Hinweis auf einen durchaus unfrommen, etwas verharmlosten Großen der Literatur in seinen Verhältnissen zu Trier und Konstantins linkem Fuß

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„Ihr befaßt euch ausgerechnet mit Conrad Ferdinand Meyer? Der paßt ja nach Trier wie die Faust aufs Auge. Ich habe ihn als Erzprotestanten und Katholikenfresser verinnerlicht“ - Äußerung eines prostestantischen Pfarrers in Bezug auf Trier und einige Literaturbegeisterte vor Ort, die sich schwerpunktmäßig mit dem Schweizer Autor befassen.

Meyer, 1825 bis 98, ein linientreuer Protestant, ein Parteigänger, ein fanatischer Kulturkämpfer?

Was weiß man von dem Nazarener […] Was man von seinen Reden und Taten erzählt, ist unglaublich und unwichtig, spricht ein Kardinal in Angela Borgia und fährt fort: Ich weiß nur von dem durch die Kirche in den Himmel erhöhten König, von dem durch die Theologie geschaffenen zweiten Gotte der Dreifaltigkeit.

Und, typisch für den Autor, je höher der geistliche Würdenträger, desto ungeistlicher und realpolitischer dessen Denken: Sein der Himmel! Unser die Erde! Unser ist hier die Gewalt und das Reich! Und es ist Herrscherpflicht, das Schädliche und Unnütze, das uns widersteht, zu vernichten.

Etlichen hochgestellten Klerikern bei Meyer erscheint die Ethik der Evangelien nicht nur lästig und unerwünscht, sondern wird schlechterdings abgeschmettert. Es entsteht ein wunderbarer Konsens zwischen „geistlicher“ und „weltlicher“ Macht. Meyer interessiert die realpolitische Seite der Kirche, keine theologische Wahrheitsfindung. Denn bei der gibt es keine Antwort – wie, selbstredend, auf diejenige nach der besseren Konfession, protestantisch oder katholisch.

Es hätte Meyer zufolge viel eher Sinn, Ethik fruchtbar zu machen. Der in Trier als Konzertkünstler bekannte Klauspeter Bungert weist in seinem Meyer-Buch „Die Felswand als Spiegel einer Entwicklung“ auf den Unterschied hin: „In der berühmten Ballade Die Füße im Feuer stellt Meyer dogmatischen Wahn und ethische Utopie auf zwei Druckseiten gegenüber. Nicht den katholischen Mörder und den protestantischen Edelmann, wie vordergründige Lesart nahelegt, sondern Blutgestank des Glaubensirrsinns und die Haltung eines, der aus seiner Religion das herauszieht, was den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen hilft nach dem biblischen Satz: Mein ist die Rache, redet Gott. Der Ursprung solcher Sätze ist gleichgültig.“

Weiter heißt es: „Die Spaltung zwischen Ethik und Dogma geht bei C.F. Meyer so weit, daß der angebliche Stifter des Christentums durchaus als ein Agnostiker, Atheist und Nihilist denkbar wird. Diese Spaltung entspringt aber nicht der intellektuellen Boshaftigkeit ihres Urhebers (jedenfalls nicht vorrangig), sondern (in erster Linie) einer eindringlichen Akzentuierung des ethischen Gedankens gegenüber jeder Dogmatik.“

Die Texte empfehlen Meyer als Skeptiker bis zu jenem Konsequenzpunkt, der Offenes offen läßt. Meyer zählte nicht zu den bekennenden Atheisten seiner Zeit wie Gottfried Keller und Theodor Storm, hoffte sogar, daß Keller, sein Mitbürger, sich ein Hintertürchen für die Möglichkeit von etwas Göttlichem offenhielte. Dies waren aber offensichtlich nicht Hintertürchen in die Kartenhäuser der Konfessionen.

Fraglos mit besonderer Genüßlichkeit obduzierte Meyer die Poliktik der Päpste, die gewissermaßen aus der Spätfolge der Konstantinischen Schenkung erwuchs. Insbesondere das Papstgeschlecht der Borgias hatte es ihm angetan. Nicht zufällig steht der oben zitierte Ausspruch des Kardinals Ippolito d'Este in jener Novelle, die den Geschlechtsnamen im Titel trägt.

Im unten aufgeführten Gedicht Lügengeister (XIV) aus dem Versepos Huttens letzte Tage spielt Meyer auf Konstantin an, der Papst Silvester I und allen seinen Nachfolgern die politische Oberherrschaft über Rom, Italien und die gesamte Westhälfte des Römischen Reiches verliehen haben soll. Tausend Jahre konnte die römische Kirche ungehindert in kaiserlichem Range politisieren, bevor die Schenkung als triviale Fälschung überführt wurde. In Epistolae obscurorum virorum (Hutten IX) läßt Meyer die vom Humanisten Ulrich von Hutten mitverfaßten, aber anonym erschienenen „Dunkelmännerbriefe“ launig aufleben, jene bissig ironische Satire auf Pfaffenbigotterie. Humanismus und Reformation rückten dem eskalierenden sakralen Mummenschanz heftig zu Leibe. Besorgt registrierten aufmerksame Humanisten den Ausbruch der „heiligen Krankheit“ in Rom. Der „Morbus sacer“ äußerte sich wie nie zuvor als spastische Vision und agitierter, höchst profitabler Reliquienkult. Es boomten Heiligenerscheinungen und Wunder. Das Nervensystem des armen, elenden Volkes bebte tonisch-klonisch in Aussicht auf teuer erkaufte, versprochene Heilserfahrungen, während dem Moloch Rom in Anbetracht horrender Ablaß-Gewinne der Schaum vor den Mund trat.

Meyer erinnert an diese Zeit. Sie ist für ihn nicht abgetane Vergangenheit, sondern Beispiel des menschlichen Irrsinns, der, gleich in welcher brutalen oder anderweitig bornierten, sakral oder weltlich getarnten Weise, immer wieder nachwächst und zu überführen bleibt. Scharfblick und Vernunft unterfüttern nur eine große solidarische Liebe des Autors zum Einzelmenschen, den er gegen den Irrsinn der Massen und der Apparate der Macht in Schutz nimmt. Das bildet einen klaren Unterschied zu dem jetzt in Trier am linken Fuß herbeigezerrten und beweihräucherten „Wegbereiter des christlichen Glaubens“, denn: Konstantin sah in der im Mailänder Edikt verordneten Religionsfreiheit nur ein äußeres Mittel, eine strategische Maßnahme zur Besänftigung der Straße. Die stets die öffentliche Ordnung störenden Glaubensepileptiker sollten in Remission gehalten werden.

Auf der unteren Ebene der Klerikerhierarchie zeichnet Meyer oftmals freundliche Bilder. Da sind die witzigen Priesterfiguren Hilarius (Engelberg), Pancraz (Jürg Jenatsch) und der sympathische, zupackende Mamette (Angela Borgia) - liebenswürdige Sozialarbeiter, die im Fall der ersteren freilich, ohne unmittelbaren Schaden, salbungsvoll dünkelhaft auf ihrem Status als Vormund aller (Schafe) beharren. Ironisch schwingt der Götterbote Merkur durch: immer auf Achse, flüchtig wie die Luft, im gebotenen Moment zur Stelle. Wenn es paßt, von weitem Wahrheitsbegriff, der diplomatischen Lüge nicht abgeneigt. Erfinderisch im Fabulieren und doch selber Opfer der Legenden ihrer Religion.

Die protestantischen Kollegen kommen keineswegs besser weg. Als abschreckendes Beispiel evangelischen Fanatismus führt Bungert den Pfarrer Blasius Alexander an: „Blasius Alexander, geistlicher Mordkupan Jenatschs, knallt aus nächster Nähe einen Menschen ab. Er stellt in einer Grabrede schreckliche, altertümliche Worte so zusammen, daß Waser sie kaum mehr erkannte und sie ihm als Ausdruck gotteslästerlicher Rachsucht erschienen. Er schüttet ein Glas Alkohol nach dem anderen in sich hinein, nicht etwa um seine Angst (vor einem bevorstehenden Schußgefecht) abzutöten, sondern weil Selbsthaß ihn längst zum Alkoholiker machte. Von der katholischen Gegenpartei gefaßt und wegen seiner Weigerung, den protestantischen Glauben abzuschwören, […] zum Verluste der rechten Hand und des Hauptes verurteilt, streckt er, da seine Rechte abgeschnitten auf dem Blocke liegt, bereitwillig auch die Linke hin, als könne er sich des Martertums nicht ersättigen.

Redeabschnitte Huttens sind analog Meyers Schreibgebrauch in den folgenden Auszügen aus Huttens letzte Tage ohne Anführung gesetzt:


XIV Lügengeister

Der Zaubrer Faust erschien am Hof zu Mainz,
Er liebt der Kardinäle Purpur, scheint's.

Verhangen ward ein Saal und blaß erhellt
Für die Besuche der Gespensterwelt.

Der Kurfürst setzte sich. Ihm stand ich links.
Der bleiche Magier harrte seines Winks.

Natürlich ging die erste Frage da
Nach der erlauchten Bübin Helena.

Er rief der Leda Kind. Es zeigte sich
Ein blanker Fuß und tanzte wunderlich.

Das leere Gaukelspiel, das mich verdroß,
Entzückte den vernarrten Pfaffentroß.

Was schiert die Metze mich? Herr Nekromant,
Seid Ihr mit edlern Toten nicht bekannt?

- „Wen fordert Ihr?“ Den Kaiser Constantin!
Er rief. Ein Purpurtragender erschien.

Ich frage Majestät, ob ihr gedenkt,
Daß sie dem Papst die ew'ge Stadt geschenkt?

„Ja“, nickte das Gespenst. Wie? Wo? Und wann?
Ein Märchen ist's, das Eigennutz ersann!

Es ist Betrug und das beweis' ich stramm
Mit scharfer Kunst, die nennt man Criticam.

Du bist ein Pfaffengeist! Zur Hölle fort!
Der Lügenkaiser schwand vor meinem Wort.


XII Romfahrt

Erwerben wollt' ich fremder Muse Gunst,
Den edlen Kranz der alten Redekunst.

Latein gedrechselt hab' ich manches Jahr
Und ein Latein, das schlank und zierlich war.

Nun blieb mir die Rotunde noch zu sehn,
Als Pilger auf das Capitol zu gehn.

Am Wege traf ich manchen Lorbeerstrauch
Und Myrtenbusch und manchen Fladen auch.

Gewölk und schneid'ger Wind und Tannenduft
Bekommt mir besser als die welsche Luft.

Die Trümmer sah ich alter Römerpracht
Zur Festung dienen einer Priestermacht.

Entartet und verheuchelt sah ich da
Den Kopf des Claudiers und der Claudia.

Ich sah ein Weib, das mit sich handeln ließ,
Die man die „allgemeine Kirche“ hieß.

Ich fand von feiler Schreiberschar entweiht
Die ciceronische Beredsamkeit.

Ich sah, wie man in dieser Pfaffenstadt
Uns ohne große Kunst zum Narren hat,

Sah unsrer Väter Glauben in der Hand
Ungläub'ger Priester als ein Gängelband.

Sag' ich es kurz und klassisch, was ich sah
Am Tiberstrom? Cloaca maxima!

Mich freute Tempel nicht, noch Monument.
Mein Volk verachtet sehn! Das würgt und brennt!

Mir den Geschmack zu bilden hofft' ich dort
Und bitter war der Mund mir immerfort.

Mir gor das Blut, die Galle regte sich,
Ich sprach: Jetzt, Hutten, schilt! sonst tötet's dich.

Vor Petri neuem Tempel höhnt' ich laut:
Der Simon hat's mit unserm Geld gebaut!

Was soll die übermüt'ge Pfarre da
Mit Zinne, Porticus und Statua?

Wir wissen es, wer hier zu Miete saß:
Der unverschämten Hölle frechster Spaß!

Der Stier im Wappen sagt: Hie hat gehaust
Der Borgia Lust, davor's dem Teufel graust!

Der zehnte Leo nun verkauft den Geist,
Der über seinem roten Käppchen kreist!

Du malest, Raphael, zu seinem Glanz?
Freund! Mal ihm einen dreisten Totentanz,

Damit der Unfehlbare nicht vergißt,
Daß er, wie wir, ein armer Sünder ist.

Ich ging. Mit einem derben Kohlenstrich
Beschrieb des Vaticanes Mauer ich:

„In diesen tausend Kammern thront der Trug!
Ein Deutscher kam nach Rom und wurde klug.“


Sigrid Otto


Quellen:

Conrad Ferdinand Meyer. Gesammelte Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bern 1958 ff.

Das gesammelte Werk liegt demnächst erstmals fertig als Hörbuchprojekt vor (5 MP3-CDs mit 57 Std. Aufzeichnungsdauer), seit Januar 2004 aufgesprochen und eigenhändig gemastert von Klauspeter Bungert, der auch die Literaturseminare mit Schwerpunkt Meyer moderiert, die in Abständen immer wieder Interessierte jeglichen Alters versammeln - bisweilen sogar, man staune, unter der Schirmherrschaft der Katholischen Erwachsenenbildung im Begegnungsforum Haus Franziskus!

Klauspeter Bungert. Die Felswand als Spiegel einer Entwicklung. Der Dichter C.F.Meyer als Gegenstand einer psychologischen Literaturstudie. Berlin 1994

Weitere Aufsätze auf Bungerts Website: www.autoren-theater.de

Eckhardt Bernstein - Ulrich von Hutten, rowohlts monographie, 1988

Sigrid Otto, Trier im Oktober 2006

texte/sigrid.txt · Zuletzt geändert: 2010/12/07 18:48 (Externe Bearbeitung)
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