Aufsätze u.a. zu Meyer

von Sigrid Otto

Jürgen Fährmann

  • Nennung von Frau Dr. Lisa Schroeter-Bieler: Bildweld und Symbolische Gestaltung in der Dichtung Conrad Ferdinand Meyers. Studien zur Symbolik in den Gedichten und Novellen. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosphischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg i.Br. Vorgelegt von Jürgen Fährmann aus Kiel. Freiburg i.Br./1964

Klauspeter Bungert

  • Aus einem Schreiben vom 17. Dezember 2008 von Klauspeter Bungert an die Meyer-Forscherin Elisabeth Lott:

[…] entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie ab und an mit Beobachtungen oder dem, was ich dafür halte, im Rahmen meiner CFM-Studien beschicke. Mir im umgekehrten Fall ist es immer eine Freude, wenn ein anderer etwas entdeckt oder reflektiert oder diskutiert, das in einen Bereich fällt, mit dem ich mich besonders befasse.

In der Sekundärliteratur über Meyer sind Sie sicherlich umfassender bewandert als ich, daher mag es sein, daß Sie meinen etwas pauschalen Eindruck nicht teilen, daß dort die tektonischen Schichten der GEDICHTE in der Regel mehr zurückgeführt erscheinen auf im Grunde kosmetische Korrekturen im Rahmen eines schwierigen und endlich erfolgreichen Stilfindungsprozesses.

Ich bin nun sicher und finde tatsächlich immer noch weitere Belege dafür, daß am Anfang der 1882 in Erstfassung vorgelegten Sammlung eine formale und geistige Grundkonzeption stand, über die der Dichter anscheinend aber wenig Konkretes verlauten ließ. In der kommenden Woche werde ich in einem kleinen Interessentenkreis einige konkrete Einsichten dazu diskutieren.

Z. B. die Relation zwischen den aufeinanderfolgenden Gedichten DIE SPANISCHEN BRÜDER und DAS AUGE DES BLINDEN. Neben dem Aspekt, daß beide Texte auf spanische Geschichte und auf Brudermord anspielen - gefundenes Fressen für alle, die gern in Fußnoten baden -, und etwas Homoerotischem - das züchtig verschwiegen wird - besteht eine subtilere und substantiellere Verbindung in den Pointen, die auf den ersten Blick recht verschieden wirken:

- der eine, fanatisch katholische Bruder, bringt den andern im letztmöglichen Augenblick vor dessen Konversion um, genau in dem Sinne, wie derzeit zuweilen Muslime ihre Schwestern umbringen, weil die anders lieben, als die Familienehre will - und glaubt, damit den Ermordeten vor der ewigen Verdammnis gerettet

- der verliebte Blinde findet seinen Abgott nach langer Reise (auch der eine Bruder reiste weit, um den andern zu finden) von Auszehrung gezeichnet vor, doch merkt es nicht: die Schönheit des Prinzen „blüht in eines Blinden Auge / Fort in unversehrter Schönheit“

Der zweite Text nimmt das Motiv des Wahnhaften, des Irrtums, der Blindheit nochmal auf und sagt: der Ehrenmord im ersten Text ist nicht nur pervers, verzweifelt und grausam, er fußt auch auf Blindheit und Wahn.

Ich gehe davon aus, daß der Dichter diese Texte erst so formen konnte - ihr thematisches Potential erkannte -, als er heraushatte, wie er alle aufeinander beziehen und zyklisch ordnen konnte. Wieder darf ich das vielleicht auf mein Vorgehen bei eigenen Lyrika übertragen, bei dem ich ohne Anklang im Stilistischen sehr bewußt an Meyer dachte:

Der Anfangsimpuls war der, daß ich erstmal alle möglichen Versmaße üben und beherrschen wollte.

Als eine Handvoll Texte dastand, gab es eine erste Idee, noch mehr davon zu erstellen und sie in eine anmutige und spannungsvolle Anordnung zu bringen.

Die Einzeltexte wurden über mehrere Jahrzehnte hinweg wieder und wieder gesichtet, überarbeitet, arrangiert, neu arrangiert und schließlich, als die mich zufriedenstellende Anordnung gefunden war, nochmals in der Weise abgeändert, daß ein möglichst reiches Bezugssystem untereinander entstand. Etliche Texte gestaltete ich im Verlauf dieses Abstimmungsprozesses so um, daß die erste (vernichtete) Fassung nicht mehr zu erraten ist.

Ich rezipierte Meyers Gedichte übrigens nie in der Weise anscheinend vieler Lyrikleser, die sich Texte ausgucken, die sie selber besonders berühren oder „betreffen“, sondern auf dem Hintergrund eines Lustgewinns durch Aufspüren subtiler Zusammenhänge. Deren Vorhandensein nahm ich schon recht bald als das Besondere und Herausragende dieser GEDICHTE an. Über dieses Aufspüren lassen sich in weiteren Schritten m. E. sichere Aufschlüsse über den Menschen und Denker Meyer gewinnen.

Gerade vorhin fielen mir noch diese Konnotationen neu auf. Aufeinanderfolgende Gedichte in GÖTTER:

- THESPESIUS - der Lüstling Aridäus erhält im Delirium eines Unfalls von einem angesehenen Verwandten, den er im Jenseits wähnt, einen neuen Namen, wehrt sich, akzeptiert und wird unter Mühen ein andrer

- DER TRUNKENE GOTT - Alexander wird in berauschter Runde von seinem Mundschecken umschmeichelt, Kriegsveteran Kleitos dagegen von letzterem noch mehr gereizt, Alexander die Leviten zu lesen; Alexander wehrt sich gegen die Mahnung, aber dergestalt, daß er den Mahner ersticht; Trauer, Schreck, Erwachen folgen, aber Alexander bleibt ein Größenwahnsinniger, er wird anders als Aridäus kein anderer

- DER BOTENLAUF - hier werden zweie, Castor und Pollux, als „wie ein liebendes Paar“ einträchtige Brüder und Überbringer einer Siegesnachricht, zu Gestirnen erhoben - Alexander wäre gern ein Gott gewesen, aber war „Staub“, Castor und Pollux wollen gar nichts für sich und werden „erhoben“

- DER GESANG DER PARZE - hier spielt wie im Vorgängergedicht eine Siegesnachricht eine Rolle - mit dem bedeutenden Zusatz, daß in der Projektion der spätere Ehemann der kleinen Claudia im Heer der Sieger fällt (interessante strukturelle Verbindungen übrigens zwischen diesem Gedicht und dem vierten der Abteilung: „Die sterbende Meduse“)

- DER RITT IN DEN TOD - Zusammenführung von Elementen der beiden Vorgängergedichte: der Sieger zugleich als Überbringer der Siegesnachricht, und: er wird sterben - „fallen“ -, weiß es, mehr noch, weiß sich (durch Ungehorsam) des Todes „schuldig“ (Konstellation nicht nur aus Livius, sondern auch analog Kleists Homburg-Drama)

Die gesamte Abteilung GÖTTER thematisiert ja Grenzzustände, das Durchdringen von Gegensätzen, das (heimliche) Weben von Schicksalskräften, aufgespaltene Identität, Ahnungen, Rauschzustände. Das zu verfolgen und anhand der einzelnen Aspekte zu differenzieren, bereitet ein großes Vergnügen und interessante, unbedingt relevante Denkanstöße.

In DAS VERLORENE SCHWERT instrumentalisiert Cäsar ein Stück Materie zu einem Mythos um sich selber, in DAS HEILIGTUM zerstört er umgekehrt einen bestehenden Mythos - erweist sich als jemand, der keine Mythen, nur Materie kennt -, beides mit dem identischen Ziel: seine Überlegenheit zu zeigen.

Vielleicht kommt meine Freundin in 09 ja mit nach Zürich bzw. Kilchberg. Dann werden wir hoffentlich auch den Besuch auf der Ufenau, dem Spielort eines unsrer Lieblingswerke, nachholen. Ihnen, sollten wir vorher keinen Kontakt mehr haben, an dieser Stelle schon mal meine Wünsche für einen friedlichen Jahresausklang und gute Aussichten für 2009

Ihr

Klauspeter Bungert

Horoskop von Meyer (erstellt von Klauspeter Bungert)

texte/texte.txt · Zuletzt geändert: 2010/12/07 18:48 (Externe Bearbeitung)
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