Der Schuß von der Kanzel

Literaturseminar in Trier: Der Schuß von der Kanzel (Januar / Februar 2003)

Zum vierten Mal fand in der Begegnungsstätte Haus Franziskus in Trier unter der Leitung von Klauspeter Bungert ein Conrad Ferdinand Meyer-Seminar statt. An vier hintereinanderfolgenden Mittwochnachmittagen wurde über die Novelle Der Schuß von der Kanzel debattiert. Dank der bunten Zusammensetzung der intelligenten Runde konnte eine lebhafte, inhaltlich ergiebige Diskussion angestoßen und bis zuletzt in Fluß gehalten werden. Es erwies sich, welch herausgehobene Vorzüge in Substanz und Darstellung Meyer auch in dieser gelegentlich unterschätzten Erzählung entfaltet. Bungert verstand es, die Diskussion rasch weg von Fragen wie der nach der Treue im historischen Dekor, oder der - noch unfruchtbareren - nach korrekter stilistischer Einordnung in die Literatur des 19. Jahrhunderts, hin auf einige Kernaussagen in der Erzählung selber zu fokussieren. Und hier vorrangig auf Aspekte, die nicht jedermann sofort ersichtlich sind, sondern dem Leser erst aufgehen, wenn er durch mehrfache Lektüre oder durch Hinweis darauf gestoßen wird.
So war den Teilnehmern nicht von vornherein klar, daß die Türkin in der Erzählung nur als Gemälde existiert, Meyers Darstellung jedoch bewußt zweideutig gehalten erscheint, um - auf einer über den unmittelbaren Kontext hinausgreifenden Ebene - Erotik als ein Feld zu bezeichnen, auf dem die Imagination (im Text Vision) reales Geschehen überlagern, verdrängen und ersetzen kann. Pfannenstiel verschweigt eben diese Begegnung mit dem erotisch aufgeladenen Kunstwerk und beginnt mental ein Doppelleben, er, der brave angehende Pfarrer, ehe er Rahel, seine beherzte, gescheite, adrette Verlobte, zur Frau erhält.
Ein Seminarteilnehmer brachte den Skandal, den das Exotinnenbild in Pfannenstiel auslöst, sinnfällig auf den Punkt: die Türkin verletze Pfannenstiels Ideal von sich selbst, sein Bedürfnis „rein“ zu bleiben.
Hieran schloß sich ein Exkurs an, ob Fremdenfeindlichkeit bei minder intelligenten Personen in der Abwehr einer häufig verstärkt empfundenen erotischen Attraktivität eine Wurzel finde. Auf Skepsis stießen zunächst zwei Hypothesen Bungerts. Die eine besagt, daß das ganze Werk eine augenzwinkernde Parodie auf Homers Odyssee darstelle. Die zweite diente dazu, das Augenmerk der Leser auf die metasprachlichen Möglichkeiten zu lenken, die Meyer am Beispiel köstlicher Wortverwechslungen und Begriffsvertauschungen ausspiele. Bungert verwies auf die umgangssprachlich nicht relevante, gedanklich sehr wohl herstellbare Verbindung der Wortbedeutung des Mitspielens (bei einem Kartenspiel etwa, Jaß) und der Wendung „Jemandem wird (arg) mitgespielt.“ Er verwies auf die gedankliche Verbindung der Hassan-Episode im dritten Kapitel zur stoischen These, die Meyer im siebten Kapitel seiner letzten Novelle Angela Borgia dem Dichter Ariost in den Mund legt: es hänge alles von der Farbenbrechung der Seele ab; Glück könne schmerzen, und Unglück - als Tragödie betrachtet - lasse sich genießen. Unglück, Mißgeschick, jemandem wird mitgespielt - Intrige, Inszenierung, ein Spiel. Man spielt - zumindest in Gedanken, und wenn man es möchte - mit.
Während diese nicht zwingende, aber auf Meyers Niveau angesiedelte Spekulation erst des Hinweises weiterer Parallelbeispiele im Text bedurfte - etwa im fünften Kapitel Wertmüllers Behauptung, die Dorfgemeinschaft habe sich nicht über seinen schießenden Pfarrer mokiert, sondern die Schüsse geprüft - fand Bungerts These sofort Anklang, daß Meyer auch diese Erzählung einen, diesmal freilich ungenannten, Dritten (Rahmenerzähler) vortragen und kommentieren lasse. Anders seien die eingestreuten Bildungselemente - Hinweis auf Shakespeare (Ende viertes Kapitel) und andere weder aus Zeit noch Zusammenhängen der Erzählung motivierte Einlassungen - nicht motivierbar. Vollends eine erkleckliche Anzahl überzogener, geradezu deplazierter Vergleiche verweise darauf, daß Meyer in diesem Erzähler, der seiner Mittel nicht sicher ist, die Parodie eines Erzählers schuf.
Ein ethischer Aspekt der Novelle wurde mit einem Satz von Erich Limpach (Spruch zum Tag, Trierischer Volksfreund, 11. Februar 2003) konfrontiert. Limpach: „Mit dem Nebengedanken an eine Belohnung entwertet jede gute Tat sich selbst.“ Wertmüller bei Meyer (viertes Kapitel): Ehe ich meinen Koffer packe, […] möchte ich wohl noch einen Menschen glücklich machen […] - besonders wenn sich ein kräftiger Schabernack damit verbinden ließe.
Wertmüller, gebeten, seinen Verwandten von seiner unchristlichen Jagdlust zu heilen (fünftes Kapitel): Unmöglich. Sie steckt im Blute. Er ist ein Wertmüller. Aber ich kann seiner Leidenschaft eine unschädliche Bahn geben.
Die Conrad Ferdinand Meyer-Gesellschaft regt die Durchführung von Seminaren über den Dichter, sei es im privaten Rahmen, sei es in Kooperation mit einem öffentlichen Träger (hier der KEB Trier), nachdrücklich an. Sie steht mit Rat und Information gern zur Verfügung. In Trier werden unter der Leitung Klauspeter Bungerts weitere Veranstaltungen stattfinden. Als nächste sind geplant: Der Heilige und Das Leiden eines Knaben.
(KlpB, 23/02/03)

Klauspeter Bungert
Gilbertstr. 28
54290 Trier
Tel. 0049-651-76993
Mail: klauspeter.bungert@web.de
Web: http://www.autoren-theater.de

werke/schuss.txt · Zuletzt geändert: 2010/12/07 18:48 (Externe Bearbeitung)
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