl!
Ein Spiegel, drin sie eitel sich beschaute,
Die Zähre, die dir an der Wimper quoll!
War dir die Laute nur, darauf zu breiten
Die Fingerspitzen, und ich hallte schön -
Ich hasse dich!" Er riss entzwei die Saiten
Mit einem gellen Missgetön.

Er floh davon, hinaus in Wald und Wildnis,
Doch wo er lechzend schlürft' aus einem Quell,
Sah er im Brunnen ein geliebtes Bildnis
Aus naher Tiefe schimmern dunkelhell,
Sah er ein blasses Angesicht in Zähren,
Es schwand und blickte wiederum empor,
Von Sehnen und Erfüllen und Gewähren
Rauschts um den Born in Schilf und Rohr.

"Maria!" so beginnt in ihrer Kammer
Am Lager kniend sie das Nachtgebet.
"Maria!" wiederholt voll Glut und Jammer
Ein Mund, der neben ihr im Dunkel fleht.
Sie schreit. Man kommt. Von Fackelglut gerötet
Bebt sie vor Zorn: "Ein Mörder! Fesselt ihn!"
Er lächelt: "Ist sie schön! Auch wenn sie tötet!"
Und gibt den Schergen sich dahin.

Er schreitet seinem Blutgerüst entgegen
In einem klaren kühlen Morgenrot,
Mit hohlen Blicken flüstert angelegen
Als hagrer Pater der vermummte Tod:
"Freund du bekommst es gut! Du wirst entlastet!
Ich absolviere dich von Lust und Pein!
Von keiner weichen, weissen Hand betastet,
Wirst du die stumme Laute sein!"

Das Weib des Admirals

Auf mondenhellem Lager wälzt ein Weib,
Ein schlummerloses, sich: "O banger Pfühl!
Auch du, mein sorgender Gemahl, du wachst!
Wer dürfte schlafen? Horch, die Folter stöhnt ...
Erwürgte modern ohne Leichentuch
Sieh unser Linnen, Chatillon, wie fein!
Gen Himmel schreit der Märtrer frommes Blut,
Ich schreie, Herr, in deinen Armen mit!
Mein Held, ich rede Zeugnis gegen dich
Vor Gott, entrollest du dein Banner nicht!"
Sie schweigt in düstrer Glut. Er sinnt und sagt:
"Erwäge, Weib die Schrecken, die du wählst!
Dies Haus in Rauch und Trümmern! Dies mein Haupt
Verfemt, dem Meuchelmord gezeigt - geraubt!
Entehrt dies Wappen von des Henkers Hand!
Du mit den Knaben bettelnd auf der Flucht!
Wählst du dir solches? Nimm drei Tage Frist!"
- "Drei Tage Frist? Sie sind vorbei. Brich auf!"

Hugenottenlied

In die Schule bin ich gangen
Bei dem Meister Hans Calvin
Lehre hab ich dort empfangen:
Vorbestimmt ist alles ewighin!
Jeder volle Wurf im Würfelspiele,
Jeder Diebestritt auf Liebchens Diele
Jeder Kuss
Schicksalsschluss!

Dann bin ich zu Ross gestiegen
Mit dem Hauptmann Des Adrets,
Der das Kindlein in der Wiegen
Würgt und sich ergötzt an Qual und Weh!
Jeder First, der raucht und dampft und lodert,
Jeder Tote, der im Graben modert,
Jeder Schuss -
Schicksalsschluss!

Die Karyatide

Im Hof des Louvre trägt ein Weib
Die Zinne mit dem Marmorhaupt,
Mit einem allerliebsten Haupt.
Als Meister Goujon sie geformt
In feinen Linien, überschlank,
Und stehend auf dem Baugerüst
Die letzte Locke meißelte,
Erschoß den Meister hinterrücks
(Am Tag der Saint-Barthelemy)
Ein überzeugter Katholik.
Vorstürzend überflutet' er
Den feinen Busen ganz mit Blut,
Dann sank er rücklings in den Hof.
Die Marmormagd entschlummerte
Und schlief dreihundert Jahre lang,
Eub Feuerschein erwärmte sie
(Am Tag, da die Kommüne focht),
Sie gähnt' und blickte rings sich um:
Wo bin ich denn? In welcher Stadt?
Sie morden sich. Es ist Paris.

Mourir ou parvenir!

Herr Heinrich Guise schrieb. Da rauscht' Gewand -
Es war sein Lieb, das aus der Kirche kam,
Sein zärtlich Lieb, dem schäkernd aus der Hand
Er das mit Gold beschlagne Messbuch nahm.

Er blättert' drin. Hell wars von Farbenglut
Und keck verschlungner Arabeskenzier -
"Geliebter, dich verdirbt dein Übermut!
Hinweg! Entflieh von hier!

Du bist zu hoch! Der König, feig und schlau
Bebt wie ein Kind vor deinen mächtgen Braun!
Dich hasst er tödlich - glaub es einer Frau!
Ihn sah ich lächeln jüngst - mich schüttelt Graun!"
Zur Feder griff er. "Flora, schlanke Fei!
Wie könnt ich leben", seufzt er, "fern von dir?"
Und schrieb ins Messbuch, wo die Zeile frei:
Mourir -

"Versuche Gott nicht! Das Verderben reift!
Hinweg aus Blois! Mein Alles, Schmerz und Lust!
Ich weiss: in diesem Augenblicke schleift
Der Meuchelmord ein Schwert für deine Brust!"
In ihrem Büchlein schrieb er ruhig fort,
Soviel ihm Raum gewährte das Papier,
Als wärs ein auferbaulich Bibelwort:
- Ou parvenir!

"Mich so zu quälen! Schlimm hat mir geträumt!
Mein Gott! Du wandest dich in Todesschmerz!
Hinweg! Jetzt! Heute! Hörst du? Nicht gesäumt!"
Die Bange zog er kosend an das Herz,
Sie senkte des betränten Auges Glanz -
In kühnen Zügen stand der Spruch vor ihr,
Umrankt von einem üppgen Blumenkranz:
Mourir ou parvenir!

Das Reiterlein

Das Bächlein nimmt nach der Loire den Gang,
An beiden Seiten
Auf und ab, die Ufer entlang
Spähn sie und reiten.
Sie sind sich so nahe! Sie sind sich so fern!
"Bon jour, meine Herrn!"
Grüsst keck eine Stimme.

Ein feurig, unbändig Reiterlein
Springt ab behende,
Setzt rechts ein Bein und links ein Bein
In beide Gelände:
"Gross ist der Sonne Glut -
Liebe Herrn, meint ihrs gut,
Schafft eins zu trinken!"

Rechts kommt ein Pokal und links ein Pokal
Von verschiedener Helle,
Der: schäumender Champagnerstrahl,
Der andre: Purpurwelle -
"Katholik? Calvinist?
Hier ein Christl Dort ein Christ!"
Er schlürft aus beiden Bechern.

"Mit streitender Theologie
Mach ich mir nichts zu schaffen.
Den Guisen überlass ich sie,
Den Weibern und den Pfaffen!
Predgerrock? Messgewand?
Stich und Schuss! Mord und Brand!
Ins Meer geschwemmte Leichen!

Bekennt mir, Herren, frei und frank:
Wie tut ihr, wann ihr dürstet?
Ihr setzt euch rittlings auf die Bank
Und ruft nach Wein und bürstet!
Zug und Schluck! Schluck und Zug!
Noch ein Trunk! Nie genug!
Die einen wie die andern.

Geniesst ihr wonnge Minnelust
Nach Dogmen oder Schulen?
Kost alle nicht ihr Brust an Brust
Mit euren trauten Buhlen?
Tört ihr nicht? Trügt ihr nicht?
Schwört ihr nicht? Lügt ihr nicht?
Die einen wie die andern.

Drum lassen wir auf sich bestehn
Die Lehren, die uns trennten,
Da wir erbaulich einig gehn
In allen Elementen:
Erntefest! Winzertanz!
Ährenkranz! Traubenkranz!
Feldruhm und edle Waffen!"

Sprichts und es fährt ein elektrischer Schlag
Rundum und setzt alles in Flammen:
Frankreich hoch! Freudetag!
Heut wächst es zusammen!
Sie springen ins Wasser, sie waten im Fluss,
Sie spitzen die bärtigen Lippen zum Kuss,
Sie fallen sich all in die Arme.

Der Kleine drückt und küsst und herzt
Sie alle wie alte Bekannte.
"Wie aber, Herren, steht es", scherzt
Er, "mit dem Proviante?
Alles her! Fleisch oder Fisch!
Ihr seid geladen heut zu Tisch
Bei Heinrich von Navarra."

Die Füße im Feuer

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann ...

- "Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!"
- "Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmerts mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!"
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild ...
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft ...
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal ...
Die Flamme zischt. Zwei Fusse zucken in der Glut.
Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiss. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt ...
Die Flamme zischt. Zwei Füsse zucken in der Glut.

- "Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sinds ... Auf einer Hugenottenjagd ...
Ein fein, halsstarrig Weib ... `Wo steckt der Junker? Sprich!'
Sie schweigt. `Bekenn!' Sie schweigt. `Gib ihn heraus!' Sie schweigt.
Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf ...
Die nackten Füsse pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut ... `Gib ihn heraus!' ... Sie schweigt ...
Sie windet sich ... Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hiess dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich." -
Eintritt der Edelmann. "Du träumst! Zu Tische, Gast ..."

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an -
Den Becher füllt und übergiesst es, stürzt den Trunk,
Springt auf: "Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!" Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr ...
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht ... Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt? ...
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draussen plätschert Regenflut.

Er träumt. "Gesteh!" Sie schweigt. "Gib ihn heraus!" Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füsse zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt ...
- "Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!"
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr - ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad,
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedselge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräftgen Erdgeruch,
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug,
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: "Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wisst, dass ich dem grössten König eigen bin.
Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!" Der andre spricht:
"Du sagsts! Dem grössten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer ... Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst ... Mein ist die Rache, redet Gott."

Die Rose von Newport

Sprengende Reiter und flatternde Blüten,
Einer voraus mit gescheitelten Locken -
Ist es der Lenz auf geflügeltem Renner?
Karl ists, der Jüngling, der Erbe von England,
Und die sich nähern in goldener Mailuft,
Das sind die Giebel und Tore von Newport,
Drüber das Wappen der Stadt: eine Rose!
Jubelnde Gassen und jubelnde Wimpel
Und ein von treibender Jugend geschwelltes,
Jubelndes Herz in dem Busen des Stuart ...
Unter den blühenden Linden des Marktes
Schreitet ein Reigen von blühnden Gestalten,
Und eine Schönste mit herzlichem Beben
Bietet dem Prinzen die Rose von Newport:
"Seliges Gestern und Morgen und Heute,
Herr, dir die Rose von Newport bedeute!"

Morgen erzählen die Linden das Märchen
Von der entblätterten Rose von Newport.

Sprengende Reiter und wirbelnde Flocken,
Einer voraus mit verwilderten Haaren -
Ist es der Winter, der finstre Geselle?
Karl ists, der Flüchtling, der König von England.

Seit er das Blut seines Volkes vergossen,
Reitet er neben zerschmetterndem Abgrund ...
Und die sich nähern in weissem Gestöber,
Das sind die Giebel und Tore von Newport,
Drüber das Wappen der Stadt: eine Rose!
Nirgend ein Jubel und nirgend ein Wimpel,
Polternde Hämmer und kreischende Feilen,
Und ein von eisernen Fäusten gepresstes,
Ächzendes Herz in dem Busen des Stuart ...
Unter den frierenden Linden des Marktes
Bettelt ein Kind mit verschatteten Augen,
Bietet dem König ein dorrendes Röschen:
"Seliges Gestern und Morgen und Heute,
Herr, dir die Rose von Newport bedeute!"
Karl, der die Züge des Kindes betrachtet,
Schmal und gespenstig im Spiegel des Elends
Sieht er das eigene Antlitz und schaudert.

Morgen erzählen die Linden das Märchen
Von dem enthaupteten König von England.

Der sterbende Cromwell

Vor der Königsburg in nächtger Stunde
Knickt der Tod die Eichen in die Runde,
Drinnen sucht er dann ein zäher Leben
Aus den Wurzeln allgemach zu heben -
Whitehall ist Cromwells Sterbestätte,
Ein Waldenser kniet an seinem Bette!
"Herr, ich komm, ein Kind des welschen Tales,
Wo du bist der Schutzgott jedes Mahles,
Unsern Dank auf deine Knie zu legen,
Leben, Cromwell, musst du unsertwegen!
Rom befehdet uns mit seinen Pfaffen,
Unser Herzog rüstet frevle Waffen
Gegen unser Tal, den lautern Glauben
Will er oder uns das Leben rauben!
Doch du sahst in deinen Schmerzensnächten
Uns gefoltert schon von Henkersknechten
Und du hobest dich in Fieberschwüle,
Auf den Arm gestützt, empor vom Pfühle
Und du drohtest, über Meer gewendet -
Pfaffen, Henker blieben ungesendet.
Wenn wir, Cromwell, deine Söhne wären,
Herber könnten wir dich nicht entbehren!
Deine bangen Atemzüge geben
Uns den Odem, fristen uns das Leben.
Dennoch - wie du leidest, Herr - unsäglich -
Deine Qualen werden unerträglich? -
Dennoch - ob uns Hartes sei beschieden -
Friedestifter, fahre hin in Frieden!"

Miltons Rache

Am Grab der Republik ist er gestanden,
Doch sah er nicht des Stuart Schiffe landen,
Ihn hüllt' in Dunkel eine gütge Macht,
Er ist erblindet! Herrlich füllt mit lichten
Gebilden und dämonischen Gesichten
Die Muse seines Auges Nacht ...

Ein eifrig Mädchenantlitz neigt sich neben
Der müden Ampel, feine Finger schweben
Auf leichte Blätter schreibt des Dichters Kind
Mit eines Stiftes ungehörtem Gleiten
Die Wucht der Worte, die für alle Zeiten
In Marmelstein gehauen sind ...

Er spricht: "Zur Stunde, da" - Hohnrufe gellen,
Das Haupt, das blinde, bleiche, zuckt in grellen
Lodernden Fackelgluten, zürnt und lauscht ...
Durch Londons Gassen wandern um die Horden
Der Kavaliere, Schlaf und Scham zu morden
Von Wein und Übermut berauscht:

"Schaut auf! Das ist des Puritaners Erker!
Der Schreiber hält ein blühend Kind im Kerker!
Der Schuhu hütet einen duftgen Kranz!
Wir schreiten schlank und jung, wir sind die Sünden
Und kommen ihr das Herzchen zu entzünden
Mit Saitenspiel und Reigentanz!

Vertreibt den Kauz vom Nest! Umarmt die Dirne! ....
Geklirr! Ein Stein! ... Still blutet eine Stirne,
Der Vater schirmt das Mädchen mit dem Leib,
Die Bleiche drückt er auf den Schemel nieder,
Ein Richter, kehrt zu seinem Lied er wieder:
"Nimm deinen Stift, mein Kind, und schreib!

Zur Stunde, da des Lasterkönigs Knechte
Umwandern, die Entheiliger der Nächte ...
Zur Stunde, da die Hölle frechen Schalls
Aufschreit, empor zu den erhabnen Türmen ...
Zur Stunde, da die Riesenstadt durchstürmen
Die blutgen Söhne Belials ..."

So sang mit wunder Stirn der geisterblasse
Poet. Verschollen ist der Lärm der Gasse,
Doch ob Jahrhundert um Jahrhundert flieht,
Von einem bangen Mädchen aufgeschrieben,
Sind Miltons Rächerverse stehn geblieben,
Verwoben in sein ewig Lied.

Der Daxelhofen

Den Hauptmann Daxelhofen
Bestaunten in der Stadt Paris
Die Kinder und die Zofen
Um seines blonden Bartes Vliess -
Prinz Condé zog zu Felde,
Der Hauptmann Daxelhofen auch,
Da fuhr am Bord der Schelde
Der Blitz und quoll der Pulverrauch.

Die Lilienbanner hoben
Sich sachte weg aus Niederland
Und schoben sich und schoben
Tout doucement zum Rheinesstrand.
"Herr Prinz, welch köstlich Düften!
So duftet nur am Rhein der Wein!
Und dort der Turm in Lüften,
Herr Prinz, das ist doch Mainz am Rhein?

In meinem Pakt geschrieben
Steht: Ewig nimmer gegens Reich!
So stehts und ist geblieben
Und bleibt sich unverbrüchlich gleich!
Ich bin von Schwabenstamme,
Bin auch ein Eidgenosse gut,
Und dass mich Gott verdamme,
Vergiess ich Deutscher deutsches Blut!

In Mainz als Feind zu rücken
Reisst mich kein Höllenteufel fort,
Betret ich dort die Brücken,
So sei mir Hand und Schlund verdorrt!
Nicht dürft ich mich bezechen
Mit frommen Christenleuten mehr!
Mein Waffen lieber brechen
Als brechen Eid und Mannesehr!

"Lala", kirrt Condé, "ferner
Dient Ihr um Doppel-Tripellohn."
Da bricht vorm Knie der Berner
In Stücke krachend sein Sponton,
Dem Prinzen wirft zu Füssen
Die beiden Trümmer er und spricht:
"Den König lass ich grüssen,
Das Deutsche Reich befehd ich nicht!"

Ein Pilgrim

's ist im Sabinerland ein Kirchentor -
Mir war ein Reisejugendtag erfüllt -
Ich saß auf einer Bank von Stein davor,
In einen langen Mantel eingehüllt,
Aus dem Gebirge blies ein harscher Wind -
Vorüber schritt ein Weib mit einem Kind,

Das, zu der Mutter flüsternd,scheu begann:
Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!

Mir blieb das Wort des Kindes eingeprägt,
Und wo ich neues Land und Meer erschaut,
Den Wanderstecken neben mich gelegt,
Wo das Geheimnis eine Ferne blaut,
Ergriff mich unersättlich Lebenslust
Und füllte mir die Augen und die Brust,
Hell in die Lüfte jubelnd rief ich dann:
Ich bin ein Pilgerim und Wandersmann!

Es war am Comer- oder Langensee,
Auf lichter Tiefe trug das Boot mich hin
Entgegen meinem ewgen, stillen Schnee
Mit einer andern lieben Pilgerin -
Rasch zog mir meine Schwester aus dem Haar,
Dem braungelockten, eins, das silbern war,
Und es betrachtend, seufzt' ich leicht und sann:
Du bist ein Pilgerim und Wandersmann.

Mit Weib und Kind an meinem eignen Herd
In einer häuslich trauten Flamme Schein
Dünkt keine Ferne mir begehrenswert.
So ist es gut! So sollt' es ewig sein ...
Jetzt fällt das Wort mir plötzlich in den Sinn
Der kleinen furchtsamen Sabinerin,
Das Wort, das nimmer ich vergessen kann:
Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann.

Epilog

Wer bist du, dunkles Angesicht?
Du überströmest mich mit Tränen -
Die Muse, die dich einst geliebt,
Sie kommt mit dir zu sterben.
Nach Qual und Traum erreichen wir,
Auch wir die tiefe Bläue.