Gedichte

Aus einem Schreiben an die Leiterin des Kilchberger Ortsmuseums (Meyerhaus), in dem der Unterzeichnete am 27.09.07 gemeinsam mit Meyers Urgroßnichte Clelia Meyer einen literarisch-musikalischen Abend gestaltete (Plautus im Nonnenkloster mit musikalischen Intermezzi Carl Nielsens).

[…]nun liegt Kilchberg schon wieder bald zwei Monate zurück und die Wiederholung der Veranstaltung am 2. Dezember hier in der Region in greifbarer Zukunft. […]

Bis auf ein paar Tage, in denen ich ein weiter zurückliegendes Projekt wieder aufgriff, retouchierte ich die ganze Zeit über weiter an dem Hörbuchprojekt. Nach dem schwierigen Ausmerzen des Betonungsfehlers sowohl der italienischen wie der eingedeutschten Version des Fremdwortes für Schwank im Plautus besserte ich ein paar von meiner privaten Lektorin gefundene Schwachstellen im Jenatsch und einige Schönheitsfehler bei den Gedichten aus, die ich in den letzten Tagen denn wieder geschlossen durchhörte.

Dabei verfolgte ich die durch Ihre Anmerkungen im Meyerhaus neu aufgerührte Frage mit besonderem Schwerpunkt, ob bzw. inwieweit Meyer selber andern Personen Ursache für eigene seelische Probleme zuschrieb. Wie Sie vielleicht inzwischen (u.a. anhand der Ausführungen in dem Felswandbuch) herausfanden, sehe ich das anders als die traditionelle Meyerforschung. Und ich sehe mich - bzw. leitete es aus dem Schaffen ja so ab - von den Perspektiven des Werks unterstützt. Meyer muß Einsichten darüber gewonnen haben, die den Ansätzen der modernen Neurobiologie äußerst nahe, den Normierungen und Erklärungsversuchen der Pädagogik und Psychologie in Nachfolge Sigmund Freuds (die er noch gar nicht kannte) dagegen ferne stehen.

Im Gedichtwerk, aber bei weitem nicht nur dort, sticht eine Disposition ins Auge, die Meyer selbst immer wieder umkreist und durch antithetische Konfrontationen plastisch macht. Die beiden Anfangsgedichte der Abteilung Liebe - Alles war ein Spiel / Zwei Segel - bringen den Gegensatz an denkbar prominenter Stelle und doch nur für bestimmte Leser definitiv auf den Punkt: permanent umherschweifender, unsteter Geist unterminiert Wunsch nach stabiler zwischenmenschlicher Harmonie.

Nimmt man - stellvertretend für Dutzende weiterer Belegtexte und Textstellen - nur die Gedichte Der Kaiser und das Fräulein, Reisephantasie, Die Rehe, Möwenflug, Die Felswand, Ein Pilgrim hinzu, weitet sich der (selbst-)diagnostische Blick in Richtung einer Verlagerung des zwischenmenschlichen Verlangens vom Tastsinn auf den Gesichtssinn, vom Miteinander auf distanzierende Allmachtsphantasien, von Berührenwollen auf Flirt und ästhetischen Genuß beim Anblick von Personen beiderlei Geschlechts (Über einem Grabe, Die Schlittschuhe, Stapfen, Das Auge des Blinden etc. etc.).

Ob diese - im herkömmlichen Sinne - Insuffizienz einer genetischen Determinanten entsprang oder dadurch mitbedingt erschien, daß dem kleinen Kind helfende Erfahrungen vorenthalten schienen, Gewöhnungserfahrungen aus taktilen Zuwendungen der Eltern etwa, die in Meyers Familie tabu gewesen sein sollen, bleibe dahingestellt. Durch ein Zusammenwirken der Faktoren springen sowohl entsprechendes Verhalten als auch Folgen davon gewissermaßen auf Generationen über.

Ich weiß nicht, inwieweit ich Überlegungen zu Werk und Person noch einmal zu einer geschlossenen Darstellung ausbauen soll und kann. Auch die Frage nach dem zyklischen Zusammenhang der Gedichtesammlung - eklatant - müßte an zahlreichen Einzeluntersuchungen erläutert werden. Dazu müßten spezifische Abwandlungen der erhaltenen Vorfassungen im Hinblick auf ihre Angleichung in der endgültigen Anordnung in der Gesamtreihe abgeklopft werden. Diese Untersuchung scheitert bisher an zwei Dingen: an anderen, bis dato vordringlicheren Aufgaben und an der unbefriedigenden Qualität dieser Vorfassungen, die Meyer mit Recht ungültig erachtete.

[…]

Klauspeter Bungert
www.autoren-theater.de
Trier, den 15.11.2007

werke/gedichte.txt · Zuletzt geändert: 2010/12/07 18:48 (Externe Bearbeitung)
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